Prozession in ausgelassnem Übermut auseinandersprengte, allein zurück: ich fühlte mich sehr gedemütigt, ich ahnete nicht nur, ich war überzeugt, dies rasche Leben, das eben gleichgültig an mir vorübergestreift war, begehre mit allen fünf Sinnen des Köstlichsten und Erhabensten im Dasein sich zu bemächtigen.
Die Einsamkeit gibt dem Geist Selbstgefühl; die duftenden Weinberge schmeichelten mich wieder zufrieden.
Und nun vertraue ich Dir schmucklos meinen Reiter, meine gekränkte Eitelkeit, meine sehnsucht nach dem lebendigen Geheimnis in der Menschenbrust. Soll ich in Dir lebendig werden, geniessen, atmen und ruhen, alles im Gefühl des Gedeihens, so muss ich, Deiner höheren natur unbeschadet, alles bekennen dürfen was mir fehlt, was ich erlebe und ahne; nimm mich auf, weise mich zurecht und gönne mir die heimliche Lust des tiefsten Einverständnisses.
Die Seele ist zum Gottesdienst geboren, dass ein Geist in dem andern entbrenne, sich in ihm fühle und verstehen lerne, das ist mir Gottesdienst – je inniger: je reiner und lebendiger.
Wo ich mich hinlagere am grünenden Boden, von Sonne und Mond beschienen, da bist Du meine Heiligung.
Bettine
Am 25. Juni
Du wirst doch auch einmal den Rhein wieder besuchen, den Garten Deines Vaterlands, der dem Ausgewanderten die Heimat ersetzt, wo die natur so freundlich gross sich zeigt; – wie hat sie mit sympatetischem Geist die mächtigen Ruinen aufs neue belebt, wie steigt sie auf und ab an den düstern Mauern und begleitet die verödeten Räume mit schmeichelnder Begrasung und erzieht die wilden Rosen auf den alten Warten und die Vogelkirsche, die aus verwitterter Mauerluke herablacht! Ja, komm und durchwandre den mächtigen Bergwald vom Tempel herab zum Felsennest, das über dem schäumenden Bingerloch herabsieht, die Zinnen mit jungen Eichen gekrönt; wo die schlanken Dreiborde wie schlaue Eidechsen durch die reissende Flut am Mäuseturm vorbeischiessen. Da stehst Du und siehst, wie der helle Himmel über grünenden Rebhügeln aus dem Wasserspiegel herauflacht, und Dich selbst auf Deinem kecken eigensinnigen basaltnen Ehrenfels inmitten abgemalt, in ernste, schaurig umfassende Felshöhen und hartnäckige Vorsprünge eingerahmt; da betrachte Dir die Mündungen der Tale, die mit ihren friedlichen Klöstern zwischen wallenden Saaten aus blauer Ferne hervorgrünen, und Burg zur andern sich schwingen, und das Geschmeide der Städte und Dörfer, das die Ufer schmückt.
O Weimar, o Karlsbad, entlasst mir den Freund! Schliess Dein Schreibpult zu und komm hier her, lieber als nach Karlsbad; das ist ja ein Kleines, dass Du dem Postillon sagst: links statt rechts; ich weiss, was Du bedarfst, ich mache Dir Dein Zimmer zurecht neben meinem, das Eckzimmer, mit dem einen Fenster den Rhein hinunter und dem andern hinüber; ein Tisch, ein Sessel, ein Bett und ein dunkler Vorhang, dass die Sonne Dir nicht zu früh hereinscheint. Muss es denn immer auf dem Weg zum Tempel des Ruhms fortgeleiert sein, wo man so oft marode wird?
Eben entdeckte ich den Briefträger, ich sprang ihm entgegen, er zeigte mir auch von weitem Deinen Brief, er freute sich mit mir und hatte auch Ursache dazu, er sagte; "Gewiss ist der Brief von dem Herrn Liebsten!"
"Ja," sagte ich, "für die Ewigkeit!" Das hielt er für ein melancholisches Ausrufungszeichen.
Die Mutter hat mir auch heute geschrieben, sie sagt mir's herzlich, dass sie mir wohl will, von Deinem Sohn erhalte ich zuweilen Nachricht durch andre, er selbst aber lässt nichts von sich hören.
Und nun lebe wohl, Dein Aufentalt in Karlsbad sei Dir gedeihlich, ich segne Deine Gesundheit; wenn Du krank wärst und Schmerzen littest, würde ich sehr mitleiden; ich hab so manches nachfühlen müssen, was Du wohl längst verschmerzt hattest, noch eh ich Dich kannte.
Die drei Mohren sollen Deine Wächter sein, dass sich kein fremder Gast bei Dir einschleiche und Du Dir kein geschnitzeltes Bild machst, dasselbige anzubeten. Lass Dir's bei den drei Mohren gesagt sein, dass ich um den Ernst Deiner Treue bitte, erhalte sie mir unter den zierlichen, müssigen Badenymphen, die Dich umtanzen, die Nadel mit dem Gordischen Knoten trag an Deiner Brust, denke daran, dass Du aus der Fülle meiner Liebe keine Wüste des Jammers machen sollst, und sollst den Knoten nicht entzweihauen.
Dem Primas hab ich geschrieben in Deinem Auftrag, er ist in Aschaffenburg, er hat mich eingeladen, dortin zu kommen; ich werde auch wahrscheinlich mit der ganzen Familie ihn besuchen, da kann ich ihm alles noch einmal mitteilen. Ich werde Dir Nachricht darüber geben.
Nun küsse ich Dir zum letztenmal Hand und Mund, um morgen einen neuen Brief zu beginnen.
Bettine
An Goete
Am 5. Juli
Wenn ich Dir alle Ausflüge beschreiben sollte, liebster Herr, die wir von unserm Rheinaufentalt aus machen, so blieb mir keine Minute übrig zum Schmachten und Seufzen. Das wär mir sehr lieb, denn wenn mein Herz voll ist, so möchte ich's gerne vor Dir überströmen lassen; aber so geht's nicht: hat man den ganzen Tag im heissen Sonnenbrand einen Berg um den andern erstiegen, alle Herrlichkeiten der natur mit Hast in sich getrunken wie den kühlen Wein in der Hitze, so möchte man am Abend den Freund lieber ans Herz drücken und ihm sagen, wie lieb man ihn hat, als noch viele Beschreibung von Weg und Steg machen. Was vermag ich auch vor Dir, als nur Dich innigst anzusehen! Was soll ich Dir vorplaudern