und die Gegend und ganze liebe natur von Schönheit zu Schönheit steigen und sinken sähe abends und morgens, während sein Herz so mit Dir beschäftigt wär wie meins, der würde freilich auch besser sagen können, was er zu sagen hat. Ich möchte so gern vertraulich mit Dir sprechen, und Du verlangst ja auch, ich soll Eigensinn und Laune Dir preisgeben.
Du kennst mein Herz, Du weisst, dass alles sehnsucht ist, Wille, Gedanke und Ahnung; Du wohnst unter Geistern, sie geben Dir göttliche Wahrheit. Du musst mich ernähren, Du gibst alles zum Voraus, was ich nicht zu fordern verstehe. Mein Geist hat einen kleinen Umfang, meine Liebe einen grossen, Du musst sie ins Gleichgewicht bringen. Die Liebe kann nicht ruhig werden, als wenn der Geist ihr gewachsen ist; Du bist meiner Liebe gewachsen; Du bist mild, freundlich, nachsichtig; lasse mich's fühlen, wenn mein Herz sich nicht im Takt wiegt, ich verstehe Deine leisen Winke.
Ein blick von Deinen Augen in die meinen, ein Kuss von Dir auf meinen Mund belehrt mich über alles; was könnte dem auch wohl noch erfreulich scheinen zu lernen, der wie ich, hiervon Erfahrung hat. – Ich bin entfernt von Dir, die Meinen sind mir fremd geworden, da muss ich immer in Gedanken auf jene Stunde zurückkehren, wo Du mich in den sanften Schlingen Deiner arme hieltest, da fang ich an zu weinen; aber die Tränen trocknen mir unversehens wieder: er liebt ja herüber in diese verborgene Stille, denke ich, und sollte ich mit meinem ewigen ungestörten Sehnen nach ihm nicht in die Ferne reichen? Ach vernimm es doch, was Dir mein Herz zu sagen hat, es fliesst über von leisen Seufzern, alle flüstern Dir zu: mein einzig Glück auf Erden sei Dein freundlicher Wille zu mir. O lieber Freund, gib mir doch ein Zeichen2, Du seist meiner gewärtig. Du schreibst, dass Du meine Gesundheit trinken willst, ach ich gönne sie Dir, lasse keinen Tropfen übrig, möchte ich mich selber doch so in Dich ergiessen und Dir wohl bekommen.
Deine Mutter erzählte mir, wie Du kurz, nachdem Du den Werter geschrieben, im Schauspiel gesessen und wie Dir da anonym ein Billet sei in die Hand gedrückt worden, darin geschrieben war: "Ils ne te comprendront point, Jean Jacques." Sie behauptet, ich aber könne immer zu jedem sagen: "Tu ne me comprendras point, Jean Jacques", denn welcher Hans Jacob wird Dich nicht missverstehen, oder Dich gelten lassen wollen? – Sie sagt aber, Du Goete, verstündest mich, und ich gelte alles bei Dir.
Die Erziehungsplane und Judenbroschüren werde ich mit nächstem Posttag senden. Obschon Du nicht zu allen gefälligen Gegendiensten bereit bist, aber doch mir schicken willst, was reif ist; so denke doch, dass meine Liebe Dir brennende Strahlen zusendet, um jede Regung für mich zu süsser Reife zu bringen.
Bettine
An Goete
Was soll ich Dir denn schreiben, da ich traurig bin und nichts neues Freundliches zu sagen weiss? Lieber möchte ich Dir gleich das weisse Blatt schicken, statt dass ich's erst mit Buchstaben beschreibe, die doch immer nicht sagen, was ich will, Du fülltest es zu Deinem Zeitvertreib aus, machtest mich überglücklich und schicktest es an mich zurück, wenn ich denn den blauen Umschlag sehe und riss ihn auf: neugierig eilig, wie die sehnsucht immer der Seligkeit gewärtig ist, und ich lese nun, was mich aus Deinem Mund einst entzückte: Lieb Kind, mein artig Herz, mein einzig Liebchen, klein Mäuschen, die süssen Worte, mit denen Du mich verwöhntest, so freundlich mich beschwichtigend; – ach! mehr wollt ich nicht, alles hätt ich wieder, sogar Dein Lispeln würde ich mitlesen, mit dem Du mir leise das Lieblichste in die Seele ergossen und mich auf ewig vor mir selbst verherrlicht hast3. – Da ich noch an Deinem Arm durch die Strassen ging, ach wie eine geraume Zeit dünkt mir's, da war ich zufrieden, alle Wünsche waren schlafen gegangen, hatten wie die Berge Gestalt und Farbe in Nebel eingehüllt; ich dachte, so ging es, und weiter, ohne grosse Mühseligkeit vom Land in die hohe See, kühn und stolz, mit gelösten Flaggen und frischem Wind. – Aber Goete, feurige Jugend will die Sitten der heissen Jahreszeit, wenn die Abendschatten sich übers Land ziehen, dann sollen die Nachtigallen nicht schweigen: singen soll alles, oder sich freudig aussprechen; die Welt soll ein üppiger Fruchtkranz sein, alles soll sich drängen im Genuss, und aller Genuss soll sich mächtig ausbreiten, er soll sich ergiessen wie gärender Most, der brausend arbeitet, bis er zur Ruhe kommt, untergehen sollen wir in ihm wie die Sonne unter die Meereswellen, aber auch wiederkommen wie sie. So ist Dir's geworden, Goete, keiner weiss, wie Du mit Gott vertraut warst und was für Reichtum von ihm erlangt hast, wenn Du untergegangen wärst im Genuss.
Das sehe ich gerne, wenn die Sonne untergeht, wenn die Erde ihre Glut in sich saugt und ihr die feurigen Flügel leise zusammenfaltet und die Nacht durch gefangen hält, da wird es still auf der Welt, die sehnsucht steigt so heimlich aus den Finsternissen empor; ihr leuchten die Sterne so unerreichbar überm Haupt, so unerreichbar, Goete!
Wenn man selig sein soll, da wird