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dass Du für anders in der Welt bist. Häufig hab ich denselben Traum, und es hat mir schon viel Nachdenken gemacht, dass meine Seele immer unter denselben Bedingungen mit Dir zu tun hat; es ist, als solle ich vor Dir tanzen, ich bin äterisch gekleidet, ich hab ein Gefühl, dass mir alles gelingen werde, die Menge umdrängt mich. – Ich suche Dich, dort sitzest Du frei mir gegenüber; es ist, als ob Du mich nicht bemerktest und seiest mit anderem beschäftigt; – jetzt trete ich vor Dich, goldbeschuhet, und die silbernen Ärme hängen nachlässig, und warte; da hebst Du das Haupt, Dein blick ruht auf mir unwillkürlich, ich ziehe mit leisen Schritten magische Kreise, Dein auge verlässt mich nicht mehr, Du musst mir nach, wie ich mich wende, und ich fühle einen Triumph des Gelingens; – alles, was Du kaum über die Weisheit, die ich Dir vortanze, bald werf ich den luftigen Mantel ab und zeig Dir meine Flügel und steig auf in die Höhen; da freu ich mich, wie Dein auge mich verfolgt; dann schweb ich wieder herab und sink in Deine umfassenden arme; dann atmest Du Seufzer aus und siehst an mir hinauf und bist ganz durchdrungen; aus diesen Träumen erwachend, kehr ich zu den Menschen zurück wie aus weiter Ferne; ihre Stimmen schallen mir fremd und ihre Gebärden auch; – und nun lass mich bekennen, dass bei diesem Bekenntnis meiner Traumspiele meine Tränen fliessen. Einmal hast Du für mich gesungen: "So lasst mich scheinen, bis ich werde, zieht mir das weisse Kleid nicht aus." – Diese magischen Reize, diese Zauberfähigkeiten sind mein weisses Kleid; ich flehe auch, dass es mir bleibe, bis ich werde, aber Herr: diese Ahnung lässt sich nicht bestreiten, dass auch mir das weisse Kleid ausgezogen werde, und dass ich in den gewöhnlichen des alltäglichen gemeinen Lebens einhergehen werde, und dass diese Welt, in der meine Sinne lebendig sind, versinken wird; das, was ich schützend dekken sollte, das werde ich verraten; da, wo ich duldend mich unterwerfen sollte, da werde ich mich rächen; und da, wo mir unbefangne kindliche Weisheit einen Wink gibt, da werde ich Trotz bieten und es besser wissen wollen; – aber das Traurigste wird sein, dass ich mit dem Fluch der Sünde belasten werde, was keine ist, wie sie es alle machen; – und mir wird Recht dafür geschehen. – Du bist mein Schutzaltar, zu Dir werde ich flüchten; diese Liebe, diese mächtige, die zwischen uns waltet, und die Erkenntnis, die mir durch sie wird, und die Offenbarungen, die werden meine Schutzmauern sein; sie werden mich frei machen von denen, die mich richten wollen.

Dein Kind

An Goete

Vorgestern waren wir im "Egmont", sie riefen alle: "Herrlich!" Wir gingen noch nach dem Schauspiel unter den mondbeschienenen Linden auf und ab, wie es Frankfurter Sitte ist, da hört ich tausendfachen Widerhall. – Der kleine Dalberg war mit uns; er hatte Deine Mutter im Schauspiel gesehen und verlangte, ich solle ihn zu ihr bringen; sie war eben im Begriff, Nachttoilette zu machen, da sie aber hörte, er komme vom Primas, so liess sie ihn ein; sie war schon in der weissen Negligéjacke, aber sie hatte ihren Kopfputz noch auf. Der liebenswürdige feine Dalberg sagte ihr, sein Onkel habe von oben herüber ihre freudeglänzenden Augen gesehen während der Vorstellung, und er wünsche sie vor seiner Abreise noch zu sprechen, und möchte sie doch am andern Tag bei ihm zu Mittag essen. Die Mutter war sehr geputzt bei diesem Diner, das mit allerlei Fürstlichkeiten und sonst merkwürdigen Personen besetzt war, denen zulieb die Mutter wahrscheinlich invitiert war; denn alle drängten sich an sie heran, um sie zu sehen und mit ihr zu sprechen. Sie war sehr heiter und beredsam, und nur von mir suchte sie sich zu entfernen. Sie sagte mir nachher, sie habe Angst gehabt, ich möge sie in Verlegenheit bringen; ich glaube aber, sie hat mir einen Streich gespielt, denn der Primas sagte mir sehr wunderliche Sachen über Dich, und dass Deine Mutter ihm gesagt habe, ich habe einen erhabenen ästetischen Sinn. Da nahm er einen schönen Engländer bei der Hand, einen Schwager des Lord Nelson, und sagte: "Dieser feine Mann mit der Habichtsnase, der soll Sie zu Tisch führen, er ist der schönste von der ganzen Gesellschaft, nehmen Sie vorlieb;" der Engländer lächelte, er verstand aber nichts davon. Bei Tisch wechselte er mein Glas, aus dem ich getrunken hatte, und bat mich um Erlaubnis, daraus zu trinken, der Wein würde ihm sonst nicht schmecken; das liess ich geschehen, und alle Weine, die ihm vorgesetzt wurden, die goss er in dies Glas und trank sie mit begeisterten Blicken aus; es war eine wunderliche Tischunterhaltung; bald rückte er seinen Fuss dicht an den meinigen und fragte mich, was meine liebste Unterhaltung sei; ich sagte, ich tanze lieber, als ich gehe, und fliege lieber, als ich tanze, und dabei zog ich meinen Fuss zurück. Ich hatte meinen kleinen Strauss, den ich vorgesteckt hatte, ins Wasserglas gestellt, damit er nicht so bald welken solle, um ihn nach Tisch wieder vorzustecken, er fragte: "Will you give me tis?"