Du kommst mir auch wieder in jedem Deiner lieben Briefe und doch immer neu und überraschend, so dass man glauben sollte, von dieser Seite habe man Dich noch nicht gekannt; und Deine kleinen Abenteuer weisst Du so allerliebst zu drehen, dass man gern der eifersüchtigen Grillen sich begibt, die einem denn auch zuweilen anwandeln; bloss um das artige Ende des Spasses mit zu erleben. So war es mit der launigen Episode des Engländers, dessen ungeziemendes Wagnis den Beweis für sein schönes sittliches Gefühl herbeiführen musste. Ich bin Dir sehr dankbar für solche Mitteilungen, die freilich nicht jedem recht sein mögen; möge Dein Vertrauen wachsen, das mir so viel zubringt, was ich jetzt nicht mehr gerne entbehren mag; auch ein belobendes Wort muss ich Dir hier sagen für die Art, wie Du Dich mit meinem gnädigsten Herrn verständigt hast. Er konnte nicht umhin, auch Dein diplomatisches Talent zu bewundern; Du bist allerliebst, meine kleine Tänzerin, die einem mit jeder Wendung unvermutet den Kranz zuwirft. Und nun hoffe ich bald Nachricht, wie Du mit der guten Mutter lebst, wie Du ihrer pflegst, und welche schöne vergangne zeiten zwischen Euch beiden wieder auferstehen.
Der lieben Meline Mützchen ist auch angekommen. Ich darf's nicht laut sagen, es steht aber niemand so gut als ihr. Freund Stollens Attention auf dem blauen Papier hat Dir doch Freude gemacht. Adieu, mein artig Kind! Schreibe bald, dass ich wieder was zu übersetzen habe.
An Goete
G., 17. September
Freundlicher Mann! Du bist zu gut, Du nimmst alles, was ich Dir im heiteren Übermut biete, als wenn es noch so viel Wert habe; aber ich fühl's recht in Deinem freundlichen Herabneigen, dass Du mir gut bist wie dem Kind, das Gras und Kräuter bringt und meint, es habe einen auserlesenen Strauss zusammengesucht; dem lächelt man auch so zu und sagt: "Wie schön ist dein Strauss, wie angenehm duftet er, er soll mir blühen in meinem Garten, hier unter mein Fenster will ich ihn pflanzen;" und doch sind es nur wurzellose Feldblumen, die bald welken. Ich aber sehe mit Lust, wie Du mich in Dich aufnimmst, wie Du diese einfachen Blumen, die am Abend schon welken müssten, ins Feuer der Unsterblichkeit hältst und mir zurückgibst. – Nennst Du das auch übersetzen, wenn der göttliche Genius die idealische natur vom irdischen Menschen scheidet, sie läutert, sie entüllt, sie sich selbst wieder anvertraut, und so die Aufgabe, selig zu werden, löst? Ja, Goete, so machst Du die Seufzer, die meine sehnende Liebe aushaucht zu Geistern, die mich auf der Strasse der Seligkeit umschweben; ach, und wohl auch meiner Unsterblichkeit weit
Welch heiliges Abenteuer, das unter dem Schutze des Eros sich kühn und stolz aufschwingt, kann ein herrlicher Ziel erreichen, als ich in Dir erreicht habe! Wo Du mir zugibst mit Lust: Gehemmt sei nun zum Vater hin das Streben. – O glaube es: nimmer trink ich mich satt an diesen Liebesergiessungen; ewig fühl ich von brausenden Stürmen mich zu Deinen Füssen getragen, und in diesem neuen Leben, in dem meine Glückssterne sich spiegeln, vor Wonne untergehn.
Diese Tränen, die meine Schrift verblassen, die möchte ich wie Perlen aufreihen und geschmückt vor Dir erscheinen und Dir sagen: vergleiche ihr reines wasser mit Deinen andern Schätzen, und dann solltest Du mein Herz schlagen hören wie am Abend, wo ich vor Dir kniete.
Geheimnisse umschweben Liebende, sie hüllen sie in ihre Zauberschleier, aus denen sich schöne Träume entfalten. Du sitzest mit mir auf grünem Rasen und trinkst dunklen Wein aus goldnem Becher und giessest die Neige auf meine Stirn. Aus diesem Traum erwachte ich heute voll Freude, dass Du mir geneigt bist. Ich glaube, dass du teil an solchen Träumen hast; dass Du liebst in solchen Augenblicken; – wem sollte ich sonst dies selige Sein verdanken, wenn Du mir's nicht gäbst! – Und wenn ich denn zum gewöhnlichen Tag erwache, dann ist mir alles so gleichgültig, und was mir auch geboten wird, – ich entbehre es gern; ja ich möchte von allem geschieden sein, was man Glück nennt, und nur innerlich das Geheimnis, dass Dein Geist meine Liebe geniesst, so wie meine Seele von Deiner Güte sich nährt. Ich soll Dir von der Mutter schreiben; – nun, es ist wunderlich zwischen uns beschaffen, wir sind nicht mehr so gesprächig wie sonst, aber doch vergeht kein Tag, ohne dass ich die Mutter sehe. Wie ich von der Reise kam, da musst ich die Rolle des Erzählens übernehmen, und obschon ich lieber geschwiegen hätte, so war doch ihres Fragens kein Ende, und ihrer Begierde mir zuzuhören auch nicht. Es reizt mich unwiderstehlich, wenn sie mit grossen Kinderaugen mich ansieht, in denen der genügendste Genuss funkelt. So löste sich meine Zunge und nach und nach manches vom Herzen, was man sonst nicht leicht wieder ausspricht.
Am 2. Oktober
Die Mutter ist listig, wie sie mich zum Erzählen bringt, so sagt sie: "Heute ist ein schöner Tag, heute geht der Wolfgang gewiss nach seinem Gartenhaus, es muss noch recht schön da sein, nicht wahr, es liegt im Tal?" – "Nein, es liegt am Berg, und der Garten geht auch bergauf, hinter dem Haus da sind grosse Bäume von schönem Wuchs und