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nie vergessen würden, wie glücklich und vergnügt sie bei mir waren." – So könnte ich Dir noch ein Paar Bogen voll schreiben von allen Rückerinnerungen!

Adieu, lieber Herr! – Die Frau grüss ich, Riemers Sonett kracht wie neue Sohlen; er soll meiner Geschäfte gewärtig sein und seinen Diensteifer nicht umsonst gehabt haben.

Gelt, ich mach's grade wie Dein Liebchen, schreibe, kritzele, mach Tintenkleckse und Ortographiefehler und denke, es schadet nichts, weil er weiss, dass ich ihn liebe, und der Brief, den Du mir geschrieben, war doch so artig und zierlich abgefasst, das Papier mit goldnem Schnitt! – Aber, Goete, erst ganz zuletzt denkst Du an mich! Erlaub, dass ich so frei bin, Dir einen Verweis zu geben für diesen Brief, fasse alles kurz ab, was Du verlangst, und schreibe's mit eigner Hand, ich weiss nicht, warum Du einen Sekretär anstellst, um das Überflüssige zu melden, ich kann's nicht vertragen, es beleidigt mich, es macht mich krank; im Anfang glaubt ich, der Brief sei gar nicht an mich, nun trag ich doch gern solch einen Brief auf dem Herzen, solange bis der neue kommt, – wie kann ich aber mit einer solchen fremden Sekretärhand verfahren? Nein, diesmal hab ich Dich in meinem Zorn verdammt, dass Du gleich mit dem Sekretär in die alte Schublade eingeklemmt wurdest, und der Mutter hab ich gar nicht gesagt, dass Du geschrieben hattest, ich hätte mich geschämt, wenn ich ihr diesen Perückenstil hätte vortragen müssen. Adieu, schreibe mir das einzige, was Du zu sagen hast, und nicht mehr.

Bettine

An Goete

Am 15. März

Nun sind's beinahe sechs Wochen, dass ich auch nur ein Wort von Dir gehört habe, weder durch die Frau Mutter noch durch irgendeine andre gelegenheit. Ich glaube nicht, dass, wie viele andere sind, Du auch bist, und Dir durch Geschäfte und andere Wichtigkeiten den Weg zum Herzen versperrst; aber ich muss fürchten, dass meine Briefe Dir zu häufig kommen, und muss mich zurückhalten, was mich doch selig machen könnte, wenn es nicht so wär und ich glauben dürfte, dass meine Liebe, die so anspruchslos ist, dass sie selbst Deinen Ruhm vergisst und zu Dir wie zu einem Zwillingsbruder spricht, Dich erfreut. Wie ein Löwe möchte ich für Dich fechten, möchte alles verderben und in die Flucht jagen, was nicht wert ist, Dich zu berühren; muss um deinetwillen die ganze Welt verachten, muss ihr um deinetwillen Gnade widerfahren lassen, weil Du sie verherrlichst, und weiss nichts von Dir! Sag nur, ob Du's zufrieden bist, dass ich Dir schreibe? – Sag nur: "Ja, du darfst!" Wenn ich nun in etlichen Wochen, denn da haben wir schon Frühling hier, ins Rheingau gehe, dann schreibe ich Dir von jedem Berg aus; bin Dir so immer viel näher, wenn ich mit jedem Atemzug Dich zu fühlen, wie Du im Herzen regierst, wenn es recht schön ist draussen, wenn die Luft schmeichelt, ja wenn die natur gut und freundlich ist wie Du, da fühl ich Dich so deutlich. – Aber was soll ich mit Dir? – Du selbst hast mir nichts zu sagen; in dem Brief, den Du mir schriebst, den ich zwar so lieb habe wie meinen Augapfel, da nennst Du mich nicht einmal, wie Du gewohnt warst, grad als ob ich Deiner Vertraulichkeiten nicht wert wäre. Ach, es geht ja von Mund zu Herzen bei mir! Ich würde nichts von Schatz und Herz und Kuss veräussern, und wenn ich auch am Hungertuch nagen müsste. In der Karmeliterkirche hab ich im Herbst allerlei geschrieben, Erinnerungen aus der Kindheit, – sie fielen mir immer ein, wenn ich dahin kam, und doch war ich bloss hingekommen, um ungestört an Dich zu denken! Jede Lebenszeit geht mir in Dir auf, ich denke mir die Kinderjahre, als ob ich sie mit Dir verspiele, und wachs empor und wähne mich geborgen in Deinem Schutz und fühle stolz mich in Deinem Vertrauen, und da regt sich's im Herzen vor heisser Liebe, da such ich Dich, wie soll ich Ruhe finden? – An Deiner Brust nur, umschränkt von Deinen Armen. – Und wärst Du es nicht, so wär ich bei Dir; aber so muss ich mich fürchten vor aller Augen, die sind auf Dich gerichtet, ach, und vor dem stechenden blick, der unter Deinem Kranz hervorleuchtet4!

Ausser Dir erscheinen mir alle Menschen wie einer und derselbe, ich unterscheide sie nicht, ich begehr nicht nach dem ungeheuren allseitigen Meer der Ereignisse. Der Lebensstrom trägt Dich, Du mich, in Deinen Armen durchschiff ich ihn, Du trägst mich bis zum Ende, nicht wahr? – Und wenn es auch noch tausendfache Existenzen gibt, ich kann mich nicht hinüberschwingen, bei Dir bin ich zu haus, so sei doch auch zu haus mit mir, oder weisst Du etwas Besseres als mich und Dich im magischen Kreis des Lebens?

Unlängst hatten wir ein kleines fest im haus wegen Savignys Geburtstag. Deine Mutter kam mittags um zwölf und blieb bis nachts um ein Uhr, sie befand sich auch den andern Tag ganz wohl darauf. Bei der Tafel war grosse Musik von Blase-Instrumenten, auch wurden Verse zu Savignys Lob gesungen,