wo sie so tapfer einstimmte, dass man sie durch den ganzen Chor durchhörte. Da wir nun auch Deine und ihre Gesundheit tranken, wobei Trompeten und Pauken schmetterten, so ward sie feierlich vergnügt. Nach Tische erzählte sie der Gesellschaft ein Märchen, alles hatte sich in feierlicher Stille um sie versammelt. Im Anfang holte sie weit aus, das grosse Auditorium mochte ihr doch ein wenig bange machen; bald aber tanzten alle rollefähigen Personen in der grotesken Weise aus ihrem grossen Gedächtniskasten auf das phantastischste geschmückt, es wurden noch allerlei kleine Szenen aufgeführt, dann trat eine junge spanische Tänzerin auf, die mit Kastagnetten sehr schön tanzte. Dieses graziöse Kind gibt hier beim Teater Vorstellungen, ich hab Dir von ihr noch nicht gesagt, dass sie mich seit Wochen in einem stillen Entusiasmus erhält, und dass ich oft denke, ob denn Gott was anders will, als dass sich die Tugend in die reine Kunst verwandle, dass man nämlich nach den Gesetzen einer himmlischen Harmonie die Glieder des Geistes mit leichtem Entusiasmus rege und so mit anmutigen Gebärden die Tugend ausdrücke, wie jene den Takt und den Sinn der Musik. Nach dem Souper tanzte man, ich sass etwas schläfrig an der Seite Deiner Mutter, sie hielt mich umhalst und hatte mich lieb wie den Joseph; ich hatte dazu auch einen roten Rock an. Man hat einstimmig beschlossen, es solle nie ein Familienfest gegeben werden ohne die Mutter, so sehr hat man ihren guten Einfluss empfunden; ich hab mich gewundert, wie schnell sie die Herzen gewinnen kann, bloss weil sie mit Kraft geniesst und dadurch die ganze Umgebung auch zur Freude bewegt.
Die Deinen grüsse ich herzlich, ich habe nicht vergessen, was ich für Deine Frau versprach; nächstens wird alles fertig sein, nur die Frau von Sch. musste ich schändlicherweise vergessen mit dem Tuch! Nun was ist zu tun? Mein Minister, denke ich, bekommt hier eine schöne Negotiation. Gelt, ich missbrauch Deine Geduld? – Guter! Bester! Dem mein Herz ewig dient.
Dein Sohn wird sein Bündel bald schnüren; – nur nicht zu fest! Denn ich will ihm bei der Durchreise noch einen Pack guter Lehren mitgeben, die er auch noch mit einschnüren muss. Mein Bruder George hat ein kleines Landhaus in Rödelheim gekauft, Du musst es kennen, da Du selbst den Plan dazu gemacht und mit Basset, der jetzt in Amerika wohnt, den Bau besorgtest. Ich freu mich gar sehr über seine schönen Verhältnisse, ich meine, Dein Charakter, Deine Gestalt und Deine Bewegungen spiegeln sich in ihnen. Wir fahren beinah alle Tage hinaus, gestern stieg ich aufs Dach; die Sonne schien so warm, es war so hell, man konnte so recht die Berge im Schoss der Täler liegen sehen. O Jammer, dass ich nicht fliegen kann! Was nützt es all, dass ich Dich so lieb hab? – Jung, kräftig und stolz bin ich in Dir; – ich mag's nicht auslegen, die Welt schiebt doch alles Gefühl in ihr einmal gemachtes Register, Du bist über alles gut, dass Du meine Liebe duldest, in der ich überglücklich bin. Wie das Weltmeer ohne Ufer ist mein Gemüt, seine Wellen tragen, was schwimmen kann; Dich aber hab ich mit Gewalt ins tiefste Geheimnis meines Lebens gezogen und walle freudebrausend dahin über der Gewissheit Deines Besitzes.
Wenn ich mich sonst im Spiegel betrachtete und meine Augen sich selbst so feurig anschauten und ich fühlte, dass sie in diesem Augenblick hätten durchdringen müssen, und ich hatte niemand, dem ich einen blick gegönnt hätte, da war mir's leid, dass alle Jugend verloren ging, jetzt aber denke ich an Dich.
Bettine
An Goete
Am 30. März
Kleine unvorhergesehene Reisen in die nächsten Gegenden, um den Winter vor seinem Scheiden noch einmal in seiner Pracht zu bewundern, haben mich abgehalten, sogleich meines einzigen und liebsten Freundes in der ganzen Welt Wunsch zu befriedigen. Hierbei sende ich alles, was bis jetzt erschienen, ausser ein Journal, welches die Juden unter dem Namen Sulamit herausgeben. Es ist sehr weitläufig; begehrst Du es, so send ich's, da die Juden es mir als ihrem Protektor und kleinen Notelfer verehren. Es entält die verschiedensten Dinge, kreuz und quer; besonders zeichnen sich die Oden, die sie dem Fürstprimas widmen, darin aus; ein grosses Gedicht, was sie ihm am Neujahrstag brachten, schickte er mir und schrieb: "Ich verstehe kein Hebräisch, sonst würde ich eine Danksagung schreiben, aber da für die kleine Freundin der Hebräer nichts zu verkehrt und undeutsch ist, so trage ich ihr auf, in meinem Namen ein Gegengedicht zu machen." – Der boshafte Primas! – Ich hab ihn aber gestraft! Und gestern im Konzert sagte er mir: "Es ist gut, dass die Juden nicht ebensoviel Heldengeist als Handelsgeist haben, ich wär am Haus blockierten." –
Währenddem bin ich im Odenwald gewesen und bin auf des Götz altem Schloss herumgeklettert, ganz oben auf den Mauern, wo beinah kein menschlicher Fuss mehr sich stützen kann; über Mauerspalten, die mich doch zuweilen schwindeln machten, als immer im Gedanken an Dich, an Deine Jugend, an Dein Leben bis jetzt, das wie ein lebendig wasser fortbraust. Weisst Du? – Es tut so wohl, wenn einem das Herz so ganz ergriffen ist. Wie ich mich drehe und wende, so spiegelt sich mir im Gemüt, was ich