Gott da oben werden diese Schmerzen und diese sehnsucht und diese begeisterten Schwingungen Sprossen des jungen Lorbeers weihen, und selig wird das Herz sein, das solche Schmerzen getragen hat.
Siehst Du, wie ich heute ernstaft mit Dir zu sprechen verstehe? – Ernster als je: und weil Du jung bist und herrlich und herrlicher wie alle, so wirst Du mich auch verstehen. – Ich bin ganz sanft geworden durch Dich; am Tage treib ich mich mit Menschen, mit Musik und Büchern herum, und abends, wenn ich müde bin und will schlafen, da rauscht die Flut meiner Liebe mir gewaltsam ins Herz. Da sehe ich Bilder, alles, was die natur Sinnliches bietet, das umgibt Dich und spricht für Dich; auf Höhen erscheinst Du; zwischen Bergwänden in verschlungnen Wegen ereile ich Dich, und Dein Gesicht malt Rätsel, lieblich zu lösen. – Den Tag, als ich Abschied nahm von Dir, mit dem einen Kuss, mit dem ich nicht schied, da war ich morgens beinah eine ganze Stunde allein im Zimmer, wo das Klavier steht; da sass ich auf der Erde im Eck und dachte: "Es geht nicht anders, Du musst noch einmal weinen", und Du warst ganz nah und wusstest es nicht; und ich weinte mit lachendem Mund; denn mir schaute das feste grüne Land durch den trübsinnigen Nebel durch. – Du kamst, und ich sagte Dir recht kurz (und ich schränkte mich recht ein dabei), wie Du mir wert seist.
Morgen reise ich nach Frankfurt, da will ich der Mutter alle Liebe antun und alle Ehre, denn selig ist der Leib, der Dich getragen hat.
Bettine
An Goete
Am 21. August
Du kannst Dir keinen Begriff machen, mit welchem jubel die Mutter mich aufnahm! Sowie ich hereinkam, jagte sie alle fort, die bei ihr waren. "Nun, ihr Herren", sagte sie, "hier kommt jemand, der mit mir zu sprechen hat", und so mussten alle zum Tempel hinaus. Wie wir allein waren, sollte ich erzählen, – da wusst ich nichts. "Aber wie war's, wie Du ankamst?" – "Ganz miserabel Wetter"; "vom Wetter will ich nichts wissen; – vom Wolfgang, wie war's, wie du hereinkamst?" "Ich kam nicht, er kam;" – "nun wohin?" – "In den Elefanten, um Mitternacht drei Treppen hoch; alles schlief schon fest, die Lampen auf dem Flur ausgelöscht, das Tor verschlossen, und der Wirt hatte den Schlüssel schon unterm Kopfkissen und schnarchte tüchtig." – "Nun, wie kam er denn da herein?" – "Er klingelte zweimal, und wie er zum drittenmal recht lang an der Glocke zog, da machten sie ihm auf." – "Und du?" – "Ich in meiner Dachstube merkte nichts davon; Meline lag schon lange und schlief im Alkoven mit vorgezognen Vorhängen; ich lag auf dem Sofa und hatte die hände überm Kopf gefaltet und sah, wie der Schein der Decke spielte; da hört ich's rascheln an der Tür, und mein Herz war gleich auf dem Fleck; es klopfte, während ich lauschte, aber weil es doch ganz unmöglich war in dieser späten Stunde und weil es ganz still war, so hört ich nicht auf mein ahnendes Herz; – und da trat er herein, verhüllt bis ans Kinn im Mantel, und machte leise die Tür hinter sich zu und sah sich um, wo er mich finden sollte; ich lag in der Ecke des Sofas ganz in Finsternis eingeballt und schwieg; da nahm er seinen Hut ab, und wie ich die Stirne leuchten sah, den suchenden blick, und wie der Mund fragte: 'Nun, wo bist du denn?' da tat ich einen leisen Schrei des Entsetzens über meine Seligkeit, und da hat er mich auch gleich gefunden."
Die Mutter meinte, das würde eine schöne geschichte geworden sein in Weimar. Der Herr Minister um Mitternacht im Elefanten drei Treppen hoch eine Visite gemacht! – Ja wohl ist die geschichte schön! Jetzt, wo ich sie hier überlese, bin ich entzückt, überrascht, hingerissen, dass mir dies all begegnet ist, und ich frag Dich: welche Stunde wird so spät sein in Deinem Leben, dass es nicht Dein Herz noch rühren sollte? – Wie Du in der Wiege lagst, da konnte kein Mensch ahnen, was aus Dir werden würde, und wie ich in der Wiege lag, da hat mir's keiner gesungen, dass ich Dich einst küssen würde.
Hier fand ich alles auf dem alten Fleck; mein Feigenbaum hat Feigen gewonnen und seine Blätter ausgebreitet; mein Gärtchen auf dem grossen Hausaltan, der von einem Flügel zum andern reicht, steht in voller Blüte, der Hopfen reicht bis ans Dach, in die Laube hab ich meinen Schreibtisch gesetzt; da sitze ich und schreibe an Dich und träume von Dir, wenn mir der Kopf trunken ist von den Sonnenstrahlen; ach, ich lieg so gern in der Sonne und lasse mich recht durchbrennen.
Gestern ging ich am Stift vorbei, da klingelte ich nach früherer Gewohnheit, und da lief ich nach dem kleinen gang, der nach der Günderode ihrer wohnung führt. Die Tür ist noch verschlossen, es hat noch niemand wieder den Fuss über die Schwelle gesetzt; ich küsste diese