August in der Nacht
Freund, ich bin allein; alles schläft, und mich hält's wach, dass es kaum ist, wie ich noch mit Dir zusammen war. Vielleicht, Goete, war dies das höchste Ereignis meines Lebens; vielleicht war es der reichste, der seligste Augenblick; schönere Tage sollen mir nicht kommen, ich würde sie abweisen.
Es war freilich ein letzter Kuss, mit dem ich scheiden musste, da ich glaubte, ich müsse ewig an Deinen Lippen hängen, und wie ich so dahin fuhr durch die Gänge unter den Bäumen, unter denen wir zusammen gegangen waren, da glaubte ich, an jedem Stamme müsse ich mich festalten, – aber sie verschwanden, die grünen wohlbekannten Räume, sie wichen in die Ferne, die geliebten Auen, und Deine wohnung war längst hinabgesunken, und die blaue Ferne schien allein mir meines Lebens Rätsel zu bewachen; – doch die musst auch noch scheiden, und nun hatte ich nichts mehr als mein heiss Verlangen, und meine Tränen flossen diesem Scheiden; ach, da besann ich mich auf alles, wie Du mit mir gewandelt bist in nächtlichen Stunden und hast mir gelächelt, dass ich Dir die Wolkengebilde auslegte und meine Liebe, meine schönen Blätter im Nachtwind; der Stille der fernen weit verbreiteten Nacht. – Und hast mich geliebt, das weiss ich; wie Du mich an der Hand führtest durch die Strassen, da hab ich's an Deinem Atem empfunden, am Ton Deiner stimme, an etwas, wie soll ich's Dir bezeichnen, das mich umwehte, dass Du mich aufnahmst in ein inneres geheimes Leben, und hattest Dich in diesem Augenblick mir allein zugewendet und begehrtest nichts, als mit mir zu sein; und dies alles, wer wird mir's rauben? – Was ist mir verloren? – Mein Freund, ich habe alles, was ich je genossen. Und wo ich auch hingehe – mein Glück ist meine Heimat.
Wie die Regentropfen rasseln an den kleinen runden Fensterscheiben, und der Wind furchtbar tobt! Ich habe schon im Bett gelegen und hatte mich nach der Seite gewendet und wollte einschlafen in Dir, im Denken an Dich. – Was heisst das: im Herrn entschlafen? Oft fällt mir dieser Spruch ein, wenn ich so zwischen Schlaf und Wachen fühle, dass ich mit Dir beschäftigt bin; – ich weiss genau, wie das ist: der ganze irdische Tag vergeht dem Liebenden, wie das irdische Leben der Seele vergeht; sie ist hier und da in Anspruch genommen, und ob sie sich's schon verspricht, sich selber nicht zu umgehen; so hat sie sich am ende durch das Gewebe der zeiten durchgearbeitet, immer unter der heimlichen Bedingung, einmal nur Rücksprache zu nehmen mit dem Geliebten, aber die Stunden legen im Vorüberschreiten jede ihre Bitten und Befehle dar; und da ist ein übermächtiger Wille im Menschen, der heisst ihn allem sich fügen; den lässt er über sich walten, wie das Opfer über sich walten lässt, das da weiss, es wird zum Altar geführt. – Und so entschläft die Seele im Herrn, ermüdet von der ganzen Lebenszeit, die ihr Tyrann war und jetzt den Zepter sinken lässt. Da steigen göttliche Träume herauf und nehmen sie in ihren Schoss und hüllen sie ein, und ihr magischer Duft wird immer stärker und umnebelt die Seele, dass sie nichts mehr von sich weiss; das ist die Ruhe im grab; so steigen Träume herauf jede Nacht, wenn ich mich besinnen will auf Dich; und ich lasse mich ohne Widerstand einwiegen; denn ich fühle, dass mein Wolkenbett aufwärts mit mir steigt! –
Wenn Du diese Nacht auch wachgehalten bist, so musst Du doch einen Begriff haben von dem ungeheuren Sturm. Eben wollte ich noch ganz stark sein und mich gar nicht fürchten; da nahm aber der Wind einen so gewaltigen Anlauf und klirrte an den Fensterscheiben und heulte so jammernd, dass ich Mitleid spürte, und nun riss er so tückisch die schwere tür auf, er wollte mir das Licht auslöschen; ich sprang auf den Tisch und schützte es, und ich sah durch die offne Tür nach dem dunklen gang, um doch gleich bereit zu sein, wenn Geister eintreten sollten; ich zitterte vor herzklopfender Angst; da sah ich was sich bilden, draussen im gang; und es war wirklich, als wollten zwei Männer eintreten, die sich bei der Hand hielten; einer weiss und breitschultrig, und der andre schwarz und freundlich; und ich dachte: das ist Goete! Da sprang ich vom Tisch Dir entgegen und lief zur Tür hinaus auf den dunklen gang, vor dem ich mich gefürchtet hatte, und ging bis ans Ende Dir entgegen, und meine ganze Angst hatte sich in sehnsucht verwandelt; und ich war traurig, dass die Geister nicht kamen, Du und der Herzog. – Ihr seid ja oft hier gewesen zusammen, Ihr zwei freundlichen Brüder.
Gute Nacht, ich bin begierig auf morgen früh; da muss sich's ausweisen, was der Sturm wird angerichtet haben; das Krachen der Bäume, das Rieseln der wasser wird doch was durchgesetzt haben.
Am 2. August
Heute morgen hat mich die Sonne schon halb fünf Uhr geweckt; ich glaube, ich hab keine zwei stunde geschlafen; sie musste mir grade in die Augen scheinen. Eben hatte es aufgehört mit Wolkenbrechen und Windwirbeln, die goldne Ruhe breitete sich aus am blauen Morgenhimmel; ich sah die wasser sich