's denken konnte, hatte mich ein süsser Schrecken erfasst. O Mutter, Mutter! denke Sie an Ihren Sohn, wenn Sie wüsste, sie sollte ihn in kurzer Zeit sehen, sie wär auch wie ein Blitzableiter, in den alle Gewitter einschlügen. – Wie wir nur noch wenig Meilen von Weimar waren, da sagte mein Schwager, er wünsche nicht den Umweg über Weimar zu machen und lieber eine andre Strasse zu fahren. Ich schwieg stille, aber die Lulu litt es nicht; sie sagte: "Einmal wär mir's versprochen und er müsste mir Wort halten." – Ach Mutter! – das Schwert hing an einem Haar über meinem Haupt, aber ich kam glücklich drunter weg.
In Weimar kamen wir um zwölf Uhr an; wir assen zu Mittag, ich aber nicht. Die beiden legten sich aufs Sofa und schliefen; drei Nächte hatten wir durchwacht. "Ich rate Ihnen," sagte mein Schwager, "auch auszuruhen; der Goete wird sich nicht viel draus machen, ob Sie zu ihm kommen oder nicht, und was Besondres wird auch nicht an ihm zu sehen sein." Kann Sie denken, dass mir diese Rede allen Mut benahm? – Ach, ich wusste nicht, was ich tun sollte, ich war ganz allein in der fremden Stadt; ich hatte mich anders angekleidet; ich stand am Fenster und sah nach der Turmuhr, eben schlug es halb drei. – Es war mir auch so, als ob sich Goete nichts draus machen werde, mich zu sehen; es fiel mir ein, dass ihn die Leute stolz nennen; ich drückte mein Herz fest zusammen, dass es nicht begehren solle; – auf einmal schlug es drei Uhr. Und da war's doch auch grad, als hätte er mich gerufen, ich lief hinunter nach dem Lohnbedienten, kein Wagen war da, eine Portechaise? Nein, sagt ich, das ist eine Equipage fürs Lazarett. Wir gingen zu Fuss. Es war ein wahrer Schokoladenbrei auf der Strasse, über den dicksten Morast musste ich mich tragen lassen, und so kam ich zu Wieland, nicht zu Ihrem Sohn. Den Wieland hatte ich nie gesehen, ich tat, als sei ich eine alte Bekanntschaft von ihm, er besann sich hin und her und sagte: "Ja, ein lieber bekannter Engel sind Sie gewiss, aber ich kann mich nur nicht besinnen, wann und wo ich Sie gesehen habe." Ich scherzte mit ihm und sagte: "Jetzt hab ich's herausgekriegt, dass Sie von mir träumen, denn anderswo können Sie mich unmöglich gesehen haben." Von ihm liess ich mir ein Billett an Ihren Sohn geben, ich hab es mir nachher mitgenommen und zum Andenken aufbewahrt; und hier schreibe ich's Ihr ab. "Bettina Brentano, Sophiens Schwester, Maximilianens Tochter, Sophie La Roches Enkelin wünscht Dich zu sehen, l. Br., und gibt vor, sie fürchte sich vor Dir, und ein Zettelchen, das ich ihr mitgebe, würde ein Talisman sein, der ihr Mut gäbe. Wiewohl ich ziemlich gewiss bin, dass sie nur ihren Spass mit mir treibt, so muss ich doch tun, was sie haben will, und es soll mich wundern, wenn Dir's nicht ebenso wie mir geht. Den 23. April 1807
W."
Mit diesem Billett ging ich hin, das Haus liegt dem Brunnen gegenüber; wie rauschte mir das wasser so betäubend – ich kam die einfache Treppe hinauf, in der Mauer stehen Statuen von Gips, sie gebieten Stille. Zum wenigsten ich könnte nicht laut werden auf diesem heiligen Hausflur. Alles ist freundlich und doch feierlich. In den Zimmern ist die höchste Einfachheit zu haus, ach so einladend! "Fürchte dich nicht", sagten mir die bescheidnen Wände, "er wird kommen und wird sein, und nicht mehr sein wollen wie Du ", – und da ging die Tür auf, und da stand er feierlich ernst und sah mich unverwandten Blickes an; ich streckte die hände nach ihm, glaube ich, – bald wusst ich nichts mehr, Goete fing mich rasch auf an sein Herz. "Armes Kind, hab ich Sie erschreckt", das waren die ersten Worte, mit denen seine stimme mir ins Herz drang; er führte mich in sein Zimmer und setzte mich auf den Sofa gegen sich über. Da waren wir beide stumm, endlich unterbrach er das Schweigen: "Sie haben wohl in der Zeitung gelesen, dass wir einen grossen Verlust vor wenig Tagen erlitten haben durch den Tod der Herzogin Amalie." "Ach!" sagt ich, "ich lese die Zeitung nicht." – "So! – Ich habe geglaubt, alles interessiere Sie, was in Weimar vorgehe." – "Nein, nichts interessiert mich als nur Sie, und da bin ich viel zu ungeduldig, in der Zeitung zu blättern." – "Sie sind ein freundliches Kind." – Lange Pause – ich auf das fatale Sofa gebannt, so ängstlich. Sie weiss, dass es mir unmöglich ist, so wohlerzogen da zu sitzen. – Ach Mutter! Kann man sich selbst so überspringen? – Ich sagte plötzlich: "Hier auf dem Sofa kann ich nicht bleiben," und sprang auf. – "Nun!" sagte er, "machen Sie sich's bequem;" nun flog ich ihm an den Hals