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in einem verborgnen Winkel hinter einem grossen Pfeiler; da geh ich alle Tage her in der Mittagsstunde, da scheint die Herbstsonne durchs Kirchenfenster und malt den Schatten der Weinblätter hier auf die Erde und an die weisse Wand, da sehe ich, wie der Wind die bewegt und wie eins nach dem andern abfällt; hier ist tiefe Einsamkeit, und die Menschen, die ich hier zur ungewöhnlichen Stunde treffe, die sind gewiss da, um an ihre am Eingang ist die Gruft, wo Vater und Mutter begraben liegen und sieben Geschwister; da steht ein Sarg über dem andern. Ich weiss nicht, was mich in diese grosse düstre Kirche lockt; für die Toten beten? – Soll ich sagen: "Lieber Gott im Himmel, heb doch diese Verstorbenen zu dir in den Himmel?" – Die Liebe ist ein flüssig Element, sie löst Seele und Geist in sich auf, und das ist Seligkeit. – Wenn ich hier in die Kirche gehe, an der Gruft vorbei, die meine Eltern und Geschwister deckt, da falte ich die hände, und das ist mein ganzes Gebet.

Der Vater hat mich zärtlich geliebt, ich hatte eine grosse Gewalt über ihn; oft schickte mich die Mutter mit einer schriftlichen Bitte an ihn und sagte: "Lass den Vater nicht los, bis er Ja sagt", – da hing ich mich an seinen Hals und umklammerte ihn, da sagte er: "Du bist mein liebstes Kind, ich kann nicht versagen."

Der Mutter erinnere ich mich auch noch, ihrer grossen Schönheit; sie war so fein und doch so erhaben und glich nicht den gewöhnlichen Gesichtern; Du sagtest von ihr, sie sei für die Engel geschaffen, die sollten mit ihr spielen. Deine Mutter hat mir erzählt, wie Du sie zum letztenmal gesehen, dass Du die hände zusammenschlugst über ihre Schönheit, das war ein Jahr vor ihrem Tod; da lag der General Brentano in unserm Haus an schweren Wunden; die Mutter pflegte ihn, und er hatte sie so lieb, dass sie ihn nicht verlassen durfte. Sie spielte Schach mit ihm, er sagte: "Matt!" Und sank zurück ins Bett; sie liess mich holen, weil er nach den Kindern verlangt hatteich trat mit ihr ans Bett, – da lag er blass und still; die Mutter rief ihn: "Mein General!" Da öffnete er die Augen, reichte ihr lächelnd die Hand und sagte: "Meine Königin!" – Und so war er gestorben.

Ich sehe die Mutter noch wie im Traum, dass sie vor dem Bett steht, die Hand dieses erblassten Helden festält und ihre Tränen leise aus den grossen schwarzen Augen über ihr stilles Antlitz rollen. Damals hast Du sie zum letztenmal gesehen, und Du sagtest voraus, dass Du sie nicht wiedersehen würdest. Deine Mutter hat mir's erzählt, wie Du tief bewegt über sie warst. Wie ich Dich zum erstenmal sah, da sagtest Du: "Du gleichst deinem Vater, aber der Mutter gleichst du auch", und dabei hast Du mich ans Herz gedrückt und warst tief gerührt, das war doch lange Jahre nachher.

Adieu.

Bettine

Von den Juden und den neuen Gesetzen ihrer Städtigkeit hat Dir die Mutter schon Meldung getan; alle Juden schreiben seitdem; der Primas hat viel Vergnügen an ihrem Witz. – Alle Christen schreiben über Erziehung; es kommt beinah alle Woche ein neuer Plan von einem neuverheirateten Erzieher heraus. Mich interessieren die neuen schulen nicht so sehr als das Judeninstitut, in das ich oft gehe.

An Bettine

Weimar, den 2. Januar 1808

Sie haben, liebe kleine Freundin, die sehr grandiose Manier, uns Ihre Gaben recht in Masse zu senden. So hat mich Ihr letztes Paket gewissermassen erschreckt, denn wenn ich nicht recht haushälterisch mit dem Inhalt umgehe, so erwürgt meine kleine Hauskapelle eher daran, als dass sie Vorteil davon ziehen sollte. Sie sehen also, meine Beste, wie man sich durch Grossmut selbst dem Vorwurf aussetzen könne; lassen Sie sich aber nicht irre machen. Zunächst soll Ihre Gesundheit von der ganzen Gesellschaft recht ernstlich getrunken und darauf das Confirma hoc Deus von Jomelli angestimmt werden, so herzlich und wohlgemeint, als nur jemals ein salvum fac Regem.

Und nun gleich wieder eine Bitte, damir wir nicht aus der Übung kommen. Senden Sie mir doch die jüdischen Broschüren. Ich möchte doch sehen, wie sich die modernen Israeliten gegen die neue Städtigkeit gebärden, in der man sie freilich als wahre Juden und ehemalige kaiserliche Kammerknechte traktiert. Mögen Sie etwas von den christlichen Erziehungsplänen beilegen, so soll auch das unsern Dank vermehren. Ich sage nicht, wie es bei solchen Gelegenheiten diensten bereit sei, doch wenn etwas bei uns einmal reif wird, was Sie freuen könnte, so soll es auch zu Ihnen gelangen.

Liebstes Kind, verzeih, dass ich mit fremder Hand schreiben musste. Über Dein musikalisches Evangelium und über alles, was Du mir liebes und Schönes schreibst, hätte ich Dir so heute nichts sagen können, aber lass Dich nicht stören in Deinem Eigensinn und in Deinen Launen, es ist mir viel wert, Dich zu haben, wie Du bist, und in meinem Herzen findest Du immer eine warme Aufnahme. Du bist ein wunderliches Kind, und bei Deiner Ansiedlung in Kirchen könntest Du leicht zu einer wunderlichen Heiligen werden, ich gebe Dir's zu bedenken.

Goete

An Goete

Wer draussen auf der Taunusspitze wär