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genug hätte! – Aber ich nicht! – Lieber, lieber Freund, erlaub's doch, dass ich Dir jetzt beide hände küsse; zieh sie nicht zurück, wie Du sonst getan hast.

Wo war ich heute nacht? – Wenn sie's wüssten, dass ich die ganze Nacht nicht zu haus geschlafen habe und doch so sanft geruht habe! – Dir will ich's sagen; Du bist weit entfernt, wenn Du auch schmälst, – bis hierher verhallt der Donner Deiner Worte.

Gestern abend ging ich noch allein auf den Rochusberg und schrieb Dir bis hierher, dann träumte ich ein wenig und wie ich mich wieder besann und glaubte, die Sonne wolle untergehen, da war's der aufgehende Mond; ich war überrascht, ich hätte mich gefürchtet, – die Sterne litten's nicht; diese Hunderttausende und ich beisammen in dieser Nacht! – Ja, wer bin ich, dass ich mich fürchten sollte, zähl ich denn mit? – Hinunter traute ich mich nicht, ich hätte keinen Nachen gefunden zum Überfahren; die Nacht ist auch gar nicht lang jetzt, da legt ich mich auf die andere Seite und sagte den Sternen gute Nacht; bald war ich eingeschlafen, – dann und wann weckten mich irrende Lüftchen, dann dachte ich an Dich; so oft ich erwachte, rief ich Dich zu mir, ich sagte immer im Herzen: Goete sei bei mir, damit ich mich nicht fürchte; dann träumte ich, dass ich längs den schilfigen Ufern des Rheins schiffe, und da, wo es am tiefsten war, zwischen schwarzen Felsspalten, da entfiel mir Dein Ring; ich sah ihn sinken, tiefer und tiefer, bis auf den Grund! Ich wollte nach Hilfe rufen, – da erwachte ich im Morgenrot, neubeglückt, dass der Ring noch am Finger war. Ach Prophet! – deute mir diesen Traum; komm dem Schicksal zuvor, lass unserer Liebe nicht zu nahe geschehen, nach dieser schönen Nacht, wo ich zwischen Furcht und Freude im Rat der Sterne Deiner Zukunft gedachte5. Ich hatte schon längst sehnsucht nach diesem süssen Abenteuer; nun hat es mich so leise beschlichen, und alles steht noch auf dem alten Fleck. Keiner weiss, wo ich war, und wenn sie's auch wüssten, – könnten sie ahnen, warum? – Dort kamst Du her, durch den flüsternden Wald, von milder Dämmerung umflossen, und wie Du ganz nahe warst, das konnten die müden Sinne nicht ertragen, der Tymian duftete so stark; – da schlief ich ein, – es war so schön, alles Blüte und Wohlgeruch. Und das weite grenzenlose Heer der Sterne, und das flatternde Mondsilber, das von Ferne zu Ferne auf dem Fluss tanzte, die ungeheure Stille der natur, in der man alles hört, was sich regt; ach, hier fühle ich meine Seele eingepflanzt in diese Nachtschauer; hier keimen zukünftige Gedanken; diese kalten Tauperlen, die Gras und Kräuter beschweren, von denen wächst der Geist; er eilt, er will Dir blühen, Goete; er will seine bunten Farben vor Dir ausbreiten; Liebe zu Dir ist es, dass ich denken will, dass ich ringe nach noch Unausgesprochenem. Du siehst mich an im Geist, und Dein blick zieht Gedanken aus mir; da muss ich oft sagen, was ich nicht verstehe, was ich nur sehe.

Der Geist hat auch Sinne; so wie wir manches nur hören, oder nur sehen, oder nur fühlen: so gibt's Gedanken, die der Geist auch nur mit einem dieser Sinne wahrnimmt; oft sehe ich nur, was ich denke, oft fühle ich's; und wenn ich's höre, da erschüttert mich's. Ich weiss nicht, wie ich zu diesen Erfahrungen komme, die sich nicht aus eigner Überlegung erzeugen; – ich sehe mich um nach dem Herrn dieser stimme; – und dann meine ich, dass sich alles aus dem Feuer der Liebe erzeuge. Es ist Wärme im Geist, wir fühlen es; die Wangen glühen vom Denken, und Frostschauer überlaufen uns, die die Begeistrung zu neuer Glut anfachen. Ja, lieber Freund, heute morgen, da ich erwachte, war mir's, als hätte ich Grosses erlebt, als hätten die Gelübde meines Herzens Flügel und schwängen sich über Berg und Tal ins reine, heitre, lichterfüllte Blau. – Keinen Schwur, keine Bedingungen, alles nur angemessne Bewegung, reines Streben nach dem Himmlischen. Das ist mein Gelübde: Freiheit von allen Banden, und dass ich nur dem Geist glauben will, der Schönes offenbart, der Seligkeit prophezeit.

Der Nachttau hat mich gewaschen; der scharfe Morgenwind trocknete mich wieder; ich fühlte ein leises Frösteln, aber ich erwärmte mich beim Herabsteigen von meinem lieben samtnen Rochus; die Schmetterlinge flogen schon um die Blumen; ich trieb sie alle vor mir her, und wo ich unterwegs einen sah, da jagte ich ihn zu meiner Herde; unten hatte ich wohl an dreissig beisammen, – ich hätte sie gar zu gerne mit über den Rhein getrieben, aber da haspelten sie alle auseinander.

Eben kommt eine Ladung Frankfurter Gäste; – Christian Schlosser bringt mir einen Brief von der Mutter und Dir, ich schliesse um zu lesen.

Dein Kind

Lieber Goete! Du bist zufrieden mit mir und freust Dich über alles, was ich schreibe, und willst meine goldne Halsnadel tragen; – ja tu es