dazu hab ich Mut; und wenn ich jetzt mit dem Messer auf Dich eindringe – siehst Du, wie Du Dich fürchtest?" – Sie zog sich ängstlich zurück; der alte Zorn regte sich wieder in mir unter der Decke des glühendsten Mutwills; ich ging immer ernstlicher auf sie ein, sie lief in ihr Schlafzimmer hinter einen ledernen Sessel, um sich zu sichern; ich stach in den Sessel, ich riss ihn mit vielen Stichen in Stücke, das Rosshaar flog hier und dahin in der stube, sie stand flehend hinter dem Sessel und bat, ihr nichts zu tun; – ich sagte: "Eh ich dulde, dass Du Dich umbringst, tu ich's lieber selbst." "Mein armer Stuhl!" rief sie. "Ja was, dein Stuhl, der soll den Dolch stumpf machen." Ich gab ihm ohne Barmherzigkeit Stich auf Stich, das ganze Zimmer wurde eine Staubwolke; so warf ich den Dolch weit in die stube, dass er prasselnd unter das Sofa fuhr; ich nahm sie bei der Hand und führte sie in den Garten in die Weinlaube, ich riss die jungen Weinreben ab und warf sie ihr vor die Füsse; ich trat darauf und sagte: "So misshandelst Du unsre Freundschaft." – Ich zeigte ihr die Vögel auf den Zweigen, und dass wir wie jene, spielend, aber treu gegeneinander bisher zusammengelebt hätten. Ich sagte: "Du kannst sicher auf mich bauen, es ist keine Stunde in der Nacht, die, wenn Du mir Deinen Willen kund tust, mich nur einen Augenblick besinnen machte; – komm vor mein Fenster und pfeif um Mitternacht, und ich geh ohne Vorbereitung mit Dir um die Welt. Und was ich für mich nicht wagte, das wag ich für Dich; – aber Du? – Was berechtigt Dich mich aufzugeben? – Wie kannst Du solche Treue verraten, und versprich mir, dass Du nicht mehr Deine zaghafte natur hinter so grausenhafte prahlerische Ideen verschanzen willst." – Ich sah sie an, sie war beschämt und senkte den Kopf und sah auf die Seite und war blass; wir waren beide still, lange Zeit. "Günderode", sagte ich, "wenn es ernst ist, dann gib mir ein Zeichen"; – sie nickte. – Sie reiste ins Rheingau; von dort aus schrieb sie mir ein paarmal, wenig Zeilen; – ich hab sie verloren, sonst würde ich sie hier einschalten. Einmal schrieb sie: "Ist man allein am Rhein, so wird man ganz traurig, aber mit mehreren zusammen, da sind grade die schauerlichsten Plätze am lustaufreizendsten: mir aber ist doch lieb, den weiten gedehnten Purpurhimmel am Abend allein zu begrüssen, da dichte ich im Wandeln an einem Märchen, das will ich Dir vorlesen; ich bin jeden Abend begierig, wie es weiter geht, es wird manchmal recht schaurig und dann taucht es wieder auf." Da sie wieder zurückkam und ich das Märchen lesen wollte, sagte sie: "Es ist so traurig geworden, dass ich's nicht lesen kann; ich darf nichts mehr davon hören, ich kann es nicht mehr weiter schreiben: ich werde krank davon." Sie legte sich zu Bett und blieb mehrere Tage liegen, der Dolch lag an ihrem Bett; ich achtete nicht darauf, die Nachtlampe stand dabei, ich kam herein: "Bettine, mir ist vor drei Wochen eine Schwester gestorben; sie war jünger als ich, Du hast sie nie gesehen; sie starb an der schnellen Auszehrung." – "Warum sagst Du mir dies heute erst", fragte ich. – "Nun, was könnte Dich dies interessieren? Du hast sie nicht gekannt, ich muss so was allein tragen", sagte sie mit trocknen Augen. Mir war dies doch etwas sonderbar, mir jungen natur waren alle Geschwister so lieb, dass ich glaubte, ich würde verzweifeln müssen, wenn einer stürbe, und dass ich mein Leben für jeden gelassen hätte. Sie fuhr fort: "Nun denke'! Vor drei Nächten ist mir diese Schwester erschienen; ich lag im Bett und die Nachtlampe brannte auf jenem Tisch; sie kam herein in weissem Gewand, langsam, und blieb an dem Tisch stehen; sie wendete den Kopf nach mir, senkte ihn und sah mich an; erst war ich erschrocken, aber bald war ich ganz ruhig, ich setzte mich im Bett auf, um mich zu überzeugen, dass ich nicht schlafe. Ich sah sie auch an und es war, als ob sie etwas bejahend nickte; sie nahm dort den Dolch, hob ihn gegen Himmel mit der rechten Hand, als ob sie mir ihn zeigen wolle, legte ihn wieder sanft und klanglos nieder; dann nahm sie die Nachtlampe, hob sie auch in die Höhe und zeigte sie mir, und als ob sie mir bezeichnen wolle, dass ich sie verstehe, nickte sie sanft, führte die Lampe zu ihren Lippen und hauchte sie aus; denke nur", sagte sie voll Schauder, "ausgeblasen; – im Dunkel hatte mein Auge noch das Gefühl von ihrer Gestalt; da hat mich plötzlich eine Angst befallen, die ärger sein muss, als wenn man mit dem Tod ringt; ja, denn ich wär lieber gestorben, als noch länger diese Angst zu tragen."
Ich war gekommen, um Abschied zu nehmen, weil ich mit Savigny nach Marburg reisen wollte, aber nun