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; die stille weit verbreitete Ruhe über dem breiten Rhein, über den brütenden Weinbergen, wem vergleiche ich die wohl als dem stillen ruhigen Abend, in dem mein Andenken ihm einen freundlichen Besuch macht und er sich's gefallen lässt, dass das Schifflein mit meinen kindischen Gedanken bei ihm anlande. Was ich in so einsamer Abendstunde, wo die Dämmerung mit der Nacht tauscht, denke, das kann Sie sich am besten vorstellen, da wir es tausendmal miteinander besprochen haben, und haben so viel Ergötzen dabei gehabt. Wenn wir miteinander zu ihm gereist kämen, das denke ich mir immer noch aus. – Damals hatte ich ihn noch nicht gesehen, wie Sie meiner heissen sehnsucht die Zeit damit vertrieb, dass Sie mir seine freudige Überraschung malte und unser erscheinen unter tausenderlei Veränderungen; – jetzt kenne ich ihn und weiss, wie er lächelt und den Ton seiner stimme, wie die so ruhig ist und doch voll Liebe, und seine Ausrufungen, wie die so aus dem tiefen Herzen anschwellen, wie der Ton im Gesang; und wie er so freundlich beschwichtigt und bejaht, was man im Herzensdrang unordentlich herausstürmt; – wie ich im vorigen Jahr so unverhofft wieder mit ihm zusammentraf, da war ich so ausser mir und wollte sprechen und konnte mich nicht zurechtfinden; da legt er mir die Hand auf den Mund und sagt: "Sprech mit den Augen, ich verstehe alles;" und wie er sah, dass die voll Tränen standen, so drückt er mir die Augen zu und sagte: "Ruhe, Ruhe, die bekommt uns beiden am besten;" – ja, liebe Mutter, die Ruhe war gleich über mich hingegossen, ich hatte ja alles, wonach ich seit Jahren mich einzig gesehnt habe. – O Mutter, ich dank es Ihr ewig, dass Sie mir den Freund in die Welt geboren, – wo sollt ich ihn sonst finden! Lach Sie nicht darüber, und denke Sie doch, dass ich ihn geliebt hab, eh ich das Geringste von ihm gewusst, und hätt Sie ihn nicht geboren, wo er dann geblieben wär, das ist doch die Frage, die Sie nicht beantworten kann.

Über die Günderode ist mir am Rhein unmöglich zu schreiben, ich bin nicht so empfindlich, aber ich bin hier am Platz nicht weit genug von dem Gegenstand ab, um ihn ganz zu übersehen; – gestern war ich da unten, wo sie lag; die Weiden sind so gewachsen, dass sie den Ort ganz zudecken, und wie ich mir so dachte, wie sie voll Verzweiflung hier herlief und so rasch das gewaltige Messer sich in die Brust stiess, und wie das tagelang in ihr gekocht hatte, und ich, die so nah mit ihr stand, jetzt an demselben Ort, gehe hin und her an demselben Ufer, in süssem Überlegen meines Glückes, und alles und das Geringste, was mir begegnet, scheint mir mit zu dem Reichtum meiner Seligkeit zu gehören; da bin ich wohl nicht geeignet, jetzt alles zu ordnen und den einfachen Faden unseres Freundelebens, von dem ich doch nur alles anspinnen könnte, zu verfolgen. – Nein, es kränkt mich und ich mache ihr Vorwürfe, wie ich ihr damals in Träumen machte, dass sie die schöne Erde verlassen hat; sie hätt noch lernen müssen, dass die natur Geist und Seele hat und mit dem Menschen verkehrt und sich seiner und seines Geschickes annimmt, und dass Lebensverheissungen in den Lüften uns umwehen; ja, sie hat's bös mit mir gemacht, sie ist mir geflüchtet, grade wie ich mit ihr teilen wollte alle Genüsse. Sie war so zaghaft; eine junge Stiftsdame, die sich fürchtete, das Tischgebet laut herzusagen; sie sagte mir oft, dass sie sich fürchtete, weil die Reihe an ihr war; sie wollte vor den Stiftsdamen das Benedicite nicht laut hersagen; unser Zusammenleben war schön, es war die erste Epoche, in der ich mich gewahr ward; – sie hatte mich zuerst aufgesucht in Offenbach, sie nahm mich bei der Hand und forderte, ich solle sie in der Stadt besuchen; nachher waren wir alle Tage beisammen, bei ihr lernte ich die ersten Bücher mit Verstand lesen, sie wollte mich geschichte lehren, sie merkte aber bald, dass ich zu sehr mit der Gegenwart beschäftigt war, als dass mich die Vergangenheit hätte lange fesseln können; – wie gern ging ich zu ihr! Ich konnte sie keinen Tag mehr missen, ich lief alle Nachmittag zu ihr; wenn ich an die Tür des Stifts kam, da sah ich durch das Schlüsselloch bis nach ihrer Tür, bis mir aufgetan ward; – ihre kleine wohnung war ebner Erde nach dem Garten; vor dem Fenster stand eine Silberpappel, auf die kletterte ich während dem Vorlesen; bei jedem Kapitel erstieg ich einen höheren Ast und las von oben herunter; – sie stand am Fenster und hörte zu und sprach zu mir hinauf, und dann und wann sagte sie: "Bettine, fall nicht"; jetzt weiss ich erst, wie glücklich ich in der damaligen Zeit war, denn weil alles, auch das Geringste, sich als Erinnerung von Genuss in mich geprägt hat; – sie war so sanft und weich in allen Zügen wie eine Blondine. Sie hatte braunes Haar, aber blaue Augen, die waren gedeckt mit langen Augenwimpern; wenn sie lachte, so war es nicht laut, es war vielmehr ein sanftes gedämpftes Girren, in dem sich Lust