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die hände in dem kleinen engen gang, der mich so oft zu ihr geführt hatte; – die Meline kam heraus mit verweinten Augen, sie zog mich schweigend mit sich fort; – einen Augenblick hatte mich der Schmerz übermannt, aber gleich stand ich wieder auf den Füssen; nun! dachte ich, wenn das Schicksal mir nicht schmeicheln will, so wollen wir Ball mit ihm spielen; ich war heiter, ich war lustig, ich war überreizt, aber Nächten weinte ich im Schlaf. – Am zweiten Tag ging ich des weges, wo ihre wohnung war, da sah ich die wohnung von Goetes Mutter, die ich nicht näher kannte und nie besucht hatte; ich trat ein. "Frau Rat", sagte ich, "ich will Ihre Bekanntschaft machen, mir ist eine Freundin in der Stiftsdame Günderode verloren gegangen, und die sollen Sie mir ersetzen." – "Wir wollen's versuchen", sagte sie, und so kam ich alle Tage und setzte mich auf den Schemel und liess mir von ihrem Sohn erzählen und schrieb's alles auf und schickte es der Günderode; – wie sie in's Rheingau ging, sendete sie mir die Papiere zurück; die Magd, die sie mir brachte, sagte, es habe der Stiftsdame heftig das Herz geklopft, da sie ihr die Papiere gegeben, und auf ihre Frage, was sie bestellen solle, habe sie geantwortet: "Nichts." –

Es vergingen vierzehn Tage, da kam Fritz Schlosser; er bat mich um ein paar Zeilen an die Günderode, weil er ins Rheingau reisen werde und wolle gern ihre Bekanntschaft machen. Ich sagte, dass ich mit ihr brouilliert sei, ich bäte ihn aber, von mir zu sprechen und achtzugeben, was es für einen Eindruck auf sie mache. – "Wann gehen Sie hin ", sagte ich, "morgen?" – "Nein, in acht Tagen." – "O gehen Sie morgen, sonst treffen Sie sie nicht mehr; – am Rhein ist's so melancholisch", sagte ich scherzend, "da könnte sie sich ein Leid's antun;" – Schlosser sah mich ängstlich an. "Ja ja", sagte ich mutwillig, "sie stürzt sich ins wasser oder ersticht sich aus blosser Laune." – "Frevlen Sie nicht", sagte Schlosser, und nun frevelte ich erst recht: "geben Sie acht, Schlosser, Sie finden Sie nicht mehr, wenn Sie nach alter Gewohnheit zögern, und ich sage Ihnen, gehen Sie heute lieber wie morgen und retten Sie sie von unzeitiger melancholischer Laune;" – und im Scherz beschrieb ich sie, wie sie sich umbringen werde, im roten Kleid, mit aufgelöstem Schnürband, dicht unter der Brust die Wunde; das nannte man tollen Übermut von mir, es war aber bewusstloser Überreiz, indem ich die Wahrheit vollkommen genau beschrieb. – Am andern Tag kam Franz und sagte: "Mädchen, wir wollen ins Rheingau gehen, da kannst Du die Günderode besuchen." – "Wann?" fragte ich – "Morgen", sagte er; – ach, ich packte mit Übereile ein, ich konnte kaum erwarten, dass wir gingen; alles, was mir begegnete, schob ich hastig aus dem Weg, aber es vergingen mehrere Tage und es ward die Reise immer verschoben; endlich, da war meine Lust zur Reise in tiefe Trauer verwandelt, und ich wär lieber zurückgeblieben. – Da wir in Geisenheim ankamen, wo wir übernachteten, lag ich im Fenster und sah ins mondbespiegelte wasser; meine Schwägerin Toni sass am Fenster; die Magd, die den Tisch deckte, sagte: "Gestern hat sich auch eine junge schöne Dame, die schon sechs Wochen hier sich aufhielt, bei Winckel umgebracht; sie ging am Rhein spazieren ganz lang, dann lief sie nach haus, holte ein Handtuch; am Abend suchte man sie vergebens; am andern Morgen fand man sie am Ufer unter Weidenbüschen, sie hatte das Handtuch voll Steine gesammelt und sich um den Hals gebunden, wahrscheinlich, weil sie sich in den Rhein versenken wollte, aber da sie sich ins Herz stach, fiel sie rückwärts, und so fand sie ein Bauer am Rhein liegen unter den Weiden an einem Ort, wo es am tiefsten ist. Er riss ihr den Dolch aus dem Herzen und schleuderte ihn voll Abscheu weit in den Rhein, die Schiffer sahen ihn fliegen, – da kamen sie herbei und trugen sie in die Stadt." – Ich hatte im Anfang nicht zugehört, aber zuletzt hört ich's mit an und rief: "Das ist die Günderode!" Man redete mir's aus und sagte, es sei wohl eine andre, da so viel Frankfurter im Rheingau wären. Ich liess mir's gefallen und dachte: grade, was man prophezeie, sei gewöhnlich nicht wahr. – In der Nacht träumte mir, sie käme mir auf einem mit Kränzen geschmückten Nachen entgegen, um sich mit mir zu versöhnen; ich sprang aus dem Bett in des Bruders Zimmer und rief: "Es ist alles nicht wahr, eben hat mir's lebhaft geträumt!" "Ach", sagte der Bruder, "baue nicht auf Träume!" – Ich träumte noch einmal, ich sei eilig in einem Kahn über den Rhein gefahren, um sie zu suchen; da war das wasser trüb und schilfig, die Luft