Schwelle, über die sie so oft geschritten ist, um zu mir zu gehen und ich zu ihr. – Ach, wenn sie noch lebte, welch neues Leben würde ihr aufgehen, wenn ich ihr alles erzählte, wie Wir in jenen Nachtstunden so still nebeneinander gesessen haben, die hände ineinander gefügt, und wie die einzelnen Laute, die über Deine Lippen kamen, mir ins Herz drangen. Ich schreibe Dir's her, damit Du es nie vergessen sollst. Freund, ich könnte eifersüchtig sein über Deine Anmut; die Grazien sind weiblich, sie schreiten vor Dir her, wo Du eintrittst, da ist heilige Ordnung, denn alles Zufällige selbst schmiegt sich Deiner Erscheinung an. – Sie umgeben Dich, sie halten Dich gefangen und in der Zucht, denn Du möchtest vielleicht manchmal anders, aber die Grazien leiden's nicht, ja diese stehen Dir weit näher, sie haben viel mehr Gewalt über Dich als ich.
Der Primas hat mich auch einladen lassen, wie er hörte, dass ich von Weimar gekommen; ich sollte ihm von Dir erzählen. Da hab ich ihm allerlei gesagt, was ihm Freude machen konnte. Dein Mädchen hatte sich geputzt, es wollte Dir Ehre machen, ja ich wollte schön sein, weil ich Dich liebe, und weil es die Leute wissen, dass Du mir gut bist; ein rosa Atlaskleid mit schwarzen Samtärmeln und schwarzem Bruststück, und ein schöner Strauss duftete an meinem Herzen, und goldne Spangen hielten meine schwarzen Locken zurück. Du hast mich noch nie geputzt gesehen; ich kann Dir sagen, mein Spiegel ist freundlich bei solcher gelegenheit, und das macht mich sehr vergnügt, so dass ich geputzt immer sehr lustig bin. Der Primas fand mich auch hübsch und nannte die Farben meines Kleides "préjugé vaincu." "Nein", sagte ich, "Marlborough s'en va-t-en guerre, qui sait quand il reviendra." – "Le voilà de retour", sagte er und zog meinen Engländer hervor, der vor drei Wochen mit mir bei ihm zu Mittag gegessen hatte; nun musste ich wieder neben ihm sitzen beim Souper, und er sagte mir auch englisch allerlei Zärtlichkeiten, die ich nicht verstehen wollte, und worauf ich ihm verkehrte Antworten gab, so war ich sehr lustig; wie ich spät nach haus kam, da duftete mein Schlafzimmer von Wohlgeruch, und da war eine hohe Blume, die diesen Duft ausströmte, die ich noch nie gesehen hatte, eine Königin der Nacht; ein fremder Bedienter, der nicht deutsch sprechen konnte, hatte sie für mich gebracht; das war also ein freundliches Geschenk vom Engländer, der in dieser Nacht noch abgereist war. Ich stand vor meiner Blume allein und beleuchtete sie, und ihr Duft schien mir wie Tempelduft. – Der Engländer hat's verstanden, mir zu gefallen.
Der Primas hat mir noch Aufträge gegeben; ich soll Dir sagen, dass wenn Dein Sohn kommt, so soll er ihn in Aschaffenburg besuchen, wohin er in diesen Tagen abreist. – Da er aber erst zu Ostern kommt, so wird der Primas wieder hier sein.
Dein Kind küsst Dir die hände.
Die Mutter lässt mich heute rufen und sagt, sie habe einen Brief von Dir, und lässt mich nicht hineinsehen und sagt, Du verlangst, ich soll dem Dux schreiben, ein paar Zeilen, weil er die Artigkeit gehabt hat, für die umgestürzte Linde zu sorgen, und das nennst Du in meine elegischen Empfindungen eingehen. – Liebster Freund, ich kann nicht leiden, dass ein andrer in meine Empfindung eingehe, die ich bloss zu Dir hege; da treib ihn nur wieder heraus; und sei Du allein in mir und mache mich nicht eifersüchtig.
Dem Dux aber sage, was meine Devotion mir hier eingibt: dass es ein andrer hoher Baum ist, für dessen Pflege ich ihm danke, dessen blühende Äste weit über die Grenzen des Landes in andre Weltteile ragen und Früchte spenden und duftenden Schatten geben. Für den Schutz dieses Baumes, für die Gnadenquelle, die ihn tränkt, für den Boden der Liebe und Freundschaft, aus welchem er begeisternde Nahrung saugt, bleibt mein Herz ihm ewig unterworfen, und dann dank ich ihm auch noch, dass er der Wartburger Linde nicht vergisst. –
An Bettine
Am 5. September
Du hast Dich, liebe Bettine, als ein wahrer kleiner Christgott erwiesen, wissend und mächtig, eines jeden Bedürfnisse kennend und ausfüllend; – und soll ich Dich schelten oder loben, dass Du mich wieder zum kind machst? Denn mit kindischer Freude hab ich Deine Bescherung verteilt und mir selbst zugeeignet. Deine Schachtel kam kurz vor Tische; verdeckt trug ich sie dahin, wo Du auch einmal gesessen, und trank zuerst August aus dem schönen Glase zu. Wie verwundert war er, als ich es ihm schenkte! Darauf wurde Riemer mit Kreuz und Beutel beliehen; niemand erriet, woher? Auch zeigte ich das künstliche und zierliche Besteck; – da wurde die Hausfrau verdriesslich, dass sie leer ausgehen sollte. Nach einer Pause, um ihre Geduld zu prüfen, zog ich endlich den schönen Gewandstoff hervor; das Rätsel war aufgelöst und jedermann in Deinem Lobe eifrig und fröhlich.
Wenn ich also das Blatt noch umwende, so hab ich immer nur Lob und Dank da capo vorzutragen; das ausgesuchte zierliche der Gaben war überraschend. Kunstkenner wurden herbeigerufen, die artigen Balals wenn Du eben selbst wiedergekommen wärst. –