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, und lasse sie ein Talisman sein für diese glückerfüllte Zeit. Heute haben wir den 21.

An Goete

Caub

Ich schreibe Dir in der kristallnen Mitternacht; schwarze Basaltgegend, ins Mondlicht eingetaucht! Die Stadt macht einen rechten Katzenbuckel mit ihren geduckten Häusern, und ganz bepelzt mit himmelsträubenden Felszacken und Burgtrümmern; und da gegenüber schauert's und flimmert's im Dunkel, wie wenn man der Katze das Fell streicht.

Ich lag schon im Bett unter einer wunderlichen Damastdecke, die mit Wappen und verschlungenen Namenszügen und verblichnen Rosen und Jasminranken ganz starr gestickt ist; ich hatte mich aber drunter in das Dir bekannte Fell des Silberbären eingehüllt. Ich lag recht bequem und angenehm und überlegte mir, was der Christian Schlosser mir unterwegs hierher alles vorgefaselt hat; er sagt, Du verstehst nichts von Musik und hörst nicht gern vom Tod reden. Ich fragte, woher er das wisse; – er meint, er habe sich Mühe gegeben. Dich über Musik zu belehren; es sei ihm nicht gelungen; – vom Tod aber habe er gar nicht angefangen, aus Furcht, Dir zu missfallen. Und wie ich eben in dem alleinigen, mit grossen Federbüschen verzierten Ehebett darüber nachdenke, hör ich draussen sangso viel Pause! – Ich springe im Silberbär ans Fenster und gucke hinaus, – da sitzt mein spanischer Schiffsmann in der frischen Mondnacht und singt. Ich erkannte ihn gleich an der goldnen Quaste auf seiner Mütze; ich sagte: "Guten Abend, Herr Kapitän, ich dachte, Ihr wärt schon vor acht Tagen den Rhein hinab ins Meer geschwommen." Er erkannte mich gleich und meinte, er habe drauf gewartet, ob ich nicht mit wolle. Ich liess mir das Lied noch einmal singen; es klang sehr feierlich, – in den Pausen hörte man den Widerhall an der kleinen scharfkantigen Pfalz, die inmitten umdrängender schwarzer Felsgruppen mit ihren elfenbeinernen Festen und silbernen Zinnen ganz ins Mondlicht eingeschmolzen war. –

Lieber Goete, ich weiss nicht, was Dir der Schlosser über Musik demonstriert hat mit seiner verpelzten stimme, – aber hättest Du heute nacht mit mir dem fremden Schiffer zugehört, wie da die Töne unter sich einen feierlichen Reigen tanzten; wie sie hinüberwallten an die Ufer, die Felsen anhauchten und der leise Widerhall in tiefer Nacht so süss geweckt, träumerisch nachtönte; der Schiffer, wie er aus verschmachteter Pause wehmütig aufseufzt, in hohen Tönen klagt und aufgeregt in Verzweiflung hallend ruft nach Unerreichbarem und dann mit erneuter leidenschaft der Erinnerung seinen Gesang weiht, in Perlenreihen weicher Töne den ganzen Schatz seines Glückes hinrollt; – O und Ach! haucht, – lauscht, – schmetternd ruft; – wieder lauschtund ohne Antwort endlich die Herde sammelt, in Vergessenheit die kleinen Lämmer zählt: eins, zwei, drei, und wegzieht vom verödeten Strand seines Lebens, der arme Schäfer. – Ach, wunderbare Vermittlung des Unausprechlichen, was die Brust bedrängt; ach Musik! –

Ja, hättest Du's mit angehört, mit eingestimmt hättest Du in die Geschicke; mitgeseufzt, – mitgeweint, – und Begeistrung hätte Dich durchzückt, und mich, lieber Goete, – die ich auch dabei war, – tiefbewegt, – mich hätte der Trost in Deinen Armen ereilt.

Mir sagte der Schiffer gute Nacht, ich sprang in mein grosses Bett unter die damastene Decke, sie knarrte mir so vor den Ohren; – ich konnte nicht schlafen, – ich wollte stilliegen; – da hörte ich in den gewundenen Säulen der Bettstelle die Totenwürmchen picken; eins nach dem andern legte los, wie geschäftige Gesellen in einer Waffenschmiede. –

Ich muss mich schämen vor Dir; – ich fürchte mich zuweilen, wenn ich so allein bin in der Nacht und ins Dunkel sehe; es ist nichts, aber ich kann mich nicht dagegen wehren; dann möchte ich nicht allein sein, und bloss darum denke ich manchmal, ich müsse heiraten, damit ich einen Beschützer habe gegen diese verwirrte angstvolle Gespensterwelt. Ach Goete! – nimmst Du mir das übel? – Ja, wenn der Tag anbricht, dann bin ich selbst ganz unzufrieden über solche alberne Verzagteit. – Ich kann in der Nacht gehen im Freien und im Wald, wo jeder Busch, jeder Ast ein ander Gesicht schneidet; mein wunderlicher der Gefahr trotzender Mutwille bezwingt die Angst. – Draussen ist es auch was ganz andres, – da sind sie nicht so zudringlich; man fühlt das Leben der natur als ewiges göttliches Wirken, das alles und einem selbst durchströmt; – wer kann sich da fürchten? – Vorgestern auf dem Rochus in tiefer Nacht allein, da hörte ich den Wind ganz von weitem herankommen; – er nahm zu in rascher Eile, je näher er kam, und dann grade zu meinen Füssen senkte er die Flügel sanft, ohne nur den Mantel zu berühren, kaum, dass er mich anhauchte, musste ich da nicht glauben, er sei bloss gesendet, um mich zu grüssen? – Du weisst es doch, Goete, Seufzer sind Boten; Du sässest allein am offnen Fenster, am späten Abend, und dächtest und fühltest die letzte Begeisterung für die letzte Geliebte in Deinem Blut wallen; – dann unwillkürlich stösst Du den Seufzer aus, – der macht sich augenblicklich auf den Weg und jagt, – Du kannst ihn nicht zurückrufen.

Irrende Seufzer nennt man, die aus unruhiger Brust, aus verwirrtem Denken und Wünschen entspringen; aber ein solcher Seufzer aus mächtiger Brust, wo die Gedanken, in