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; er schrieb mir damals: "So kehre denn dieser unberührte Schatz von Liebe und Treue zu der reichen Quelle zurück, von der er ausgeströmt! Aber eins möchte ich mir zum Lohn meiner gemess'nen Vollziehung Ihres Wunsches und Willens wie meiner Entaltsamkeit doch von Ihrer Freundschaft ausbitten. – Schenken Sie mir irgendein Blatt aus dieser ohne Zweifel lebenswärmsten Korrespondenz; ich werde es heilig aufbewahren, nicht zeigen noch kopieren lassen, aber mich zuweilen dabei still erfreuen, erbauen oder betrüben, je nachdem der Inhalt sein wird; immerhin werde ich ein zweifach liebes Andenken, einen Tropfen gleichsam Ihres Herzbluts, das dem grössten und herrlichsten Menschen zuströmte, daran besitzen." – Ich habe diese Bitte nicht befriedigt, denn ich war zu eifersüchtig auf diese Blätter, denen Goete eine ausgezeichnete Teilnahme geschenkt hatte, sie sind meistens von seiner Hand korrigiert, sowohl Ortographie als auch hie und da Wortstellung, manches ist mit Rötel unterstrichen, anderes wieder mit Bleistift, manches ist eingeklammert, anderes ist durchstrichen. – Da ich ihn nach längerer Zeit wiedersah, öffnete er ein Schubfach, worin meine Briefe lagen, und sagte: "Ich lese alle Tage darin." Damals erregten mir diese Worte einen leisen Schauer. Als ich jetzt diese Briefe wieder las, mit diesen Spuren seiner Hand, da empfand ich denselben Schauer, und ich hätte mich nicht leichtlich von einem der geringsten Blätter trennen mögen. Ich habe also die Bitte des Kanzler von Müller mit Schweigen übergangen, aber nicht undankbar vergessen; möge ihm der Gebrauch, den ich davon gemacht habe, beides, meinen Dank und meine Rechtfertigung, beweisen.

Briefwechsel mit Goetes Mutter

Liebste Frau Rat!

Am 1. März 1807

Ich warte schon lange auf eine besondere Veranlassung, um den Eingang in unsere Korrespondenz zu machen. Seitdem ich aus Ihrem Abrahamsschoss, als dem Hafen stiller Erwartung, abgesegelt bin, hat der Sturmwind noch immer den Atem angehalten, und das Einerleileben hat mich wie ein schleichend Fieber um die schöne Zeit gebracht. Wie sehr bejammere ich die angenehme Aussicht, die ich auf der Schawell zu Ihren Füssen hatte, nicht die auf den Knopf des Katarinenturms, noch auf die Feueresse der russigen Zyklopen, die den goldnen Brunnen bewachen; nein! die Aussicht in Ihren vielsagenden feurigen blick, der ausspricht, was der Mund nicht sagen kann. – Ich bin zwar hier mitten auf dem Markt der Abenteuer, aber das köstliche Netz, in dem mich Ihre mütterliche Begeistrung eingefangen, macht mich gleichgültig für alle. Neben mir an, Tür an Tür, wohnt der Adjutant des Königs; er hat rotes Haar, grosse blaue Augen, ich weiss einen, der ihn für unwiderstehlich hält, der ist er selber. Vorige Nacht weckte er mich mit seiner Flöte geträumt hätte, am andern Tag bedankt ich mich, dass er mir noch so fromm den Abendsegen vorgeblasen habe; er glaubte, es sei mein Ernst, und sagte, ich sei eine Betschwester, seitdem nennen mich alle Franzosen so und wundern sich, dass ich mich nicht drüber ärgere; – ich kann aber doch die Franzosen gut leiden.

Gestern ist mir ein Abenteuer begegnet. Ich kam vom Spaziergang und fand den Rotschild vor der Tür mit einem schönen Schimmel; er sagte: es sei ein Tier wie ein Lamm, und ob ich mich nicht draufsetzen wolle? – Ich liess mich gar nicht bitten, kaum war ich aufgestiegen, so nahm das Lamm Reissaus und jagte in vollem Galopp mit mir die Wilhelmshöher Allee hinauf, ebenso kehrte es wieder um. Alle kamen totenblass mir entgegen, das Lamm blieb plötzlich stehen, und ich sprang ab; nun sprachen alle von ihrem gehabten Schreck; – ich fragte: "Was ist denn passiert?" – "Ei, der Gaul ist ja mit Ihnen durchgegangen!" – "So!" sagt ich, "das hab ich nicht gewusst." – Rotschild wischte mit seinem seidnen Schnupftuch dem Pferde den Schweiss ab, legte ihm seinen Überrock auf den rücken, damit es sich nicht erkälten solle, und führte es in Hemdärmel nach Haus; er hatte gefürchtet, es nimmermehr wiederzusehen. – Wie ich am Abend in die Gesellschaft kam, nannten mich die Franzosen nicht mehr Betschwester, sie riefen alle einstimmig: "Ah l'héroïne!"

lebe Sie wohl, ruf ich Ihr aus meiner Traumwelt zu, denn auch über mich verbreitet sich ein wenig diese Gewalt. Ein gar schöner (ja ich müsste blind sein, wenn ich dies nicht fände), nun, ein feiner, schlanker brauner Franzose sieht mich aus weiter Ferne mit scharfen Blicken an, er naht sich bescheiden, er bewahrt die Blume, die meiner Hand entfällt, er spricht von meiner Liebenswürdigkeit; Frau Rat, wie gefällt einem das? – Ich tue zwar sehr kalt und ungläubig, wenn man indessen in meiner Nähe sagt: "Le roi vient", so befällt mich immer ein kleiner Schreck, denn so heisst mein liebenswürdiger Verehrer.

Ich wünsche Ihr eine gute Nacht, schreibe Sie mir bald wieder.

Bettine

Goetes Mutter an Bettine

Am 14. März 1807

Ich habe mir meine Feder frisch abknipsen lassen und das vertrocknete Tintenfass bis oben vollgegossen, und weil es denn heute so abscheulich Wetter ist, dass man keinen Hund vor die Tür jagt, so sollst Du auch gleich eine Antwort haben. Liebe Bettine, ich vermisse Dich sehr in der bösen Winterzeit; wie bist Du doch im vorigen Jahr so vergnügt dahergesprungen kommen? –