soll es denn nicht möglich sein? Der Weg dahin hängt ja aneinander und ist kein Abgrund dazwischen; ich weiss nicht, was dich abhält, wenn du eine so ungeheure sehnsucht hast; – eine Meile vierzigmal zu machen ist der ganze Spass, und dann kommst du wieder und erzählst mir alles." – geträumt, die ich vierzigmal machen werde; es ist ja wahr, die Mutter hat recht, nach vierzig durchjagten Stunden läg ich am Herzen des Freundes; es ist auf dieser Erde, wo ich ihn finden kann, auf gebahnten Wegen gehet die Strasse, alles deutet dortin, der Stern am Himmel leuchtet bis zu seiner Schwelle, die Kinder am Weg rufen mir zu: "Dort wohnt er!" – Was hält mich zurück? – Ich bin allein meiner heissen sehnsucht Zeuge, und sollte mir's nicht gewähren, was ich bitte und flehe, dass ich Mut haben möge? Nein, ich bin nicht allein, diese sehnsüchtigen Gedanken – es sind Gestalten; sie sehen mir fragend unter die Augen: wie ich mein Leben verschleifen könne, ohne Hand in Hand mit ihm, ohne auge in auge in ihrem Feuer zu verglühen. – O Goete, ertrag mich, nicht alle Tage bin ich so schwach, dass ich mich hinwerfe vor Dir und nicht aufhören will zu weinen, bis Du mir alles versprichst. Es geht wie ein schneidend Schwert durch mein Herz, dass ich bei Dir sein möchte; – bei Dir, und nichts anders will ich, so wie das Leben vor mir liegt, weiss ich nichts, was ich noch fordern könnte, ich will nichts Neues wissen, nichts soll sich regen, kein Blatt am Baum, die Lüfte sollen schweigen; stille soll's in der Zeit sein, und Du sollst ausharren in Gelassenheit, bis alle Schmerzen an Deiner Brust verwunden sind.
19. Juni
Gestern abend war's so, lieber Goete; plötzlich riss der Zugwind die Tür auf und löschte mir das Licht, bei dem ich Dir geschrieben habe. – Meine Fenster waren offen, und die Pläne waren niedergelassen; der Sturmwind spielte mit ihnen; – es kam ein heftiger Gewitterregen, da ward mein kleiner Kanarienvogel aufgestört – er flog hinaus in den Sturm, er schrie nach mir, und ich lockte ihn die ganze Nacht. Erst wie das Wetter vorüber war, legt ich mich schlafen; ich war müde und sehr traurig, auch um meinen lieben Vogel. Wie ich noch bei der Günderode die griechische geschichte studierte, da zeichnete ich Landkarten, und wenn ich Seen zeichnete, da half er Striche hineinmachen, dass ich ganz verwundert war, wie emsig er mit seinem kleinen Schnabel immer hin und her kratzte.
Nun ist er fort, gewiss hat ihm der Sturm das Leben gekostet; da hab ich gedacht, wenn ich nun hinausflög, um Dich zu suchen, und käm durch Sturm und Unwetter bis zu Deiner Tür, die Du mir nicht öffnen würdest – nein, Du wärst fort; Du hättest nicht auf mich gewartet, wie ich die ganze Nacht auf meinen kleinen Vogel; Du gehest andern Menschen nach, Du bewegst Dich in andern Regionen; bald sind's die Sterne, die mit Dir Rücksprache halten, bald die tieBlick als Prophet durch Nebel und Luftschichten, und dann nimmst Du der Blumen Farben und vermählst sie dem Licht; deine Leier findest Du immer gestimmt, und wenn sie Dir auch frischgekränzt entgegenprangte, würdest Du fragen: "Wer hat mir diesen schönen Kranz gewunden?" – Dein Gesang würde diese Blumen bald versengen; sie würden ihre Häupter senken, sie würden ihre Farbe verlieren, und bald würden sie unbeachtet am Boden schleifen.
Alle Gedanken, die die Liebe mir eingibt, alles heisse Sehnen und Wollen kann ich nur solchen Feldblumen vergleichen; – sie tun unbewusst über dem grünen Rasen ihre goldnen Augen auf, sie lachen eine Weile in den blauen Himmel, dann leuchten tausend Sterne über ihnen und umtanzen den Mond und verhüllen die zitternden, tränenbelasteten Blumen in Nacht und betäubenden Schlummer. So bist Du Poete ein vom Sternenreigen seiner Eingebungen umtanzter Mond; meine Gedanken aber liegen im Tal, wie die Feldblumen, und sinken in Nacht vor Dir, und meine Begeisterung ermattet vor Dir, und alle Gedanken schlafen unter Deinem Firmament.
Bettine
Goete an Bettine
18. Juni
Mein liebes Kind! Ich klage mich an, dass ich Dir nicht früher ein Zeichen gegeben, wie genussreich und erquickend es mir ist, das reiche Leben Deines Herzens überschauen zu dürfen. Wenn es auch ein Mangel in mir ist, dass ich Dir nur wenig sagen kann, so ist es Mangel an Fassung über alles, was Du mir gibst.
Ich schreibe Dir diesen Augenblick im Flug; denn ich fürchte da zu verweilen, wo so viel Überströmendes mich ergreift. Fahre fort, Deine Heimat bei der Mutter zu befestigen; es ist ihr zu viel dadurch geworden, als dass sie Dich entbehren könnte, und rechne Du auf meine Liebe und meinen Dank.
G.
An Goete
Frankfurt, am 29. Juni
Wenn ich alles aus dem Herzen in die Feder fliessen liess, so würdest Du manches Blatt von mir beiseite legen, denn immer von mir und von Dir, und einzig von meiner Liebe, das wär doch nur der bewusste ewige Inhalt. Ich hab's in den Fingerspitzen und meine, ich müsste Dir erzählen, was ich nachts von Dir geträumt habe, und denke nicht,