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umherblicke und Dir doch auch einmal etwas Freundliches zuschicken möchte. Darüber will ich mir nun also weiter kein Gewissen machen und auch für die gedruckten Hefte danken, wie für manches, wovon ich noch jetzt nicht weiss, wie ich mich seiner würdig machen soll. Das wollen wir denn mit bescheidenem Schweigen übergehen und uns lieber abermals zu den Juden wenden, die jetzt in einem entscheidenden Moment zwischen Tür und Angel stecken und die Flügel schon sperren, noch ehe ihnen das Tor der Freiheit

Es war mir sehr angenehm, zu sehen, dass man den finanzgeheimerätlichen, jakobinischen Israelssohn so tüchtig nach haus geleuchtet hat. Kannst du mir den Verfasser der kleinen Schrift wohl nennen? Es sind treffliche einzelne Stellen drin, die in einem Plädoyer von Beaumarchais wohl hätten Platz finden können. Leider ist das Ganze nicht rasch, kühn und lustig genug geschrieben, wie es hätte sein müssen, um jenen Humanitätssalbader vor der ganzen Welt ein für allemal lächerlich zu machen. Nun bitte ich aber noch um die Judenstädtigkeit selbst, damit ich ja nicht zu bitten und zu verlangen aufhöre.

Was Du mir von Molitor zu sagen gedenkst, wird mir Freude machen; auch durch das letzte, was Du von ihm schickst, wird er mir merkwürdig, besonders durch das, was er von der Pestalozzischen Metode sagt.

Lebe recht wohl! Hab tausend Dank für die gute Aufnahme des Sohns und bleibe dem Vater günstig.

G.

An Goete

Die Städtigkeits- und Schutzordnung der Judenschaft wird hierbei von einer edlen Erscheinung begleitet; nicht allein, um Dir eine Freude zu machen, sondern weil dies Bild mir lieb ist, hab ich's von der Wand an meinem Bett genommen, an dem es seit drei Tagen hing, und seine Schönheit dem Postwagen anvertraut; Du sollst nur sehen, was mich reizen kann. Häng dies Bild vor Dich, – schau ihm in diese schönen Augen, – in denen der Wahnsinn seiner Jugend schon überwunden liegt, dann fällt es Dir gewiss auf, was sehnsucht erregt. – Dies Unwiederbringliche, was nicht lang das Tagslicht verträgt und schnell entschwindet, weil es zu herrlich ist für den Missbrauch. – Diesem aber ist es nicht entschwunden, es ist ihm nur tiefer in die Seele gesunken; denn zwischen seinen Lippen haucht sich schon wieder aus, was sich im erhellten auge nicht mehr darf sehen lassen. – Wenn man das ganze Gesicht anblickt: – man hat's so liebman möchte mit ihm gewesen sein, um alle Pein mit ihm zu dulden, um alles ihm zu vergüten durch tausendfache Liebe, – und wenn man den breiten vollen Lorbeer erblickt, scheinen alle Wünsche für ihn erfüllt. Sein ganzes Wesen, – das Buch, was er an sich hält, macht ihn so lieb; hätt ich damals gelebt, ich hätt ihn nicht verlassen.

August ist weg; ich sang ihm vor: "Sind's nicht diese, sind's doch andre, die da weinen, wenn ich wandre, holder Schatz, gedenk an mich." Und so wanderte er zu den Pforten unseres republikanischen Hauses hinaus; hab ihn auch von Herzen umarmt, zur Erinnerung für mich an Dich; weil Du mich aber vergessen zu haben scheinst und mir nur immer von dem Volk schreibst, welches verflucht ist, und es Dir lieb ist, wenn Jacobson heimgeschickt wird, aber nicht, wenn ich heimlich mit Dir bin, so schreibe ich's zur Erinnerung für Dich an mich, die Dich trotz Deiner Kälte doch immer liebhaben musshalt, weil sie muss.

Dem Primas hüte ich mich wohl, Deine Ansichten über die Juden mitzuteilen, denn einmal geb ich Dir nicht recht, und hab auch meine Gründe; ich leugne auch nicht, die Juden sind ein heisshungriges, unbescheidenes Volk; wenn man ihnen den Finger reicht, so reissen sie einem bei der Hand an sich, dass man um und um purzeln möchte; das kommt eben daher, dass sie so lang in der Not gesteckt haben; ihre Gattung ist doch Menschenart, und diese soll doch einmal der Freiheit teilhaftig sein, zu Christen will man sie absolut machen, aber aus ihrem engen Fegfeuer der überfüllten Judengasse will man sie nicht herauslassen; das hat nicht wenig Überwindung der Vorurteile gekostet, bis die Christen sich entschlossen hatten, ihre Kinder mit den armen Judenkindern in eine Schule zu schicken, es war aber ein höchst genialer und glücklicher Gedanke von meinem Molitor, fürs erste Christen- und Judenkinder in eine Schule zu bringen; die können's denn miteinander versuchen und den Alten mit gutem Beispiel vorgehen. Die Juden sind wirklich voll Untugend, das lässt sich nicht leugnen; aber ich sehe gar nicht ein, was an den Christen zu verderben ist; und wenn denn doch alle Menschen Christen werden sollen, so lasse man sie ins himmlische Paradies, – da werden sie sich schon bekehren, wenn's ihnen gefällig ist.

Siehst Du, die Liebe macht mich nicht blind, – es wär auch ein zu grosser Nachteil für mich, denn mit sehenden Augen bin ich alles Schönen inne geworden.

Adieu, kalter Mann, der immer über mich hinaus nach den Judenbroschüren reicht; ich bitte Dich, steck das Bild an die Wand mit vier Nadeln, aber in Dein Zimmer, wo ich das einzige Mal drin war und hernach nicht mehr.

Bettine

An Bettine

Du zürnst auf mich, da muss ich denn gleich zu Kreuz kriechen und Dir recht geben, dass Du