Sage doch: was meinst Du, das diese Liebe will? – Ich selber erstaune oft, wie erwachend aus dem Traum, dass dieser Traum herrsche über mich. Aber bald beuge ich mich wieder unter das Schattendach seiner Wölbungen und schmiege mich seinem Flüstern und lasse die Sinne bewältigen durch das Flügelrauschen unbekannter Geister. – Göttlich will ich sein! Göttlich und gross wie Du, frei über den Menschen nur in Deinem Lichte stehend, nur von Dir verstanden. Pfeile will ich senden: Gedanken, Dich sollen sie treffen und keinen andern, Du sollst ihre Schärfe prüfen, und in diesem heimlichen Verkehr sollen meine Sinne gedeihen; sie sollen herzhaft sein, gesund, rasch, freudig, ewig aufwärts, nicht sinkend die Lebensgeister, – ihrem Erzeuger zuströmend.
Es ist Nacht, ich schreibe beim Sternenlicht. – Weisheit ist wie ein Baum, der seine Äste durch das ganze Firmament verbreitet, die goldnen Früchte, die ihr Gezweig zieren, sind Sterne. Wenn nun eine Begierde sich regt, die die Früchte vom Baum der Weisheit geniessen möchte? Wie komme ich dazu, diese goldnen Früchte zu erlangen? – "Die Sterne sind Welten", sagt man: ist der Kuss nicht auch eine Welt? – Und ist der Stern grösser Deinem Auge als der Umfang eines Kusses? – Und ist der Kuss geringer Deinem Gefühl als das Umfassen einer Welt? – Drum: – die Weisheit ist Liebe! Und ihre Früchte sind Welten, und der täuscht sich nicht, der im Kuss eine Welt empfindet; ihm ist eine reife Frucht, ein an dem Lichte der Weisheit gereifter Stern in den Busen gesunken. – Der aber, Freund, – der von solcher Himmelskost genährt wird, zählt er noch für vollgültig unter den Menschen? –
Ich gehe nun schlafen, die Stille der Nacht, die heimliche Zeit verwendet Psyche, um zu Dir zu dringen. Oft führt sie der Traum zu Dir, sie findet Dich vielleicht durchkreuzt von tausend Gedanken, deren keiner ihrer erwähnt. Doch sie senkt die Flügel und küsst den Staub Deiner Füsse, bis Dein blick sich ihr neigt.
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Auf diesem Hügel überseh ich meine Welt! Hinab ins Tal, mit Rasen sanft begleitet, Vom Weg durchzogen, der hinüber leitet, Das weisse Haus inmitten aufgestellt, Was ist's, worin sich hier der Sinn gefällt? Auf diesem Hügel überseh ich meine Welt! Erstieg ich auch der Länder steilste Höhen, Von wo ich könnt die Schiffe fahren sehen Und Städte fern und nah von Bergen stolz umstellt, Nichts ist's, was mir den blick gefesselt hält. Auf diesem Hügel überseh ich meine Welt! Und könnt ich Paradiese überschauen, Ich sehnte mich zurück nach jenen Auen, Wo Deines Daches Zinne meinem blick sich stellt, Denn der allein umgrenzet meine Welt. Gereimt und ungereimt sag ich Dir dasselbe, und Du ermüdest nicht, mich anzuhören. Ich sitze hier auf der Bank in der Dämmerung, wo der sinkende Tag vom aufgehenden Mond noch das Licht borgt, und freue mich, meine Welt im Zwielicht zu überschauen. Vor wenig Minuten lag alles noch im Sonnenglanz, da war ich unruhig, ob ich bleiben oder gehen solle. Jetzt, seit der Mond gestiegen ist, weiss ich, dass ich bleibe; in seinem Licht erkenn ich meine Welt, seine Strahlen ziehen mich in ihren Zauberkreis, und was ich auch Unglaubliches für wahr halte, das verneint er nicht wie das Sonnenlicht. Er schmiegt sich schmeichelnd in den Schoss der Täler, und ich fühle deutlich, wie sie ihn liebt, die natur, und wie er ihr geneigt ist, der Mond.
Wär ich Dir, was die ganze natur dem Mond ist, der lebenerregend in ihren Pulsen spielt, der leise Lüfte als Boten aussendet, der die samenbeflockten Schwingen des Abendwindes niederbannt ins tauige Gras und seinem befruchtenden Licht ihre Kraft aufregt: dann wär mein ganzes Sein ein Empfängnis Deiner Schönheit. Soviel Blüten sich ihm erschliessen, soviel Schmeichelreden Dir von meinen Lippen fliessen, soviel Tautropfen in seinem Licht glänzen, soviel Tränen der Luft sich sammeln unter dem Einfluss Deines Geistes.
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Ich danke Dir, dass Du gekommen bist, es war so grau und trüb, ich sah mich in der weiten Ferne um und dachte schon, es würde mich überkommen wie das Wetter, wo sparsame Tränen aus den Wolken träufelten und der Himmel schwer und traurig war und viel düsterer aussah, als wenn es noch so sehr geregnet hätte. – Da kamst Du. – Du hast nichts gesagt vom Abschied und hast mich beschämt; denn ich hatte es auf der Zunge zu klagen, ja, es war schöner so, dass wir nicht Abschied nahmen; – wir beide nicht. – Wie hab ich diese Zeit verbracht? – Gar zu glücklich! – Das Gefühl Deiner Nähe hat jeden Atemzug beseligt, das nenne ich mir himmlische Luft – und Du? – Hab ich Dir auch nicht missfallen? – Ach beschäme mich nicht, vergesse, was Dir nicht zusagte, wenn ich manchmal zu heftig war und Deine leisen Winke nicht verstand. Meine leidenschaftlichen Stimmungen sind ohne Ansprüche, sie sind wie Musik, auch die verlangt keinen irdischen Besitz, aber sie stimmt den Geist, der ihr Gehör gibt, zum Mitgefühl, zur Nachempfindung, ja kling's in Deinen Ohren, in Deinem Herzen noch eine Weile nach, alles, was ich Dir sagen durfte. leidenschaft ist Musik, ein Werk höchster Mächte, nicht ausser