möglich. Das Marktgewühl des alltäglichen Lebens liess die sehnsucht nicht durchdringen, keine einsame vertrauliche Zeit kam ihr zu Hilfe, ich selbst sagte mir hundertmal: "Es ist alles verloren." – Herr! Der mich hört, dem ich vertraue, dass er mich höre: gib Antwort. – Seit sie Dich tot sagen, klopft mir das Herz vor heimlicher Erwartung. Es ist, als hättest Du mich dahin bestellt, um mich zu überraschen wie sonst im Garten, wo Du aus umbuschten Nebenwegen hervortratst, den reifen Apfel in der Hand, den ich dann vor Dir herwarf, um Dich den Weg zu lenken in die Laube, wo die grosse Kugel am Boden lag. Da sagtest Du: "Da liegt die Welt zu deinen Füssen, und doch liegst du mir zu Füssen." – Ja, die Welt und ich, wir lagen zu Deinen Füssen, jene kalte Welt, über der erhaben Du standest, und ich, die zu Dir hinaufstrebte. So kam's auch: die Welt blieb liegen, und mich zogst Du ans Herz. An Deinem Herzen, mein Freund, das warm schlug, wer kann ermessen, wie selig das war. Herr! Ist das alles wieder zu erwerben, mit süssem Bewusstsein noch einmal zu durchleben? –
O der falschen Welt, die uns trennte und mich wegführte, mich armes blindes Kind von meinem Herrn! Was hab ich gesucht? – Was hab ich gefunden? – Wer hat mich freudig angelächelt? – Wessen Umarmung hab ich ausgefüllt mit der liebenden Gewissheit, dass er nichts Seligeres umfassen könne? – Du warst zufrieden mit mir. Dich freute es zu sehen, wie aus dem Kinderherzen die Quelle der Begeistrung für Dich hervorbrach, warum musste diese Quelle versiegen? – Konnte, sollte nicht der ganze Lebensstrom Deinem Lächeln, Deinem Grüssen und Nicken dahinfliessen? – Wo war es schön als nur bei Dir? – Du kanntest die Grazien, ihr ferner Schritt schon gab den Rhytmus Deiner Begeisterung. – Das stille Feuer Deiner dunklen Augen, die Ruhe Deiner Glieder, Dein kindlich Lächeln zu meiner List im Erzählen, Deine gelehrige Andacht für meine Begeistrung. Ja, und Du senktest Dein heilig Haupt zu mir herab und sahst mich an, die ich geweiht war durch Deine Nähe.
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An den Freund
Vielleicht verscherz ich Dein bisschen Andacht zu mir, dass ich Dich so tief in den Schacht meines Herzens einsenke, wo es so wunderlich hergeht, dass die Leute sagen würden, es sei Narrheit. – Ja, Narrheit ist die rechte Scheidewand zwischen dem ewig Unsterblichen und dem zeitlich Vergänglichen. Es scheue keiner, die irdischen Gewande zu versehren am göttlichen Feuer. Du bist mein Freund, oder bist Du's auch nicht, ich weiss es nicht, immer muss ich Dich so annehmen, da Du mitten im Geheimnis meiner Brust stehst wie ein Pfeiler, an den ich mich anlehne, und wie der gewandte Schwimmer von gefährlicher Höhe sich in die Fluten stürzt vor solchen Augen, denen er seine Kühnheit bewähren möchte, so wage ich, weil Du mir Zeuge bist, diesen dämonischen Gewalten mich anheim zu geben, diese Tränenflut, in der ich spiele, diese Frühlingsbegeistrung meiner Liebeszeit zu Goete und die Vorwürfe, die in mir aufsteigen würden, mir das Herz zerreissen, wenn ich nicht den Freund hätte, der zuhörte und nachempfände, was ich hier ausspreche.
Der letzte Akt der Blütezeit ist, dass sie ihren befruchtenden Staub mit dem Samen in ihrem Kelch mische, dann tragen die Lüfte sich spielend mit ihren gelösten Blättern und gaukeln eine Weile mit dem Schmuck der Begeistrung. Bald sieht kein Auge mehr von ihrem Glanz, ihre Zeit ist vorüber; der Same aber quillt und offenbart in der Frucht das Geheimnis der Erzeugung. Vielleicht, wenn diese Blätter der Begeistrung vom Stamme gelöst dahinwirbeln und wie jene kleinen Blütenkronen, nachdem sie ihren Duft ausgehaucht, vom irdischen Staub beschwert, flügellahm sich endlich unter die Erde betten, dass es dann in dem Herzen des Freundes, dem sie duften, auch quillt und der Segen dieser schönen Liebe zwischen dem Dichter und dem kind sich an seinem Geist bewähre und ihn zu der Schönheit befruchte, deren Abbild in seinen edlen Zügen sich malt.
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An Goete
Wie begierig nach Liebe warst Du! Wie begierig warst Du, geliebt zu sein! – "Nicht wahr, du liebst mich? Nicht wahr, es ist dein Ernst, du betrügst mich nicht?" – so fragtest Du, und ich sah Dich an und schwieg. "Ich bin leicht zu betrügen, mich kann jeder betrügen, betrüge mich nicht, mir ist lieber die Wahrheit, und wenn sie auch schmerzt, als dass ich umgangen werde." Wenn ich dann aufgeregt durch solche Reden Dir mein Herz aussprach, da sagtest Du: "Ja, du bist wahr, so was kann nur die Liebe sagen." – Goete, hör mich an! – Heute spricht auch die Liebe aus mir; heute am dreissigsten März, acht Tage nach dem, welchen man als den Tag Deines Todes bezeichnet, seit welchem Tag alle Deine Rechte mir im Busen sich geltend machen, als läg ich noch zu Deinen Füssen; heute will die Liebe Dir klagen: Du! Oben – über den Wolken, nicht getrübt durch ihre Schwere, nicht gestört durch ihre Tränen; können Klagen in Dein Ohr dringen? – O löse meine Klagen auf und erlöse mich, mache mich frei von