mich auf die Brustmauer und hing die Beine hinab. – Sie wollte immer mehr von diesen Turmbegeistrungen, sie sagte: "Es ist mein Labsal, Du sprichst wie ein auferstandner Prophet!" – Wie ich ihr aber schrieb, dass ich auf der Mauer, die kaum zwei Fuss breit war, im Kreis herumlaufe und lustig nach den Sternen sehe, und dass mir zwar am Anfang geschwindelt habe, dass ich jetzt aber ganz keck und wie am Boden mich da oben befinde, – da schrieb sie: "Um Gotteswillen falle nicht, ich hab's noch nicht herauskriegen können, ob Du das Spiel böser oder guter Dämonen bist". – "Falle nicht," schrieb sie mir wieder, "obschon es mir wohltätig war, Deine stimme von oben herab über den Tod zu vernehmen, so fürchtete ich nichts mehr, als dass Du elend und unwillkürlich zerschmettert ins Grab stürzest;" – ihre Vermahnungen aber erregten mir keine Furcht und keinen Schwindel, im Gegenteil war ich tollkühn; ich wusste Bescheid, ich hatte die triumphierende Überzeugung, dass ich von Geistern geschützt sei. Das Seltsame war, dass ich's oft vergass, dass es mich oft mitten aus dem Schlaf weckte und ich noch in unbestimmter Nachtzeit hineilte, dass ich auf dem hinweg immer Angst hatte und auf der Leiter jeden Abend wie den ersten, dass ich oben allemal die Beseligung einer von schwerem Druck befreiten Brust empfand; – oben, wenn Schnee lag, schrieb ich der Günderode ihren Namen hinein und: Jesus nazarenus rex judaeorum als schützenden Talisman darüber, da war mir, als sei sie gesichert gegen böse Eingebungen.
Jetzt kam Creuzer nach Marburg, um Savigny zu besuchen. Hässlich wie er war, war es zugleich unbegreiflich, dass er ein Weib interessieren könne; ich hörte, dass er von der Günderode sprach, in Ausdrükken, als ob er ein Recht an ihre Liebe habe; ich hatte in meinem von allem äusseren Einfluss abgeschiednen Verhältnis zu ihr früher nichts davon geahndet und war im Augenblick aufs heftigste eifersüchtig; er nahm in meiner Gegenwart ein kleines Kind auf den Schoss und sagte: "Wie heisst Du?" – "Sophie". "Nun, Du sollst, solange ich hier bin, Karoline heissen; Karoline gib mir einen Kuss." Da ward ich zornig, ich riss ihm das Kind vom Schoss und trug es hinaus, fort durch den Garten auf den Turm; da oben stellte ich es in den Schnee neben ihren Namen, und legte mich mit dem glühenden Gesicht hinein und weinte laut, und das Kind weinte mit, und da ich herunter kam, begegnete mir Creuzer; ich sagte: "Weg aus meinem Weg, fort." Der Philolog konnte sich einbilden, dass Ganymed ihm die Schale des Jupiters reichen werde. – Es war in der Neujahrsnacht; ich sass auf meiner Warte und schaute in die Tiefe; alles war so still – kein laut bis in die weiteste Ferne, und ich war betrübt um die Günderode, die mir keine Antwort gab; die Stadt lag unter mir, auf einmal schlug es Mitternacht, – da stürmte es herauf, die Trommeln rührten sich, die Postörner schmetterten, sie lösten ihre Flinten, sie jauchzten, die Studentenlieder tönten von allen Seiten, es stieg der Jubellärm, dass er mich beinah wie ein Meer umbrauste; – das vergesse ich nie, aber sagen kann ich auch nicht, wie mir so wunderlich war da oben auf schwindelnder Höhe, und wie es allmählich wieder still ward und ich mich ganz allein empfand. Ich ging zurück und schrieb an die Günderode; vielleicht finde ich den Brief noch unter meinen Papieren, dann will ich ihn beilegen; ich weiss, dass ich ihr die heissesten Bitten tat, mir zu antworten; ich schrieb ihr von diesen Studentenliedern, wie die gegen Himmel geschallt hätten und mir das tiefste Herz aufgeregt; ja ich legte meinen Kopf auf ihre Füsse und bat um Antwort und wartete mit heisser sehnsucht acht Tage, aber nie erhielt ich eine Antwort; ich war blind, ich war taub, ich ahndete nichts. Noch zwei Monate gingen vorüber – da war ich wieder in Frankfurt; – ich lief ins Stift, machte die Tür auf: siehe da stand sie und sah mich an; kalt, wie es schien; "Günderod", rief ich, "darf ich hereinkommen?" – Sie schwieg und wendete sich ab; "Günderod, sag nur ein Wort und ich lieg an deinem Herzen." "Nein", sagte sie, "komme nicht näher, kehre wieder um, wir müssen uns doch trennen." – "Was heisst das?" – "So viel, dass wir uns ineinander geirrt haben und dass wir nicht zusammengehören." – Ach, ich wendete um! Ach, erste Verzweiflung, erster grausamer Schlag, so empfindlich für ein junges Herz! Ich, die nichts kannte wie die Unterwerfung, die Hingebung in dieser Liebe, musste so zurückgewiesen werden. – Ich lief nach Haus zur Meline, ich bat sie mitzugehen zur Günderode, zu sehen, was ihr fehle, sie zu bewegen, mir einen Augenblick ihr Angesicht zu gönnen; ich dachte, wenn ich sie nur einmal ins Auge fassen könne, dann wolle ich sie zwingen; ich lief über die Strasse, vor der Zimmertür blieb ich stehen, ich liess die Meline allein zu ihr eintreten, ich wartete, ich zitterte und rang