mir gar keine Liebesgeschichte widerfahren war. Jetzt besann ich mich auf eine und wollte eben erzählen und hub an: "Ja! Aber glaube nicht, dass Dir die Liebe in den Weg gekommen, damals wandelte ich im Traum, jetzt wache ich wieder; hier im Mondschein an Deiner Brust weiss ich, wer ich bin, und was Du mir bist, wie ich nur Dir angehöre, wie Du mich bezauberst; aber einmal" – da begann ich meine Liebesgeschichte, von der ich nichts mehr weiss. Und Du, Herrlicher, liessest mich nicht weiter sprechen und riefst: "Nein, nein! Du bist mein! – Du bist meine Muse! – Kein andrer soll sagen können, dass du ihm so zugetan warst wie mir, dass er deiner Liebe so versichert war wie ich, ich habe dich geliebt, ich habe dich geschont, die Biene trägt nicht sorgfältiger und behutsamer den Honig aus allen Blüten zusammen, wie ich aus deinen tausendfältigen Liebesergüssen mir Genuss sammelte." – Da fielen meine Haarflechten nieder, Du nahmst sie und nanntest sie braune Schlangen und stecktest sie in Dein Gewand und zogst so meinen Kopf an Deine Brust, an der ich von Ewigkeit zu Ewigkeit ruhen sollte und des Denkens und des Treibens mich überheben, das wär schön, das wär wahr, das wär so die rechte süsse Faulheit meines Daseins, das ist die Paradiesesfrucht, nach der ich schmachte, ruhen und schlafen in dem Bewusstsein, dass ich dem Herrlichsten nahe bin.
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An meinen Freund
Soweit hatte ich gestern geschrieben, dann ging ich abends spät noch in Gesellschaft, ich hatte den Vorsatz gefasst, alles Liebliche und Tiefbedeutende, was ich mit Goete erlebt, ihm in einem Zyklus solcher Briefe noch einmal darzulegen; jetzt stand mir alles so klar und deutlich vor Augen, als wenn mir's eben erst widerfahren wäre. Meine Seele war tief bewegt von diesen Erinnerungen und fern den Menschen wie der Mond, wenn er jenseits ist. Bei solchen Stimmungen bin ich immer auf eine sonderbare Spitze gehoben, nämlich zum Übermut. – Man war in der Gesellschaft schon von Goetes tod unterrichtet, ich erzählte, dass ich eben nach Jahren zum erstenmal wieder an ihn geschrieben, sie machten alle trübe Gesichter, aber keiner teilte mir die Nachricht mit. Nachts um ein Uhr nach Haus; die Zeitung lag an meinem Bett, ich las die Anzeige seines Todes, ich war allein, ich brauchte keinem rede und Antwort zu geben über mein Gefühl; ich konnte so ruhig dabei sein und entgegensehen allem, was es mir bringen werde; da war's ganz deutlich, dass diese Liebesquelle mir nicht versiegt sei mit dem Tod, ich schlief ein und träumte von ihm und erwachte, um mich zu freuen, dass ich ihn eben im Traum gesehen, und ich schlief wieder ein, um weiter von ihm zu träumen, und so verging mir diese Nacht voll süssem Trost, und ich war gewiss, sein Geist habe sich mit mir versöhnt, und nichts sei mir verloren.
Wem sollte ich nun wohl dies verwaiste Blatt vererben als dem Freund, der mit so innigem Anteil mich von ihm sprechen hörte, und wenn es ihm auch nur wär, was ein falbes Blatt ist, das der Wind vor seinen Füssen hinwirbelt, er wird doch erkennen, dass es am edlen Stamm gewachsen ist. –
Ich will den Ausgang jenes Abends mit Goete hier auserzählen: Als ich wegging, begleitete er mit der Kerze mich ins zweite Zimmer, indem er mich umfasste, fiel das brennende Licht an die Erde, ich wollte es aufheben, er aber litt es nicht. "Lass es liegen", sagte er, "es soll mir ein Mal in den Boden brennen, wo ich dich zuletzt gesehen habe, sooft ich dran vorübergehe, will ich deiner lieben Erscheinung gedenken. Bleib mir treu, bleib mein", sagte er; so küsste er mich auf die Stirn und schob mich zur Tür hinaus.
Wär es nicht unrecht, dass am fest der Verklärung die Nebel geheimer Vorwürfe aufstiegen und den sonnenhellen Horizont verdunkelten, so würde ich dem Freund hier verklagen, grade die, von der er weiss, dass sie gern rein und frei von jedem Fehl in der Liebe erscheinen möchte, ja dies beschämte Herz! Sieh, wie gross seine Vergehen sind gegen die Liebe, der nicht bloss ein Zweig vom heiligen Baum des Ruhms anvertraut war, nein, der Baum selbst, der diese Sprossen sich ewig verjüngend treibt, war ihr zur Pflege befohlen, und sie hat sein nicht geachtet, ist nicht geblieben im Schutze dieses Baumes, der ohne sie fortgrünte.
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An Goete
Aufgefahren gegen Himmel! Die Welt leer, die Triften öde; denn gewiss ist's, dass Dein Fuss hier nicht mehr wandert. Mag auch Sonnenschein die Wipfel jener Bäume beglänzen, die Du gepflanzt hast! Mag sich das Gewölk teilen und der blaue Himmel sich ihnen auftun: sie wachsen nicht hinein; aber die Liebe? – Wie wär's, wenn die ihre Blütenkrone da oben als Teppich zu Deinen Füssen ausbreite? Wenn sie hinaufstrebte fort und fort, bis ihr Wipfel anstiess an den Schemel Deiner Füsse und dort alle Blüten entfaltend, ihren Duft um Dich schwenkend: – wär das nicht auch zu den Himmelsfreuden zu zählen? – Ich hab Vertrauen, dass Du mich hörst, dass mein Ruf aufwärts gehe zu Dir. – Hier auf Erden, da war's nicht