1835_Arnim_002_31.txt

nun an weniger von Ihnen zu erfahren bekäme und ich mehr. Bedenken Sie indes, dass nur wenig Worte von Ihnen ein grösseres Mass von Freude ausfüllen werden, als ich von aller späteren Zeit erwarte.

Bettine

Die Mutter ist sehr heiter und gesund, sie trinkt noch einmal soviel Wein wie vor'm Jahr, geht bei Wind und Wetter ins Teater; singt in ihrem Übermut mir vor: "Zärtliche getreue Seele, deren Schwur kein Schicksal bricht."

Extrablatt

Wir führen Krieg, ich und die Mutter, und nun ist's so weit gekommen, dass ich kapitulieren muss; die harte Bedingung ist, dass ich selbst Ihnen alles erzählen soll, womit ich's verschuldet habe, und was die gute Mutter so heiter und launig ertragen hat; sie hat eine geschichte daraus zusammengesponnen, die sie mit tausend Pläsier erzählt; sie könnte es also selbst viel besser schreiben, das will sie nicht, ich soll's zu meiner Strafe erzählen, und da fühl ich mich ganz beschämt.

Ich sollte ihr den Gall bringen und führte ihr unter seinem Namen den Tieck zu; sie warf gleich ihre Kopfbedeckung ab, setzte sich und verlangte, Gall solle ihren Schädel untersuchen, ob die grossen Eigenschaften ihres Sohnes nicht durch sie auf ihn übergegangen sein möchten; Tieck war in grosser Verlegenheit, denn ich liess ihm keinen Moment, um der Mutter den Irrtum zu benehmen; sie war gleich in heftigem Streit mit mir und verlangte, ich solle ganz stillschweigen und dem Gall nicht auf die Sprünge helfen; da kam Gall selbst und nannte sich; die Mutter wusste nicht, zu welchem sie sich bekehren solle, besonders da ich stark gegen den rechten protestierte, jedoch hat er endlich den Sieg davongetragen, indem er ihr eine sehr schöne Abhandlung über die grossen Eigenschaften ihres Kopfes hielt; und ich hab Verzeihung erhalten und musste versprechen, sie nicht wieder zu betrügen. Ein paar Tage später kam eine gar zu schöne gelegenheit, mich zu rächen. Ich führte ihr einen jungen Mann aus Strassburg zu, der kurz vorher bei Ihnen gewesen war; sie fragte höflich nach seinem Namen; noch eh er sich nennen konnte, sagte ich: "Der Herr heisst Schneegans, hat Ihren Herrn Sohn in Weimar besucht und bringt Ihr viele Grüsse von ihm". Sie sah mich verächtlich an und fragte: "Darf ich um Ihren werten Namen bitten?" Aber noch ehe er sich legitimieren konnte, hatte ich schon wieder den famösen Namen Schneegans ausgesprochen; ganz ergrimmt über mein grobes Verfahren, den fremden Herrn eine Schneegans zu schimpfen, bat sie ihn um Verzeihung, und dass mein Mutwill keine Grenzen habe und manchmal sogar ins Alberne spiele; ich sagte: "Der Herr heisst aber doch Schneegans." "O schweig", rief sie, "wo kann ein vernünftiger Mensch Schneegans heissen!" Wie nun der Herr endlich zu Wort kam und bekannte, dass er wirklich die Fatalität habe so zu heissen, da war es sehr ergötzlich, die Entschuldigungen und Beteuerungen von Hochachtung gegenseitig anzuhören; sie amüsierten sich vortrefflich miteinander, als hätten sie sich jahrelang gekannt, und beim Abschied sagte die Mutter mit einem heroischen Anlauf: "Leben Sie recht wohl, Herr von Schneegans, hätte ich doch nimmermehr geglaubt, dass ich's über die Zunge bringen könne!" –

Nun, da ich's geschrieben habe, erkenne ich erst, wie schwer die Strafe ist; denn ich hab einen grossen teil des Papiers beschrieben, ohne auch nur ein Wörtchen von meinen Angelegenheiten, die mir so sehr am Herzen liegen, anzubringen. Ja, ich schäme mich, Ihnen heute noch was anders zu sagen, als nur meinen Brief mit Hochachtung und Liebe abzuschliessen. Aber morgen, da fange ich einen neuen Brief an, und der hier soll nichts gelten.

Bettine

An Goete

3. Juni

Ich habe heute' bei der Mutter einliegenden Brief an Sie abgeholt, um doch eher schreiben zu dürfen, ohne unbescheiden zu sein. Ich möchte gar zu gern recht vertraulich kindisch und selbst ungereimt an Sie schreiben dürfen, wie mir's im Kopf kämeDarf ich? Z.B., dass ich verliebt war fünf Tage lang, ist das ungereimt? – Nun, was spiegelt sich denn in Ihrer Jugendquelle? – Nur hineingeschaut; Himmel und Erde malen sich drin; in schöner Ordnung stehen die Berge und die Regenbogen und die blitzdurchriss'nen Gewitterwolken, und ein liebend Herz schreitet durch, höherem Glück entgegen; und den sonnedurchleuchteten Tag kränzet der heimliche Abend in Liebchens Arm.

Drum sei mir's nicht verargt, dass ich fünf Tage lang verliebt war.

Bettine

Goete an B.

10. Juni

Der Dichter ist manchmal so glücklich, das Ungereimte zu reimen, und so wär es Ihnen zu gestatten, liebes Kind, dass Sie ohne Rückhalt, alles was Sie der Art mitzuteilen haben, ihm zukommen liessen. Gönnen Sie mir aber auch eine nähere Beschreibung dessen, der in fünftägigem Besitz Ihres Herzens war, und ob Sie auch sicher sind, dass der Feind nicht noch im Versteck lauert. Wir haben auch Nachrichten von einem jungen Mann, der, in eine grosse Bärenmütze gehüllt, in Ihrer Nähe weilt und vorgibt, seine Wunden heilen zu müssen, während er vielleicht im Sinne hat, die gefährlichsten zu schlagen.

Erinnern Sie sich jedoch bei so gefahrvollen zeiten des Freundes, der es angemessener findet, Ihren Herzenslaunen jetzt nicht in den Weg zu kommen