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im Hinterhalt habe und was mir wie ein seliger Traum nachgeht, und das bist Du!

Dort war es wunderschön! Ein ungeheurer Turm, worauf ehemals die Wächter sassen, um die Frankenschiffe in dem kleinen Mildeberg zu verkünden mit Trompetenstoss. Tannen und Fichten wachsen oben, die beinah halb über seine Höhe hervorragen.

Zum teil waren die Weinberge noch mit Schnee bedeckt; ich sass auf einem abgebrochenen Fensterbalken und fror, und doch durchdrang mich heisse Liebe zu Dir, ich zitterte vor Angst hinunterzustürzen, und kletterte doch noch höher, weil mir's einfiel, Dir zu lieb wollt ich's wagen. So machst Du mich oft kühn; es ist ein Glück, dass die wilden Wölfe aus dem Odenwalde nicht herbeikamen, ich hätte mich mit ihnen balgen müssen, hätte ich Deiner Ehre dabei gedacht; es scheint Unsinn, aber so ist's. – Die Mitternacht, die böse Stunde der Geister, weckt mich; ich leg mich im kalten Winterwind ans Fenster; ganz Frankfurt ist tot, der Docht in den Strassenlaternen ist im Verglimmen, die alten rostigen Wetterfahnen greinen mir was vor, und da denke ich: ist das die ewige Leier? – Und da fühl ich, dass dies Leben ein Gefängnis ist, wo ein jeder nur eine kümmerliche Aussicht hat in die Freiheit: das ist die eigne Seele. – Siehst Du, da rast es in mir; ich möchte hinauf über die alten spitzen Giebeldächer, die mir den Himmel abschneiden; ich verlasse das Zimmer, eile über die weiten Gänge unseres Hauses, suche mir einen Weg über die alten Böden, und hinter dem Sparrwerk ahne ich Gespenster, aber ich achte ihrer nicht; da suche ich die Treppe zum kleinen Türmchen, wenn ich endlich oben bin, da sehe ich aus der Turmluke den weiten Himmel und friere gar nicht; da ist mir's, als müsse ich die gesammelten Tränen abladen, und dann bin ich am andern Tag so heiter und so neugeboren, ich suche mit List nach einem Scherz, den ich ausführen möchte; und kannst Du mir glauben? Das alles bist Du.

Bettine

Die Mutter kommt oft zu uns, wir machen ihr Maskeraden und alle mögliche Ergötzlichkeit; sie hat unsere ganze Familie in ihren Schutz genommen, ist frisch und gesund.

An Bettine

Die Dokumente philantropischer Christen- und Judenschaft sind glücklich angekommen, und Dir soll dafür, liebe kleine Freundin, der beste Dank werden. Es ist recht wunderlich, dass man eben zur Zeit, da so viele Menschen totgeschlagen werden, die übrigen aufs beste und zierlichste auszuputzen sucht. Fahre fort, mir von diesen heilsamen Anstalten, als Beschützerin derselben, von Zeit zu Zeit Nachricht zu geben. Dem braunschweigischen Judenheiland ziemt es wohl, sein Volk anzusehen, wie es sein und werden sollte; dem Fürsten Primas ist aber auch nicht zu verdenken, dass er dies Geschlecht behandelt wie es ist, und wie es noch eine Weile bleiben wird. Mache mir doch eine Schilderung von Herrn Molitor. Wenn der Mann so vernünftig wirkt, als er schreibt, so muss er viel Gutes erschaffen. Deinem eignen philantropischen Erziehungswesen aber wird Überbringer dieses, der schwarzäugige und braunlockige Jüngling, empfohlen. Lasse seine väterliche Stadt auch ihm zur Vaterstadt werden, so dass er glaube, sich mitten unter den Seinen zu befinden. Stelle ihn Deinen lieben Geschwistern und Verwandten vor und gedenke mein, wenn Du ihn freundlich aufnimmst. Deine Berg-, Burg-, Kletter- und Schaurelationen versetzen mich in eine schöne heitere Gegend, und ich stehe nicht davor, dass Du nicht gelegentlich davon eine phantastische Abspiegelung in einer Fata Morgana zu sehen kriegst.

Da nun von August Abschied genommen ist, so richte ich mich ein, von Haus und der hiesigen Gegend gleichfalls Abschied zu nehmen und baldmöglichst nach dem Karlsbader Gebirge zu wandeln.

Heute um die elfte Stunde wird confirma hoc Deus gesungen, welches schon sehr gut geht und grossen Beifall erhält.

Weimar, den 3. April 1808

G.

An Goete

Wir haben einen nasskalten April, ich merk's an Deinem Brief, – der ist wie ein allgemeiner Landregen; der ganze Himmel überzogen von Anfang bis ans Ende; Du besitzest zwar die Kunst, in kleinen Formenzügen und Linien Dein Gefühl ahnen zu lassen, und in dem, was Du unausgesprochen lässt, stiehlt sich die Versicherung ins Herz, dass man Dir nicht gleichgültig ist; ja ich glaube's, dass ich Dir lieb bin, trotz Deinem kalten Brief; aber wenn Deine schöne Mässigung plötzlich zum Teufel ging und Du bliebst ohne Kunst und ohne feines Taktgefühl, so ganz wie Dich Gott geschaffen hat in Deinem Herzen, ich würde mich nicht vor Dir fürchten, wie jetzt, wenn ein so kühler Brief ankommt, wo ich mich besinnen muss, was ich denn getan habe.

Heute schreibe ich aber doch mit Zuversicht, weil ich Dir erzählen kann, wie Dein einziger Sohn sich hier wohl und lustig befindet; er gibt mir alle Abend im Teater ein Rendezvous in unserer Loge; frühmorgens spaziert er schon auf den Stadttürmen herum, um die Gegend seiner väterlichen Stadt recht zu beschauen; ein paarmal hab ich ihn hinausgefahren, um ihm die Gemüsgärtnerei zu zeigen, da grade jetzt die ersten wunderbarlichen Vorbereitungen dazu geschehen, wo jeder Staude ihr Standort mit der Richtschnur abgemessen wird, und wo diese fleissigen Gärtner mit so grosser Sorgfalt jedem Pflänzchen seinen Lebensunterhalt anweisen; auch ans Stallburgsbrünnchen hab ich ihn geführt, auf die Pfingstwiese,