war dunkel und es war sehr kalt; – ich landete an einem sumpfigen Ufer, da war ein Haus mit feuchten Mauern, aus dem schwebte sie hervor und sah mich ängstlich an und deutete mir, dass sie nicht sprechen könne; – ich lief wieder zum Schlafzimmer der Geschwister und rief: "Nein, es ist gewiss wahr; denn mir hat geträumt, dass ich sie gesehen habe, und ich hab gefragt: 'Günderode, warum hast Du mir dies getan?' Da hat sie geschwiegen, hat den Kopf gesenkt und hat sich traurig nicht verantworten können." – Nun überlegte ich im Bett alles und besann mich, dass sie mir früher gesagt hatte, sie wolle sich erst mit mir entzweien, eh sie diesen Entschluss ausführen werde; nun war mir unsre Trennung erklärt; auch dass sie mir ein Zeichen geben werde, wenn ihr Entschluss reif sei; – das war also die geschichte von ihrer toten Schwester, die sie mir ein halb Jahr früher mitteilte; da war der Entschluss schon gefasst. – O ihr grossen Seelen, dieses Lamm in seiner Unschuld, dieses junge zaghafte Herz, welche ungeheure Gewalt hat es bewogen, so zu handeln? – Am andern Morgen fuhren wir bei früher Zeit auf dem Rhein weiter; – Franz hatte befohlen, dass das Schiff jenseits sich halten solle, um zu vermeiden, dass wir dem Platz zu nahe kämen, aber dort stand der Fritz Schlosser am Ufer, und der Bauer, der sie gefunden, zeigte ihm, wo der Kopf gelegen hatte und die Füsse und dass das Gras noch niederliege, – und der Schiffer lenkte unwillkürlich dortin, und Franz bewusstlos sprach im Schiff alles dem Bauern nach, was er in der Ferne verstehen konnte, und da musst ich denn mit anhören die schauderhaften Bruchstücke der Erzählung vom roten Kleid, das aufgeschnürt war, und der Dolch, den ich so gut kannte, und das Tuch mit Steinen um ihren Hals, und die breite Wunde; – aber ich weinte nicht, ich schwieg. – Da kam der Bruder zu mir und sagte: "Sei stark, Mädchen." – Wir landeten in Rüdesheim; überall erzählte man sich die geschichte; ich lief in Windesschnelle an allen vorüber, den Ostein hinauf eine halbe Stunde bergan, ohne auszuruhen; – oben war mir der Atem vergangen, mein Kopf brannte, ich war den andern weit vorausgeeilt. – Da lag der herrliche Rhein mit seinem smaragdnen Schmuck der Inseln; da sah ich die Ströme von allen Seiten dem Rhein zufliessen und die reichen friedlichen Städte an beiden Ufern und die gesegneten Gelände an beiden Seiten; da fragte ich mich, ob mich die Zeit über diesen Verlust beschwichtigen werde, und da war auch der Entschluss gefasst, kühn mich über den Jammer hinauszuschwingen; denn es schien mir unwürdig, Jammer zu äussern, den ich einst beherrschen könne.
Briefwechsel mit Goete
Mit Flammenschrift war innigst eingeschrieben
Petrarcas Brust, vor allen andern Tagen,
Karfreitag. Ebenso, ich darf's wohl sagen,
Ist mir Advent von Achtzehnhundertsieben.
Ich fing nicht an, ich fuhr nur fort zu lieben
Sie, die ich früh im Herzen schon getragen,
Dann wieder weislich aus dem Sinn geschlagen,
Der ich nun wieder bin ans Herz getrieben.
Petrarcas Liebe, die unendlich hohe,
War leider unbelohnt und gar zu traurig,
Ein Herzensweh, ein ewiger Karfreitag;
Doch stets erscheine, fort und fort, die frohe,
Süss, unter Palmenjubel, wonneschaurig,
Der Herrin Ankunft mir, ein ew'ger Maitag.
An Goete
Kassel, den 15. Mai 1807
"Liebe, liebe Tochter! Nenne mich für alle Tage, für alle Zukunft mit dem einen Namen, der mein Glück umfasst; mein Sohn sei Dein Freund, Dein Bruder, der Dich gewiss liebt usw."
Solche Worte schreibt mir Goetes Mutter; zu was berechtigen mich diese? – Auch brach es los wie ein Damm in meinem Herzen; – ein Menschenkind, einsam auf einem Fels, von Stürmen umbraust, seiner selbst ungewiss hin- und herschwankend, wie Dornen und Disteln um es her – so bin ich; so war ich, da ich meinen Herrn noch nicht erkannt hatte. Nun wend ich mich wie die Sonnenblume nach meinem Gott und kann ihm mit dem von seinen Strahlen glühenden Angesicht beweisen, dass er mich durchdringt. O Gott! Darf ich auch! – Und bin ich nicht allzu kühn?
Und was will ich denn? – Erzählen, wie die herrliche Freundlichkeit, mit der Sie mir entgegenkamen, jetzt in meinem Herzen wuchert? – alles andre Leben mit Gewalt erstickt? Wie ich immer muss hinverlangen, wo mir's zum erstenmal wohl war? – Das hilft alles nichts; die Worte Ihrer Mutter! – Ich bin weit entfernt, Ansprüche an das zu machen, was ihre Güte ich musste zum wenigsten den Wunsch befriedigen, dass Sie wissen möchten, wie mächtig mich die Liebe in jedem Augenblick zu Ihnen hinwendet.
Auch darf ich mich nicht scheuen, einem Gefühl mich hinzugeben, das sich aus meinem Herzen hervordrängt wie die junge Saat im Frühling; – es musste so sein, und der Same war in mich gelegt; es ist nicht mein vorsätzlicher Wille, wenn ich oft aus dem augenblicklichen Gespräch zu Ihren Füssen getragen bin; dann setze ich mich an die Erde und lege den Kopf auf Ihren Schoss, oder ich drücke Ihre Hand an meinen Mund, oder ich stehe an Ihrer Seite