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ungeliebt, ja sie könnten mich fragen: "Wer bist du und was willst du?" Und wenn ich Antwort gäbe, würden sie sagen: "Wir verstehen dich nicht." Du aber erkanntest mich und öffnetest mir die arme und das Herz, und jede Frage war gelöst und jeder Schmerz beschwichtigt. – Dort im Park zu Weimar gingen wir Hand in Hand unter den dichtbelaubten Bäumen, das Mondlicht fiel ein, Du gabst mir viele süsse Namen, es klingt noch in meinen Ohren: "Lieb Herz! Mein artig Kind!" Wie war ich erfreut zu wissen, wie ich Dir heisse; dann führtest Du mich an die Quelle, sie kam mitten aus dem Rasen hervor, wie eine grüne kristallne Kugel, da standen wir eine Weile und hörten ihrem Getön zu. "Sie ruft der Nachtigall", sagtest Du, "denn die heisst auf Persisch Bulbul, sie ruft dich, du bist meine Nachtigall, der ich gern zuhöre." Dann gingen wir nach haus, ich sass an Deiner Seite, da war's so stille, nah an Deinem Herzen; ich hörte es klopfen, ich hörte Dich atmen, da lauschte ich und hatte keine Gedanken als bloss Deinem Leben zuzuhören. – O Du! – Hier lang nach Mitternacht, allein mit Dir im Angedenken jener Stunde vor vielen Jahren, durchdrungen von Deiner Liebe, dass meine Tränen fliessen; und Du! Nicht auf Erden, jenseits! – Wo ich Dich nicht mehr erreiche. – Ja, Tränen! – Alles umsonst. – So verging die Zeit an Deiner Brust, keine Ahnung, dass sie verging, es war alles für die Ewigkeit eingerichtet. Dämmerungdie Lampe warf einen ungewissen Schein an die Decke, die Flamme knisterte und leuchtete auf, das weckte Dich aus Deinem tiefen Sinnen. – Du wendetest Dich nach mir und sahst mich lange an, dann lehntest Du mich sanft aus Deinen Armen und sagtest: "Ich will gehen, sieh, wie unsicher das Nachtlicht brennt, wie beweglich die Flamme an der Decke spielt, grade so unsicher brennt eine Flamme in meiner Brust, ich bin ihrer nicht gewiss, ob sie nicht auflodere und dich und mich versehre." Du drücktest meine hände, Du gingst, ohne mich zu küssen. Ich blieb allein; erst, wie es sonderbar mit Liebenden ist, war ich ruhig, ich fühlte mich von Glanz umgeben und vom Glanz erfüllt, aber plötzlich durchdrang mich der Schmerz, dass Du gegangen warst. Wem sollte ich's klagen, dass ich Dich nicht mehr hatte? Ich trat vor den Spiegel, da sah mein blasses Antlitz heraus, so schmerzlich sah das Auge mich an, dass ich vor Mitleid gegen mich selbst in Tränen ausbrach.

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Dem Freund

Es ist, als ob jeder Atemzug sich wieder aus der Vergangenheit erhebe, was ich vergessen zu haben glaubte, greift mit Macht in mich ein und erregt aufs neue das Feuer verhaltner Schmerzen.

So weit habe ich in der Nacht geschrieben, heute am Tag schreibe ich noch als psychologische Merkwürdigkeit her, auf welche wunderbare Weise ich mich beschwichtigte, wie die geängstete, mit aller Willenskraft der Jugend ausgerüstete Seele sich half. – Auf dem Tisch vor dem Spiegel kniend, bei dem unsicheren Flackern der Nachtlampe, hilfesuchend im eignen Auge, das mir mit Tränen antwortete, die Lippen zuckten, die hände so festgefaltet auf der Brust, die bedrängt, erfüllt war von Seufzern. Siehe da! – Wie oft hatte ich gewünscht, auch einmal vor ihm seine eigne Dichtung aussprechen zu dürfen, plötzlich fielen mir die grossen gewaltigen Eichen ein, wie die vor wenig Stunden im Mondlicht über uns gerauscht hatten, und zugleich der Monolog der Iphigenia auf Tauris, der so beginnt: "heraus in eure Schatten, rege Wipfel des alten heiligen dichtbelaubten Haines." – Ich stand aufrecht vor dem Spiegel, es war mir, als ob Goete zuhöre, ich sagte den ganzen Monolog her, laut, mit einer gewiss zum höchsten Grad des Kunstgefühls gesteigerten Begeistrung. Oft musste ich innehalten, das leise verhaltne Beben der stimme gab mir die Pausen ein, die in diesem Monolog so wesentlich sind, weil unmöglich die nach allen Seiten sich scharfrichtenden Blicke auf Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart, die seinen Inhalt ausmachen, alles in einem ununterbrochnen Lauf auffassen können. Meine Rührung, mein tief von Goetes Geist erschütterter Geist waren also Veranlassung, mein dramatisches Kunstgefühl zu steigern; ich empfand deutlich die Begeistrung der Begeistrung. – Ich fühlte mich wie in einer Wolke gebettet aufwärts schwebend, eine göttliche Gewalt trieb diese Wolke entgegen dem Ersehnten und zwar in der Verklärung seines eignen Werkes, welche schönere Apoteose seiner Einwirkung auf mich war zu erleben? – So waren denn alle Schmerzen der sehnsucht gelöst in freudiges Flügelrauschen des Geistes. Wie ein junger Adler mit den Flügeln der Sonne zuwinkt, ohne sich emporzuschwingen, und im Gefühl seiner Kraft sie auf ihre Bahn zu verfolgen sich genügen lässt: so war ich heiter und froh. – Ich ging zu Bett und der Schlaf fiel über mich her wie ein erquickender Gewitterregen.

So ist von jeher und bis auf die heutige Stunde alles unbefriedigte Begehren durch Kunstgefühl aufgelöst worden. Jedes in der heiligen natur begründete sinnliche Gefühl, alle unbefriedigte leidenschaft steigert sich schon hier zu der sehnsucht, überzugehen in eine höhere Welt, wo das Sinnliche auch Geist wird.

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Ich danke Dir, Freund, dass ich Dir alles sagen darf, unter allen