Ich nickte ihm, er nahm ihn, daran zu riechen und küsste ihn; er steckte ihn in Busen und knöpfte die Weste darüber zu und seufzte, und da sah er, dass ich rot ward. – Sein Gesicht übergoss sich mit einem Schmelz von Freundlichkeit; er wendete es zu mir, ohne die Augen aufzuschlagen, als wolle er mich auffordern, seine wohlgefällige Bildung zu beachten; sein Fuss suchte wieder den meinen, und mit leiser stimme sagte er: "Be good, fine girl." – Ich konnte ihm nicht unfreundlich sein, und doch wollte ich gerne meine Ehre retten; da zog ich das eine ende meines langen Gürtels um sein Bein und band es geschickt an dem Tischbein fest, ganz heimlich, dass es niemand sah; er liess es geschehen, ich sagte: "Be good, fine boy." – Und nun waren wir voll Scherz und Witz bis zum ende der Tafel, und es war wirklich eine zärtliche Lust zwischen uns; und ich liess ihn sehr gern meine Hand an sein Herz ziehen, wie er sie küsste. –
Ich hab meine geschichte der Mutter erzählt, die sagt, ich soll sie Dir schreiben, es sei ein artig Lustspiel für Dich, und Du würdest sie allein schön auslegen; es ist ja wahr, Du! Der es weiss, dass ich gern den Nacken unter Deine Füsse lege, Du wirst mich nicht schelten, dass ich der Kühnheit des Engländers, der gern mit meinem Fuss gespielt hätte, keinen strengeren Verweis gab. – Du, der die Liebe erkennt und die Feinheit der Sinne, o wie ist alles so schön in Dir; wie rauschen die Lebensströme so kräftig durch Dein erregtes Herz und stürzen sich mit Macht in die kalten Wellen Deiner Zeit und brausen auf, dass Berg und Tal rauchen von Lebensglut, und die Wälder stehen mit glühenden Stämmen an Deinen Gestaden; und alles, was Du anblickst, wird herrlich und lebendig. Gott, wie gern möchte ich jetzt bei Dir sein! Und wär ich im Flug, weit über alle zeiten und schwebte über Dir: ich müsste die Fittiche senken und mich gelassen der stillen Allmacht Deiner Augen hingeben.
Die Menschen werden Dich nicht immer verstehen, und die Dir am nächsten zu stehen behaupten, die werden am meisten Dich verleugnen; ich sehe in die Zukunft, da sie rufen werden: "Steiniget ihn!" Jetzt, wo Deine eigne Begeistrung gleich einem Löwen sich an Dich schmiegt und Dich bewacht, da wagt sich die Gemeinheit nicht an Dich.
Deine Mutter sagte letzt: "Die Menschen sind zu jetziger Zeit alle wie Gerning, der immer spricht: 'Wir übrigen Gelehrten', und ganz wahr spricht; denn er ist übrig." –
Lieber tot als übrig sein! Ich bin es aber nicht, denn ich bin Dein, weil ich Dich erkenne in allem. – Ich weiss, dass, wenn sich auch die Wolken vor dem Sonnengott auftürmen, dass er sie bald wieder niederdrückt mit glänzender Hand; ich weiss, dass er keinen Schatten duldet als den er unter den Sprossen seines Ruhmes sich selber sucht. – Die Ruhe des Bewusstseins wird Dich überschatten; – ich weiss, dass, wenn er sich über den Abend hinwegbeugt, so erhebt er wieder im Morgen das goldne Haupt. – Du bist ewig. – Drum ist es gut mit Dir sein.
Wenn ich abends allein im dunklen Zimmer bin und des Nachbars Lichter den Schein an die Wand werfen, zuweilen auch Streiflichter Deine Büste erleuchten, oder wenn es schon still in der Stadt ist, in der Nacht; hier und dort ein Hund bellt, ein Hahn schreit; – ich weiss nicht, warum es mich oft mehr wie menschlich ergreift; ich weiss nicht, wo ich vor Schmerz hin will. – Ich möchte anders als wie mit Worten mit Dir sprechen; ich möchte mich an Dein Herz drücken; – ich fühl, dass meine Seele lodert. – Wie die Luft so fürchterlich still ruht kurz vor dem Sturm, so stehen dann grade meine Gedanken kalt und still, und das Herz wogt wie das Meer. Lieber, lieber Goete! – Dann löst mich eine Rückerinnerung an Dich wieder auf; die Feuer- und Kriegszeichen gehen langsam an meinem Himmel unter, und Du bist wie der hereinströmende Mondstrahl. Du bist gross und herrlich und besser als alles, was ich bis heute erkannt und erlebt hab. – Dein ganzes Leben ist so gut.
An Bettine
Am 16. Juli 1807
Was kann man Dir sagen und geben, was Dir nicht schon auf eine schönere Weise zugeeignet wäre; man muss schweigen und Dich gewähren lassen; wenn es gelegenheit gibt, Dich um etwas zu bitten, da mag man seinen Dank mit einfliessen lassen für das viele, was unerwartet durch Deine reiche Liebe einem geschenkt wird. Dass Du die Mutter pflegst, möchte ich Dir gern aufs herzlichste vergelten; – von dorter kam mir der Zugwind, und jetzt, weil ich Dich mit ihr zusammen weiss, fühl ich mich gesichert und warm.
Ich sage Dir nicht: "Komm!" Ich will nicht den kleinen Vogel aus dem Neste gestört haben; aber der Zufall würde mir nicht unwillkommen sein, der Sturm und Gewitter benützte, um ihn glücklich unter mein Dach zu bringen. Auf jeden Fall, liebste Bettine, bedenke, dass Du auf dem Weg bist, mich zu verwöhnen.
Goete
An Goete
Wartburg, den 1.