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Bettine

An Bettine

Am 15. Juli

Zwei Briefe von Dir, liebe Bettine, so reich an Erlebtem, sind mir kurz nacheinander zugekommen; der erste, indem ich im Begriff war, das Freie zu suchen. Wir nahmen ihn mit und bemächtigten uns seines Inhalts auf einem wohlgeeigneten bequemen Ruhepunkt, wo natur und Stimmung, im Einklang mit Deinen sinnig heiteren Erzählungen und Bemerkungen, einen höchst erfreulichen Eindruck nicht verfehlten, der sich fortan durch den gordischen Knoten signalisieren soll. Mögen die Götter diesen magischen Verschlingungen geneigt sein und kein tückischer Dämon daran zerren! An mir soll's nicht fehlen, Deine Schutz- und Trutzgerechtsame zu bewahren gegen Nymphen und Waldteufel.

Deine Beschreibung der Rheinprozession und der flüchtigen Reitergestalt haben mir viel Vergnügen gemacht, sie bezeichnen wie Du empfindest und empfunden sein willst; lasse Dir dergleichen Visionen nicht entgehen und versäume ja nicht, solche vorüberstreifende Aufregungen bei den drei Haaren zu erfassen, dann bleibt es in Deiner Gewalt, das Verschwundene in idealischer Form wieder herbeizuzaubern. Bild so anmutig verstrickst, sei Dir Dank, solchen allerliebsten Schmeicheleien ist nicht zu wehren.

Heute morgen ist denn abermals Deine zweite Epistel zu mir gelangt, die mir das schöne Wetter ersetzte. Ich habe sie mit Musse durchlesen und dabei den Zug der Wolken studiert. Ich bekenne Dir gern, dass mir Deine reichen Blätter die grösste Freude machen; Deinen launigen Freund, der mir schon rühmlichst bekannt ist, grüsse in meinem Namen und danke ihm für den grossmütigen Vergleich; obschon ich hierdurch mit ausgezeichneten Prärogativen belehnt bin, so werde ich diese doch nicht zum Nachteil Deiner guten Gesinnung missbrauchen; liebe mich so fort, ich will gern die Lahn und die Sayn ihrer Wege schicken.

Der Mutter schreibe, und lasse Dir von ihr schreiben; liebt Euch untereinander, man gewinnt gar viel, wenn man sich durch Liebe einer des andern bemächtigt; und wenn Du wieder schreibst, so könntest Du mir nebenher einen Gefallen tun, wenn Du mir immer am Schluss ein offnes, unverhohlnes Bekenntnis des Datums machen möchtest; ausser manchen Vorteilen, die sich erst durch die Zeit bewähren, ist es auch noch besonders erfreulich, gleich zu wissen, in wie kurzer Zeit dies alles von Herzen zu Herzen gelangt. Das Gefühl der Frische hat eine wohltuende, raumverkürzende wirkung, von welcher wir beide ja auch Vorteil ziehen können.

G.

An Goete

Am 18. Juli

Warst Du schon auf dem Rochusberg? – Er hat in der Ferne was sehr Anlockendes, wie soll ich es Dir beschreiben? – So, als wenn man ihn gern befühlen, streicheln möchte, so glatt und samtartig. Wenn die Kapelle auf der Höhe von der Abendsonne beleuchtet ist und man sieht in die reichen grünen, runden Täler, die sich wieder so fest aneinander schliessen, so scheint er sehnsüchtig an das Ufer des Rheins gelagert mit seinem sanften Anschmiegen an die Gegend und mit den geglätteten Furchen die ganze natur zur Lust erwecken zu wollen. Er ist mir der liebste Platz im Rheingau; er liegt eine Stunde von unserer wohnung; ich habe ihn schon morgens und abends, im Nebel, Regen und Sonnenschein besucht. Die Kapelle ist erst seit ein paar Jahren zerstört, das halbe Dach ist herunter, nur die Rippen eines Schiffgewölbes stehen noch, in welches Weihen ein grosses Nest gebaut haben, die mit ihren Jungen ewig aus und ein fliegen, ein wildes Geschrei halten, das sehr an die Wassergegend gemahnt. – Der Hauptaltar steht noch zur Hälfte, auf demselben ein hohes Kreuz, an welches unten der heruntergestürzte Christusleib festgebunden ist. Ich kleteine letzte Ehre anzutun, wollte ich einen grossen Blumenstrauss, den ich unterwegs gesammelt hatte, zwischen eine Spalte des Kopfes stecken; zu meinem grössten Schrecken fiel mir der Kopf vor die Füsse, die Weihen und Spatzen und alles was da genistet hatte, flog durch das Gepolter auf, und die stille Einsamkeit des Orts war Minuten lang gestört. Durch die Öffnungen der Türen schauen die entferntesten Gebirge: auf der einen Seite der Altkönig, auf der andern der ganze Hunsrück bis Kreuznach, vom Donnersberg begrenzt; rückwärts kannst Du so viel Land übersehen als Du Lust hast. Wie ein breites Feiergewand zieht es der Rhein schleppend hinter sich her, den Du vor der Kapelle mit allen grünen Inseln wie mit Smaragden geschmückt liegen siehst; der Rüdesheimer Berg, der Scharlach- und Johannisberg, und wie all das edle Gefels heisst, wo der beste Wein wächst, liegen von verschiedenen Seiten und fangen die heissen Sonnenstrahlen wie blitzende Juwelen auf; man kann da alle wirkung der natur in die Kraft des Weines deutlich erkennen, wie sich die Nebel zu Ballen wälzen und sich an den Bergwänden herabsenken, wie das Erdreich sie gierig schluckt, und wie die heissen Winde drüber herstreifen. Es ist nichts schöner, als wenn das Abendrot über einen solchen benebelten Weinberg fällt; da ist's, als ob der Herr selbst die alte Schöpfung wieder angefrischt habe, ja als ob der Weinberg vom eignen Geist benebelt sei. – Und wenn dann endlich die helle Nacht heraufsteigt und allem Ruh gibt, – und mir auch, die vorher wohl die arme ausstreckte und nichts erreichen konnte; die an Dich gedacht hat; – Deinen Namen wohl hundertmal auf den Lippen hatte, ohne ihn auszusprechenmüssten nicht Schmerzen in mir erregt werden, wenn ich es einmal wagte? – Und keine Antwort? Alles still? – Ja natur! wer so innig mit ihr vertraut wär, dass er an ihrer Seligkeit