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man so zaghaft, das Herz scheidet zitternd vom Glück, noch ehe es den Willkommen gewagt; – auch ich fühl's, dass ich meinem Glück nicht gewachsen bin. Welche Allbefähigung, um Dich zu fassen! – Liebe muss eine Meisterschaft erwerben, das Geliebte besitzen wollen, wie es der gemeine Menschenverstand nimmt, ist nicht der ewigen Liebe würdig und scheitert jeden Augenblick am kleinsten Ereignis. – Das ist meine erste Aufgabe, dass ich mich Dir aneigne, nicht aber Dich besitzen wolle, Du Allbegehrlichster!

Ich bin doch noch so jung, dass es sich leicht entschuldigen lässt, wenn ich unwissend bin. Ach, für Wissenschaft hab ich keinen Boden, ich fühl's, ich kann's nicht lernen, was ich nicht weiss, ich muss es erwarten, wie der Prophet in der Wüste die Raben erwartet, dass sie ihm Speise bringen. Der Vergleich ist so uneben nicht: durch die Lüfte wird meinem Geist Nahrung zugetragen, – oft grade, wenn er im Verschmachten ist.

Seitdem ich Dich liebe, schwebt ein Unerreichbares mir im Geist; ein Geheimnis, das mich nährt. Wie vom Baum die reifen Früchte fallen, so fallen hier mir Gedanken zu, die mich erquicken und reizen. O Goete, hätte der Springquell eine Seele, er könnte sich nicht erwartungsvoller ans Licht drängen, um wieder emporzusteigen, als ich mit ahnender Gewissheit mich diesem neuen Leben entgegendränge, das mir durch Dich gegeben ist, und das mir zu erkennen gibt, dass ein höherer Lebenstrieb den Kerker sprengen will, der nicht schont der Ruhe und Gemächlichkeit gewohnter Tage, die er in brausender Begeisterung zertrümmert. Diesem erhabenen Geschick entgeht der liebende Geist nicht, so wenig der Same der Blüte entgeht, wenn er einmal in frischer Erde liegt. So fühl ich mich in Dir, Du fruchtbarer gesegneter Boden! Ich kann sagen, wie das ist, wenn der Keim die harte Rinde sprengt, – es ist schmerzlich; die lächelnden Frühlingskinder sind unter Tränen erzeugt.

O Goete, was geht mit dem Menschen vor? Was erfährt er, was erlebt er in dem innersten Flammenkelch seines Herzens? – Ich wollte Dir meine Fehler gern bekennen, allein die Liebe macht mich ganz zum idealischen Menschen. Viel hast Du für mich getan, noch eh Du von mir wusstest, über vieles, was ich begehrte und nicht erlangte, hast Du mich hinweggehoben.

Bettine

An Goete

Am 5. März

Hier in Frankfurt ist es nass, kalt, verrucht, abscheulich; kein guter Christ bleibt gerne hier; – wenn die Mutter nicht wär, der Winter wär unerträglich, so ganz ohne Hältnis, – nur ewig schmelzender Schnee! – Ich habe jetzt einen Nebenbuhler bei ihr, ein Eichhörnchen, was ein schöner französischer Soldat als Einquartierung hier liess, von dem lässt sie sich alles gefallen, sie nennt es Hänschen, und Hänschen darf Tische und Stühle zernagen, ja es hat selbst schon gewagt, sich auf ihre Staatshaube zu setzen und dort die Blumen und Federn anzubeissen. Vor ein paar Tagen ging ich abends noch hin, die Jungfer liess mich ein mit dem Bedeuten, sie sei noch nicht zu haus, müsse aber gleich kommen. Im Zimmer war's dunkel, ich setzte mich ans Fenster und sah hinaus auf den Platz. Da war's, als wenn was knisterte, – ich lauschte und glaubte atmen zu hören, – mir ward unheimlich, ich hörte wieder etwas sich bewegen und fragte, weil ich's gern aufs Eichhörnchen geschoben hätte: "Hänschen bist du es?" Sehr unerwartet und für meinen Mut sehr niederschlagend antwortete eine sonore Bassstimme aus dem Hintergrund: "Hänschen ist's nicht, es ist ritus. Voll Ehrfurcht wag ich mich nicht aus der Stelle, der Geist lässt sich auch nur noch durch Atmen und einmaliges Niesen vernehmen; – da hör ich die Mutter, sie schreitet voran, die kaum angebrannte, noch nicht volleuchtende Kerze hinterdrein, von Jungfer Lieschen getragen. "Bist du da?" fragte die Mutter, indem sie ihre Haube abnimmt, um sie auf ihren nächtlichen Stammhalter, eine grüne Bouteille, zu hängen. "Ja", rufen wir beide, und aus dem Dunkel tritt ein besternter Mann hervor und fragt: "Frau Rat, werde ich heute abend mit Ihnen einen Specksalat mit Eierkuchen essen?" Daraus schloss ich denn ganz richtig, dass Hans ein Prinz von Mecklenburg sei; denn wer hätte die schöne geschichte nicht von Deiner Mutter gehört, wie auf der Kaiserkrönung die jetzige Königin von Preussen, damals als junges Prinzessinnenkind und ihr Bruder der Frau Rat zusahen, wie sie ein solches Gericht zu speisen im Begriff war, und dass dies ihren Appetit so reizte, dass sie es beide verzehrten, ohne ein Blatt zu lassen. Auch diesmal wurde die geschichte mit vielem Genuss vorgetragen und noch manche andre, z.B. wie sie den Prinzessinnen den Genuss verschaffte, sich im Hof am Brunnen recht satt wasser zu pumpen, und die Hofmeisterin durch alle mögliche Argumente abhält, die Prinzessinnen abzurufen, und endlich, da diese nicht darauf Rücksicht nimmt, Gewalt braucht und sie im Zimmer einschliesst. "Denn", sagte die Mutter, "ich hätte mir eher den ärgsten Verdruss über den Hals kommen lassen, als dass man sie in den unschuldigen Vergnügungen gestört hätte, das ihnen nirgendwo gegönnt war als in meinem haus; auch haben sie mir's beim Abschied gesagt, dass sie