und umfasse Ihren Hals; und es währt lange, bis ich eine Stellung finde, in der ich beharre. Dann plaudre ich, wie es mir behagt; die Antwort aber, die ich mir in Ihrem Namen gebe, spreche ich mit Bedacht aus: "Mein Kind! Mein artig gut Mädchen! liebes Herz!" Ja, so klingt's aus jener wunderbaren Stunde herüber, in der ich glaubte von Geistern in eine andre Welt getragen zu sein; und wenn ich dann bedenke, dass es von Ihren Lippen so widerhallen könnte, wenn ich wirklich vor Ihnen stände, – dann schaudre ich vor Freude und sehnsucht zusammen. O wieviel hundertmal träumt man und träumt besser, als einem je wird. – Mutwillig und übermütig bin ich auch zuweilen und preise den Mann glücklich, der so sehr geliebt wird; dann lächeln Sie und bejahen es in freundlicher Grossmut.
Weh mir! Wenn dies alles nie zur Wahrheit wird, dann werde ich im Leben das Herrlichste vermissen. Ach, ist der Wein denn nicht die süsseste und begehrlichste unter allen himmlischen Gaben? Dass wer ihn einmal gekostet hat, trunkner Begeistrung nimmer abschwören möchte. – Diesen Wein werde ich vermissen, und alles andre wird mir sein wie hartes geistloses wasser, dessen man keinen Tropfen mehr verlangt, als man bedarf.
Wie werde ich mich alsdann trösten können! – Mit dem Lied etwa: "Im Arm der Liebe ruht sich's wohl, wohl auch im Schoss der Erde?" – Oder: "Ich wollt, ich läg und schlief zehntausend Klafter tief." – Ich wollt, ich könnte meinen Brief mit einem blick in Ihre Augen schliessen; schnell würde ich Vergebung der Kühnheit herauslesen und diese noch mit einsiegeln; ich würde dann nicht ängstlich sein über das kindische Geschwätz, das mir doch so ernst ist. Da wird es hingetragen in rascher Eile viele Meilen; der Postillon schmettert mit vollem Entusiasmus seine Ankunft in die Lüfte, als wolle er frohlockend fragen: "Was bring ich?" – Und nun bricht Goete seinen Brief auf und findet das unmündige Stammeln eines unbedeutenden Kindes. Soll ich noch Verzeihung fordern? – O, Sie wissen wohl, wie übermächtig, wie voll süssen Gefühls das Herz oft ist, und die kindische Lippe kann das Wort nicht treffen, den Ton kaum, der es widerklingen macht.
Bettine Brentano
An Bettine
im Brief an seine Mutter eingelegt von Goete.
Solcher Früchte, reif und süss, würde man gern an jedem Tag geniessen, den man zu den schönsten zu zählen berechtigt sein dürfte.
Wolfgang Goete
Liebe Mutter, geben Sie dies eingesiegelte Blättchen an Bettine und fordern Sie sie auf, mir noch ferner zu schreiben.
An Goete
Am 25. Mai
Wenn die Sonne am heissesten scheint, wird der blaue Himmel oft trübe; man fürchtet Sturm und Gewitter, beklemmende Luft drückt die Brust, aber endlich siegt die Sonne; ruhig und golden sinkt sie dem Abend in den Schoss.
So war mir's, da ich Ihnen geschrieben hatte; ich war beklemmt, wie wenn ein Gewitter sich spüren lässt, und ward oft rot über den Gedanken, dass Sie es unrecht finden möchten, und endlich ward mein Misstrauen nur durch wenig Worte, aber so lieb gelöst. Wenn Sie wüssten, wie schnelle Fortschritte mein Zutrauen in demselben Augenblick machte, da ich erkannte, dass Sie es gern wollen! – Gütiger, freundlich gesinnter Mann! Ich bin so unbewandert in Auslegung solcher köstlichen Worte, dass ich schwankte über ihren Sinn; die Mutter aber sagte: "Sei nicht so dumm, er mag geschrieben haben, was er will, so heisst es, Du sollst ihm schreiben, so oft Du kannst, und was Du willst." – Ach, ich kann Ihnen nichts anders mitteilen, als bloss was in meinem Herzen vorgeht. O dürft ich jetzt bei ihm sein, dachte ich, so glühend hell sollte meine Freudensonne ihm leuchten, wohl, herrlich! Ein Purpurhimmel mein Gemüt, ein warmer Liebestau meine Rede, die Seele müsste wie eine Braut aus ihrer kammer treten ohne Schleier und sich bekennen: "O Herr, in Zukunft will ich Dich oft sehen und lang am Tage, und oft soll ihn ein solcher Abend schliessen."
Ich gelobe es, dasjenige, was von der äusseren Welt unberührt in mir vorgeht, heimlich und gewissenhaft demjenigen darzulegen, der so gern teil an mir nimmt, und dessen allumfassende Kraft den jungen Keimen meiner Brust Fülle befruchtender Nahrung verspricht.
Das Gemüt hat ohne Vertrauen ein hartes Los; es wächst langsam und dürftig, wie eine heisse Pflanze zwischen Felsen; so bin ich, – so war ich bis heute, – und diese Herzensquelle, die nirgend wo ausströmen, konnte, findet plötzlich den Weg ans Licht, und paradiesische Ufer im Balsamduft blühender Gefilde begleiten ihren Weg.
O Goete! – Meine sehnsucht, mein Gefühl sind Melodien, die sich ein Lied suchen, dem sie sich anschmiegen möchten. Darf ich mich anschmiegen? – Dann sollen diese Melodien so hoch steigen, dass sie Ihre Lieder begleiten können.
Ihre Mutter schrieb wie von mir: dass ich keinen Anspruch an Antworten mache; dass ich keine Zeit rauben wolle, die Ewiges hervorbringen kann; so ist es aber nicht: meine Seele schreit wie ein durstiges Kindchen; alle zeiten, zukünftige und verflossene, möchte ich in mich trinken, und mein Gewissen würde mir wenig Bedenken machen, wenn die Welt von