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dort sein kann, bis die Sonne zweimal aufgeht. – Bist Du traurig? – Liebe, liebe Tochter, mein Sohn soll Dein Freund sein, Dein Bruder, der Dich gewiss liebt, und Du sollst mich Mutter heissen in Zukunft für alle Täg, die mein spätes Alter noch zählt, es ist ja doch der einzige Name, der mein Glück um

Deine treue Freundin

Elisabet Goete

Vor die Tasse bedank ich mich.

An Goetes Mutter

Am 16. Mai 1807

Ich hab gestern an Ihren Sohn geschrieben; verantwort Sie es bei ihm. – Ich will Ihr auch gern alles schreiben, aber ich hab jetzt immer so viel zu denken, es ist mir fast eine Unmöglichkeit, mich loszureissen, ich bin in Gedanken immer bei ihm; wie soll ich denn sagen, wie es gewesen ist? – Hab Sie Nachsicht und Geduld; ich will die ander Woch nach Frankfurt kommen, da kann Sie mir alles abfragen.

Ihr Kind

Bettine

Ich lieg schon eine Weile im Bett, und da treibt mich's heraus, dass ich Ihr alles schreibe von unserer Reise. – Ich hab Ihr ja geschrieben, dass wir in männlicher Kleidung durch die Armeen passierten. Gleich vorm Tor liess uns der Schwager aussteigen, er wollte sehen, wie die Kleidung uns stehe. Die Lulu sah sehr gut aus, denn sie ist prächtig gewachsen, und die Kleidung war sehr passend gemacht; mir war aber alles zu weit und zu lang, als ob ich's auf dem Grempelmarkt erkauft hätte. Der Schwager lachte über mich und sagte, ich sähe aus wie ein Savoyardenbube, uns vom Weg abgefahren durch einen Wald, und wie ein Kreuzweg kam, da wusst er nicht wohinaus; obschon es nur der Anfang war von der ganzen vier Wochen langen Reise, so hatte ich doch Angst, wir könnten uns verirren und kämen dann zu spät nach Weimar; ich klettert auf die höchste Tanne, und da sah ich bald, wo die Chaussee lag. Die ganze Reise hab ich auf dem Bock gemacht; ich hatte eine Mütze auf von Fuchspelz, der Fuchsschwanz hing hinten herunter. Wenn wir auf die Station kamen, schirrte ich die Pferde ab und half auch wieder anspannen. Mit den Postillons sprach ich gebrochen Deutsch, als wenn ich ein Franzose wär. Im Anfang war schön Wetter, als wollt es Frühling werden, bald wurde es ganz kalter Winter; wir kamen durch einen Wald von ungeheuren Fichten und Tannen, alles bereift, untadelhaft, nicht eine Menschenseele war des weges gefahren, der ganz weiss war; noch obendrein schien der Mond in dieses verödete Silberparadies, eine Totenstillenur die Räder pfiffen von der Kälte. Ich sass auf dem Kutschersitz und hatte gar nicht kalt; die Winterkält schlägt Funken aus mir; – wie's nah an die Mitternacht rückte, da hörten wir pfeifen im wald; mein Schwager reichte mir ein Pistol aus dem Wagen und fragte, ob ich Mut habe loszuschiessen, wenn die Spitzbuben kommen, ich sagte: "Ja." Er sagte: "Schiessen Sie nur nicht zu früh." Die Lulu hatte grosse Angst im Wagen, ich aber unter freiem Himmel, mit der gespannten Pistole, den Säbel umgeschnallt, unzählige funkelnde Sterne über mir, die blitzenden Bäume, die ihren Riesenschatten auf den breiten mondbeschienenen Weg warfendas alles machte mich kühn auf meinem erhabenen Sitz. – Da dachte ich an ihn, wenn der mich in seinen Jugendjahren so begegnet hätte, ob das nicht einen poetischen Eindruck auf ihn gemacht haben würde, dass er Lieder auf mich gemacht hätte und mich nimmermehr vergessen. Jetzt mag er anders denken, – er wird erhaben sein über einen magischen Eindruck; höhere Eigenschaften (wie soll ich die erwerben?) werden ein Recht über ihn behaupten. Wenn nicht Treueewige, an seine Schwelle gebannt, mir endlich ihn erwirbt! So war ich in jener kalten hellen Winternacht gestimmt, in der ich keine gelegenheit fand, mein Gewehr loszuschiessen, erst wie der Tag anbrach, erhielt ich Erlaubnis loszudrücken; der Wagen hielt, und ich lief in den Wald und schoss in die dichte Einsamkeit Ihrem Sohn zu Ehren mutig los, indessen war die Achse gebrochen; wir fällten einen Baum mit dem Beil, das wir bei uns hatten, und knebelten ihn mit Stricken fest; da fand denn mein Schwager, dass ich sehr anstellig war, und lobte mich. So ging's fort bis Magdeburg; präzis sieben Uhr abends wird die Festung gesperrt, wir kamen eine Minute nachher und mussten bis den andern Morgen um sieben halten; es war nicht sehr kalt, die beiden im Wagen schliefen. In der Nacht fing's an zu schneien, ich hatte den Mantel über den Kopf genommen und blieb ruhig sitzen auf meinem freien Sitz; am Morgen guckten sie aus dem Wagen, da hatte ich mich in einen Schneemann verwandelt, aber noch eh sie recht erschrecken konnten, warf ich den Mantel ab, unter dem ich recht warm gesessen hatte. In Berlin war ich wie ein Blinder unter vielen Menschen, und auch geistesabwesend war ich, an nichts konnte ich teilnehmen, ich sehnte mich nur immer nach dem Dunkel, um von nichts zerstreut zu sein, um an die Zukunft denken zu können, die so nah gerückt war. Ach, wie oft schlug es da Alarm! – plötzlich, unversehens, mitten in die stille Ruhe, ich wusste nicht von was. Schneller, als ich