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? – Was können Dir meine einfältigen Reden sein?

Wer sich nach der schönen natur sehnt, der wird sie am besten beschreiben, der wird nichts vergessen, keinen Sonnenstrahl, der sich durch die Felsritze stiehlt, keinen Windvogel, der die Wellen streift, kein Kraut, kein Mückchen, keine Blume am einsamen Ort. Wer aber mitten drinnen ist und mit glühendem dem grünen Rasen ein und denkt weiter nicht viel, manchmal gibt's einen Stoss ans Herz, da sehe ich mich um und suche, wem ich's vertrauen soll.

Was sollen mir all die Berge bis zur blauen Ferne, die blähenden Segel auf dem Rhein, die brausenden Wasserstrudel! – Es drückt einem doch nur, undkeine Antwort, niemals, wenn man auch noch so begehrend fragt. –

Am 7. Juli

So lauten die Stossseufzer am Abend, am Morgen klingt's anders, da regt sich's schon vor Sonnenaufgang und treibt mich hinaus, wie einer längst ersehnten Botschaft entgegen. Den Nachen kann ich schon allein regieren, es ist mein liebstes Morgengebet, ihn listig und verstohlen von der Kette zu lösen und mich hinüber ans Ufer zu studieren. Allemal muss ich's wieder von neuem lernen, es ist ein Wagstück, mit Mutwill begonnen, aber sehr andächtig beschlossen; denn ich danke Gott, wenn ich glücklich gelandet bin. Ohne Wahl belaufe ich dann einen der vielen Strahlenwege, die sich hier nach allen Seiten auftun. Jedesmal lauscht die Erwartung im Herzen, jedesmal wird sie gelöst, bald durch die allumfassende Weite auf der Höh, durch die Sonne, die so plötzlich alles aus dem Schlaf weckt; ich klimme herab an Felswänden, reinStein, kleine Höhlen zum Lager wie gegossen, in denen verschnauf ich, dort zwischen dunklen Felsen leuchtet ein helleres Grün: kräftig blühend, untadelig, mitten in der Wüste find ich die Blume auf reinlichem Herd, einfache Haushaltung Gottes; inmitten von Blütenwänden die Opferstätte feierlich umstellt von schwanken priesterlichen Nymphen, die Libationen aus ihren Kelchkrüglein ergiessen und Weihrauch streuen und wie die indischen Mädchen goldnen Staub in die Lüfte werfen. – Dann sehe ich's blitzen im Sand; ich muss hinab und wieder hinauf, ob's vielleicht ein Diamant ist, den der Zufall ans Licht gebracht hat. Wenn's einer wär, ich schenkte ihn Dir, und denke mir Deine Verwunderung über das Kleinod unserer rheinischen Felsen. Da lieg ich am unbeschatteten Ort mit brennenden Wangen und sammle Mut, wieder hinüberzuklettern zur duftenden Linde. Am Kreuzweg, beim Opferstock des heiligen Petrus, der mit grossem Himmelsschlüssel ins vergitterte Kapellchen eingesperrt ist, ruh ich aus auf weichem Gras und such vergebens, o Himmel! an deinem gewölbten Blau das Loch, in das der Schlüssel passen könnte, da ich heraus möchte aus dem Gefängnis der Unwissenheit und Unbewussteit; wo ist die Tür, die dem Licht und der Freiheit sich öffnet? – Da ruschelt's, da zwitschert's im Laub, dicht neben mir unter niederem Ast sitzt das Finkenweibchen im Nest und sieht mich kläglich an.

Das sind die kleinen allerliebsten Abenteuer und Mühseligkeiten des heutigen tages. Heimwärts machte ich die Bekanntschaft der kleinen Gänsehirtin, sie strahlte mich von weitem an mit ihren zollangen schwarzen Augenwimpern, die andern Kinder lachten es aus und sagten, alle Menschen hielten sich drüber auf, dass es so lange Wimpern habe. Es stand beschämt da und fing endlich an zu weinen. Ich tröstete es und sagte; "Weil dich Gott zur Hüterin über die schönen weissen Gänse bestellt hat und du immer auf freier Wiese gehest, wo die Sonne so sehr blendet, so hat er dir diese langen Augenschatten wachsen lassen." Die Gänse drängten sich an ihre weinende Hüterin und zischten mich und die lachenden Kinder an, könnt ich malen, – das gäb ein Bild!

Gut ist's, dass ich nicht viel von dem weiss, was in der Welt vorgeht, von Künsten und Wissenschaften nichts verstehe, ich könnte leicht in Versuchung geraten, Dir darüber zu sprechen, und meine Phantasie würde alles besser wissen wollen, jetzt nährt sich mein Geist von Inspirationen. – Manches hör ich nennen, anwenden, vergleichen, was ich nicht begreife, was hindert mich, danach zu fragen? – Was macht mich so gleichgültig dagegen? Oder warum weiche ich wohl gar aus, etwas Neues zu erfahren? –

Am frühen Morgen

Ein Heer von Wolken macht mir heute meine frühe Wanderung zu wasser, dort drüben die Ufer sind heute wie Schatten der Unterwelt schwankend und schwindend; die Turmspitzen der nebelbegrabenen Städte und Ortschaften dringen kaum durch, die schöne grüne Au ist verschwunden. – Es ist noch ganz frühich merk's! Kaum kann es vier Uhr sein, da schlagen die Hähne an, von Ort zu Ort in die Runde bis Mittelheim, von Nachbar zu Nachbar; keiner verkümmert dem andern die Ehre des langen Nachhalls, und so geht's in die Ferne wie weit! Die Morgenstille dazwischen wie die Wächter der Moscheen, die das Morgengebet ausrufen. Morgenstund hat Gold im Mund, schon sehe ich's glänzen und flimmern auf dem wasser, die Strahlen brechen durch und säen Sterne in den eilenden Strom, der seit zwei Tagen, wo es unaufhörlich giesst, angeschwollen ist.

Da hat der Himmel seine Schleier zerrissen! – Nun ist's gewiss, dass wir heute schön Wetter haben, ich bleibe zu haus und will alle Segel zählen,