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die vorüberziehen, und allen Betrachtungen Raum geben, die mir die ferne, allmählich erhellende Aussicht zuführt. Du kennst den Fluss des Lebens wohl genau und weisst, wo die Sandbänke und Klippen sind, und die Strudel, die uns in die Tiefe ziehen, und wie weit der schem Wind wohl kommen wird, und was ihn am Ufer erwartet.

Wenn Dir's gefällt, einen Augenblick nachzudenken über den Eigensinn meiner Neigung und über die Erregbarkeit meines Geistes, so mag Dir's wohl anschaulich sein, was mir unmündig Schiffenden noch begegnen wird. O sag mir's, dass ich nichts erwarten soll von jenen Luftschlössern, die die Wolken eben im Saffran- und Purpurfeld der aufgehenden Sonne auftürmen, sag mir: dies Lieben und Aufflammen, und dies trotzige Schweigen zwischen mir und der Welt sei nichtig und nichts!

Ach der Regenbogen, der eben auf der Ingelheimer Au seinen diamantnen Fuss aufsetzt und sich übers Haus hinüberschwingt auf den Johannisberg, der ist wohl grad wie der selige Wahn, den ich habe von Dir und mir. Der Rhein, der sein Netz ausspannt, um das Bild seiner paradiesischen Ufer darin aufzufangen, der ist wie diese Lebensflamme, die von Spiegelungen des Unerreichbaren sich nährt. Mag sie denn der Wirklichkeit auch nicht mehr abgewinnen als den Wahn; – es wird mir eben auch den eigentümlichen Geist geben und den Charakter, der mein Selbst ausspricht wie dem Fluss das Bild, das sich in ihm spiegelt.

Am Abend

Heute morgen schiffte ich noch mit dem launigen Rheinbegeisterten Niklas Vogt nach der Ingelheimer Au, seine entusiastischen Erzählungen waren ganz von dem O und Ach vergangner schöner zeiten durchwebt. Er holte weit aus und fing von da an, ob Adam hier nicht im Paradiese gelebt habe, und dann erzählte er vom Ursprung des Rheins und seinen Windungen durch wilde Schluchten und einengende Felstale, und wie er da nach Norden sich wende und wieder zurückgewiesen werde, links nach Westen, wo er den Bodensee bilde und dann so kräftig sich über die entgegenstellenden Felsen stürze; ja, sagte der gute Vogt ganz listig und lustig, man kann den Fluss ganz und gar mit Goete vergleichen. Jetzt geben Sie acht: die drei Bächlein, die von der Höhe des ungeheuren Urfelsen, der so mannigfaltige abwechselnde Bestandteile hat, niederfliessen und den Rhein bilden, der als Jünglingskind erst sprudelt, das sind seine Musen, nämlich Wissenschaft, Kunst und Poesie, und wie da noch mehr herrliche Flüsse sind: der Tessin, der Adda und Inn, worunter der Rhein der schönste und berühmteste, so ist Goete auch der berühmteste und schönste vor Herder, Schiller und Wieland; und da, wo der Rhein den Bodensee bildet, das ist die liebenswürdige Allgemeinheit Goetes, wo sein Geist von den drei Quellen noch gleichmässig durchdrungen ist, stürzt: das ist sein trotzig Überwinden der Vorurteile, sein heidnisch Wesen, das braust tüchtig auf und ist tumultarisch begeistert; da kommen seine Xenien und Epigramme, seine Naturansichten, die den alten Philistern ins Gesicht schlagen, und seine philosophischen und religiösen Richtungen, die sprudeln und toben zwischen dem engen Felsverhack des Widerspruchs und der Vorurteile so fort, und mildern sich dann allmählich; nun aber kommt noch der beste Vergleich: die Flüsse, die er aufnimmt: die Limmat, die Tur, die Reuss, die Ill, die Lauter, die Queich, lauter weibliche Flüsse, das sind die Liebschaften, so geht's immer fort bis zur letzten Station. Die Selz, die Nah, die Saar, die Mosel, die Nette, die Ahr; – nun kommen sie ihm vom Schwarzwald zugelaufen und von der rauhen Alp, – lauter Flussjungfern: die Elz, die Treisam, die Kinzig, die Murg, die Kraich, dann die Reus, die Jaxt; aus dem Odenwald und Melibokus herab haben sich ein paar allerliebste Flüsschen auf die Beine gemacht: die Wesnitz und die Schwarzbach; die sind so eilig: was giltst du, was hast du? – Dann führt ihm der Main ganz verschwiegen die Nid und die Krüftel zu; das verdaut er alles ganz ruhig und bleibt doch immer er selber; und so macht's unser grosser deutscher Dichter auch, wie unser grosser deutscher Fluss; wo er geht und steht, wo er gewesen ist und wo er hinkommt, da ist immer was liebes, was den Strom seiner Begeistrung anschwellt.

Ich war überrascht von der grossen Gesellschaft; Vogt meinte, das wären noch lange nicht alle; der Vergleiche waren noch kein Ende: geschichte und Fabel, Feuer und wasser, was über und unter der Erde gedeiht, wusste er passend anzuwenden; ein Rhinozerosgerippe und versteinerte Palmen, die man am Rhein gefunden, nahm er als Deine interessantesten Studien bezeichnend. So belehrte er mich und prophezeite, dass Du auch bis ans Ende, wie der Rhein, aushalten werdest, und nachdem Du wie er, alle gesättigt und genossen, sanft und gemachsam dem Meer der Ewigkeit zuwallen werdest; er schrieb mir das Verzeichnis aller Flüsse auf und verglich mich mit der Nidda; ach wie leid tut mir's, dass nach dieser noch die Lahn, die Sayn, die Sieg, die Roer, die Lippe und die Ruhr kommen sollen!

Adieu! Ich nenne diesen Brief die Epistel der Spaziergänge; wenn sie Dir nicht gefallen, so denke, dass die Nidda keine Goldkörner in ihrem Bett führt wie der Rhein, nur ein bisschen Quecksilber.

Sei mir gegrüsst bei den drei Mohren