, hatte sein Pfeifchen angezündt; ich sagte: "Herr Schiffskapitän, Ihr seht ja aus, als hätt die Sonne Euch zum Harnisch ausglühen wollen "; – "Ja", sagte er, "jetzt sitz ich im Kühlen; aber ich fahre nun schon vier Jahre alle Reisende bei Bingen über den Rhein, und da ist keiner so weit hergekommen wie ich. Ich war in Indien; da sah ich ganz anders aus, da wuchsen mir die Haare so lang. – Und war in Spanien; da ist die Hitze nicht so bequem, ich hab Strapazen ausgestanden; da fielen mir die Haare aus, und ich kriegte einen schwarzen Krauskopf. – Und hier am Rhein wird's wieder anders: da wird mein Kopf gar weiss; in der Fremde hatte ich Not und Arbeit, wie es ein Mensch kaum erträgt; und wenn ich Zeit hatte, konnte ich vierundzwanzig Stunden hintereinander schlafen, – da mocht es regnen und blitzen unter freiem Himmel. Hier schlaf ich nachts keine Stunde; wer's einmal geschmeckt hat auf offner See, dem kann's nicht gefallen, hier alle Polen und rotaarigen Holländer über die Gosse zu fahren, – und sollt ich den ganzen Rhein hinunterschwimmen auf meinen dünnen Rippen, so muss ich fort aus einem Ort, wo's nichts zu lachen gibt und nichts zu seufzen." – "Ei, wo möchtet Ihr denn hin?" – "Da, wo ich am meisten ausgestanden habe, das war in Spanien; – da möchte ich wieder sein, und wenn's noch einmal so hart herging!" – "Was hat Euch denn da so glücklich gemacht?" – Er lachte und schwieg, – wir landeten; ich bestellte ihn zu mir, dass er sich ein Trinkgeld bei mir hole, weil ich nichts bei mir hatte; er wollte aber nichts nehmen. Im Nachhausegehen überlegte ich, wie mein Glück ganz von Dir ausgeht; wenn Du nicht wärst im langweiligen Deutschland, so möchte ich wahrhaftig auch auf meinen dünnen Rippen den unendlichen Rhein hinabschwimmen. Unsere Grossmutter hat uns oft so erhabene Dinge gesagt von Deutschlands grossen Geistern, aber Du warst nicht dabei, sonst hätt ich mich vor Dir gehütet, und Du wärst meiner Begeisterung verlustig gewesen. Im Einschlafen fühlte ich mich noch immer gewiegt in süsser, gedankloser Zerstreuung, und es war mir, als hab ich Dir grosse Dinge mitzuteilen, von denen ich glaubte, ich dürfe nur wollen, so werde sie der Mund meiner Gedanken aussprechen; jetzt aber, nach ausgeschlafnem Traumleben, weiss ich nichts, als mich Deinem Andenken, Deiner freundlichen Neigung aufs innigste anzuschmiegen; denn wärst Du mir nicht, ich weiss nicht, was ich dann wär; aber gewiss: unstät und unruhig würde ich suchen, was ich jetzt nicht mehr suche.
Dein Kind
Wie ist mir, lieber einziger Freund! Wie schwindelt mir, was willst Du mir sagen, – Schatz! köstlicher! von dem ich alles lerne tief in der Brust, der mir alle Fesseln abnimmt, die mich drücken, der mir winkt in die Lüfte, in die Freiheit.
Das hast Du mir gelehrt, dass alles, was meinem Geist eine Fessel ist, allein nur drückende Unwissenheit ist; wo ich mich fürchte, wo ich meinen Kräften nicht traue, da bin ich nur unwissend.
Wissen ist die Himmelsbahn; das höchste Wissen ist Allmacht, das Element der Seligkeit; solange wir nicht in ihm sind, sind wir noch ungeboren. Selig sein ist frei sein; ein freies, selbständiges Leben haben, dessen Höhe und Göttlichkeit nicht abhängt von seiner Gestaltung; das in sich göttlich ist, weil nur reiner Entfaltungstrieb in ihm ist; ewiges Blühen ans Licht und sonst nichts.
Liebe ist Entfaltungstrieb in die göttliche Freiheit. Dies Herz, das von Dir empfunden sein will, will frei werden; es will entlassen sein aus dem Kerker in Dein Bewusstsein. Du bist das Reich, der Stern, den es seiner Freiheit erobern will. Liebe will allmählich die Ewigkeit erobern, die wie Du weisst, kein Ende nehmen wird.
Dies Sehnen ist jenseits der Atem, der die Brust hebt; und die Liebe ist die Luft, die wir trinken.
Durch Dich werde ich ins unsterbliche Leben eingehen; der Lebende geht ein durch den Geliebten ins Göttliche, in die Seligkeit. Liebe ist Überströmen in die Seligkeit.
Dir alles sagen, das ist mein ganzes Sein mit Dir; der Gedanke ist die Pforte, die den Geist entlässt; da rauscht er hervor und hebt sich hinüber zur Seele, die er liebt, und lässt sich da nieder und küsst die Geliebte, und das ist Wollustschauer: den Gedanken empfinden, den die Liebe entzündet.
Möge mir dies süsse Einverständnis mit Dir bewahrt bleiben, in dem sich unser Geist berührt; dies kühne Heldentum, das sich über den Boden der Bedrängnis und sorge hinweghebt, auf himmlischen Stufen aufwärtsschreitend, solchen schönen Gedanken entgegen, von denen ich weiss, sie kommen aus Dir.
Goete an B.
Am 7. Juni
Nur wenig Augenblicke vor meiner Abreise nach Karlsbad kommt Dein lieber Brief aus dem Rheingau; auf jeder Seite so viel Herrliches und Wichtiges leuchtet mir entgegen, dass ich im voraus Beschlag lege auf jede prophetische Eingebung Deiner Liebe; Deine Briefe wandern mit mir, die ich wie eine buntgewirkte Schnur auftrössle, um den schönen Reichtum, den sie entalten, zu ordnen. Fahre fort, mit diesem lieblichen Irrlichtertanz