schwebte über die Treppen herab oder herauf, zuweilen hob ich mich zur Höhe der niedern Baumäste und schwirrte zwischen den Zweigen dahin; morgens erwachte ich in meinem Bett mit dem Bewusstsein, dass ich fliegen könne, am Tag aber vergass ich's. – Ich schrieb an die Günderode, ich weiss nicht was, sie kam heraus nach Offenbach, sah mich zweifelhaft an, tat befremdende fragen über mein Befinden, ich sah im Spiegel: schwärzer waren die Augen wie je, die Züge hatten sich unendlich verfeinert, die Nase so schmal und fein, der Mund geschwungen, eine äusserst weisse Farbe; ich freute mich und sah mit Genuss meine Gestalt, die Günderode sagte, ich sollte nicht so lang mehr allein bleiben, und nahm mich mit in die Stadt; da waren wenig Tage verflossen, so hatte ich das Fieber; ich legte mich zu Bett und schlief, und weiss auch nichts, als dass ich nur schlief: endlich erwachte ich und es war am vierzehnten Tag, nachdem ich mich gelegt hatte; indem ich die Augen öffnete, sah ich ihre schwanke Gestalt im Zimmer auf- und abgehen und die hände ringen; "aber Günderode", sagt ich, "warum weinst Du?" "Gott sei ewig gelobt", sagte sie, und kam an mein Bett, "bist Du endlich wieder wach, bist Du endlich wieder ins Bewusstsein gekommen?" – Von der Zeit an wollte sie mich nichts Philosophisches lesen lassen, und auch keine Aufsätze sollte ich mehr machen; sie war fest überzeugt, meine Krankheit sei davon hergekommen; ich hatte grosses Wohlgefallen an meiner Gestalt, die Blässe, die von meiner Krankheit zurückgeblieben war, gefiel mir unendlich; meine Züge erschienen mir sehr bedeutend, die grossgewordenen Augen herrschten, und die anderen Gesichsteile verhielten sich geistig leidend; ich fragte die Günderode, ob nicht darin schon die ersten Spuren einer Verklärung sich zeigten.
Hier hab ich abgebrochen und hab viele Tage nicht geschrieben; es stieg so ernst und schwer herauf, der Schmerz liess sich nicht vom Denken bemeistern; ich bin noch jung, ich kann's nicht durchsetzen, das Ungeheure. Unterdessen hat man den Herbst eingetan, der Most wurde vom laubbekränzten Winzervolk unter Jubelgesang die Berge herabgefahren und getragen, und sie gingen mit der Schalmei voran und tanzten. O Du – der Du dieses liest, Du hast keinen Mantel so weich, um die verwundete Seele drin einzuhüllen. Was bist Du mir schuldig? – Dem ich Opfer bringe wie dies, dass ich Dich die Hand in die Wunden legen lasse. – Wie kannst Du mir vergelten? – Du wirst mir nimmer vergelten; Du wirst mich nicht lokken und an Dich ziehen, und weil ich kein Obdach in der Liebe habe, wirst Du mich nicht herbergen, und der sehnsucht wirst Du keine Linderung gewähren; ich weiss es schon im voraus, ich werde allein sein mit mir selber, wie ich heute allein stand am Ufer bei den düstern Weiden, wo die Todesschauer noch wehen über den Platz, da kein Gras mehr wächst; dort hat sie den schönen Leib verwundet, grad an der Stelle, wo sie's gelernt hatte, dass man da das Herz am sichersten trifft; o Jesus Maria! –
Du! Mein Herr! – Du! – Flammender Genius über mir! Ich hab geweint; nicht über sie, die ich verloren habe, die wie warme frühlingbrütende Lüfte mich umgab; die mich schützte, die mich begeisterte, die mir die Höhe meiner eignen natur als Ziel vertraute; ich hab geweint um mich, mit mir; hart muss ich werden wie Stahl, gegen mich, gegen das eigne Herz; ich darf es nicht beklagen, dass ich nicht geliebt werde, ich muss streng sein gegen dies leidenschaftliche Herz; es hat kein Recht zu fordern, nein, es hat kein Recht; – Du bist mild und lächelst mir, und Deine kühle Hand mildert die Glut meiner Wangen, das soll mir genügen.
Gestern waren wir im laubbekränzten Nachen den Rhein hinabgefahren, um die hundertfältige Feier des Weinfestes an beiden Bergufern mitanzusehen; auf unserem Schiff waren lustige Leute, sie schrieben weinbegeisterte Lieder und Sprüche, steckten sie in die geleerten Flaschen und liessen diese unter währendem Schiessen den Rhein hinabschwimmen; auf allen Ruinen waren grosse Tannen aufgepflanzt, die bei einbrechender Dämmerung angezündet wurden; auf dem Mäuseturm, mitten im stolzen Rhein ragten zwei mächtige Tannen empor, ihre flammenden durchbrannten Äste fielen herab in die zischende Flut, von allen Seiten donnerten sie und warfen Raketen, und schöne Sträusser von Leuchtkugeln stiegen jungfräulich in die Lüfte, und auf den Nachen sang man Lieder, und im Vorbeifahren warf man sich Kränze zu und Trauben; da wir nach haus kamen, so war's spät, aber der Mond leuchtete hell; ich sah zum Fenster hinaus und hörte noch jenseits das Toben und Jauchzen der Heimkehrenden, und diesseits, nach der Seite, wo sie tot am Ufer gelegen hatte, war alles still, ich dachte, da ist keiner mehr, der nach ihr frägt, und ich ging hin, nicht ohne Grausen, nein, mir war bang, wie ich von weitem die Nebel über den Weidenbüschen wogen sah, da wär ich bald wieder umgekehrt, es war mir, als sei sie es selbst, die da schwebte und wogte und sich ausdehnte; ich ging hin, aber ich betete unterwegs, dass mich Gott doch schützen möge; – schützen