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sammeln und ihren Weg zwischen den Felskanten suchen hinab in die Flut; gestürzte Tannen brachen den brausenden Wassersturz, und Felssteine spalteten seinen widerstehen konnte. – Da überkam mich eine so gewaltige Lustich konnte auch nicht widerstehen: ich schürzte mich hoch, der Morgenwind hielt mich bei den Haaren im Zaum; ich stützte beide hände in die Seite, um mich im Gleichgewicht zu halten, und sprang hinab in kühnen Sätzen von einem Felsstück zum andern, bald hüben bald drüben, das brausende wasser mit mir, kam ich unten an; da lag, als wenn ein Keil sie gespalten hätte bis an die Wurzel, der halbe Stamm einer hohlen Linde, quer über den sich sammelnden Wassern.

O liebster Freund! Der Mensch, wenn er Morgennebel trinkt und die frischen Winde sich mit ihm jagen und der Duft der jungen Kräuter in die Brust eindringt und in den Kopf steigt; und wenn die Schläfe pochen und die Wangen glühen und wenn er die Regentropfen aus den Haaren schüttelt, was ist das für eine Lust!

Auf dem umgestürzten Stamm ruhte ich aus, und da entdeckte ich unter den dickbelaubten Ästen unzählige Vogelnester, kleine Meisen mit schwarzen Köpfchen und weissen Kehlen, sieben in einem Neste, Finken und Distelfinken; die alten Vögel flatterten über meinem Kopf und wollten die jungen ätzen; ach, wenn's ihnen nur gelingt, sie gross zu ziehen in so schwieriger Lage; denke nur: aus dem blauen Himmel herabgestürzt an die Erde, quer über einen reissenden Bach, wenn so ein Vögelchen herausfällt, muss es gleich ersaufen, und noch dazu hängen alle Nester schief. – Aber die hunderttausend Bienen und Mükken, die mich umschwirrten, die all in der Linde Nahrung suchten; – wenn Du doch das Leben mit angesehen hättest! Da ist kein Markt so reich an Verkehr, und alles war so bekannt, jedes sucht sein kleines Wirtshaus unter den Blüten, wo es einkehrte; und emsig flog es wieder hinweg und begegnete dem Nachbar, und da summten sie aneinander vorbei, als ob sie sich's sagten, wo gut Bier feil ist. – Was schwätze ich Dir alles von der Linde! – Und doch ist's noch nicht genug; an der Wurzel hängt der Stamm noch zusammen; ich sah hinauf zu dem Gipfel des stehenden Baumes, der nun sein halbes Leben am Boden hinschleifen muss, und im Herbst stirbt er ihm ab. Lieber Goete, hätte ich meine Hütte dort in der einsamen Talschlucht, und ich wär gewöhnt, auf Dich zu warten, welch grosses Ereignis war dieses; wie würde ich Dir entgegenspringen und von weitem schon zurufen: "denke nur unsere Linde!" – Und so ist es auch: ich bin eingeschlossen in meiner Liebe wie in einsamer Hütte, und mein Leben ist ein Harren auf Dich unter der Linde; wo Erinnerung und Gegenwart duftet und die sehnsucht die Zukunft herbeilockt. Ach lieber Wolfgang, wenn der grausame Sturm die Linde spaltet und die üppigere, stärkere Hälfte mit allem innewohnenden Leben zu Boden stürzt und ihr grünes Laub über bösem Geschick wie über stürzenden Bergwassern trauernd welkt und die junge Brut in ihren Ästen verdirbt; o dann denke, dass die eine Hälfte noch steht, und in ihr alle Erinnerung und alles Leben, was dieser entspriesst, zum Himmel getragen wird.

Adieu! Jetzt geht's weiter; morgen bin ich Dir nicht so nah, dass ein Brief, den ich früh geschrieben, Dir spät die Zeit vertreibt. – Ach lasse sie Dir vertreiben, als wenn ich selbst bei Dir war: zärtlich!

In Kassel bleib ich vierzehn Tage, dort werde ich der Mutter schreiben; sie weiss noch nicht, dass ich bei Dir war.

Bettine

An Bettine

War unersättlich nach viel tausend Küssen Und musst mit Einem Kuss am Ende scheiden. Bei solcher Trennung herb empfundnem Leiden War mir das Ufer, dem ich mich entrissen, Mit Wohnungen, mit Bergen, Hügeln, Flüssen, So lang ich's deutlich sah, ein Schatz der Freuden. Zuletzt im Blauen blieb ein Augenweiden An fern entwichnen lichten Finsternissen. Und endlich, als das Meer den blick umgrenzte, Fiel mir's zurück ins Herz, mein heiss Verlangen, Ich suchte mein Verlornes gar verdrossen. Da war es gleich, als ob der Himmel glänzte, Mir schien, als wäre nichts mir, nichts entgangen, Als hätt ich alles, was ich je genossen.

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Ein Strom entrauscht umwölktem Felsensaale, Dem Ozean sich eilig zu verbinden; Was auch sich spiegeln mag von Grund zu Gründen, Er wandelt unaufhaltsam fort zu Tale. Doch stürzt sich Oreas mit einem Male, Ihr folgen Berg und Wald in Wirbelwinden Herab zur Flut, Behagen dort zu finden, Und hemmt den Lauf, begrenzt die weite Schale. Die Welle sprüht und staunt zurück und weichet Und schwillt bergan, sich immer selbst zu trinken. Gehemmt ist nun zum Vater hin das Streben. Sie schwankt und ruht zum See zurückgedeichet. Gestirne spiegelnd sich, beschaun das Blinken Des Wellenschlags am Fels, ein neues Leben. Deine fliegenden Blätter, liebste Bettine, kamen grade zu rechter Zeit, um dem Verdruss über Dein Verschwinden in etwas zu steuern. Beiliegend gebe ich Dir einen teil derselben zurück; Du siehst, wie man versucht, sich an der Zeit, die uns des Liebsten beraubt, zu rächen und schöne Minuten zu verewigen. Möge sich Dir der Wert darin spiegeln, den Du für den Dichter haben musst.