Gnade ist und alles gedeihen lässt.
Als Du weg warst, da liess der Herzog mich rufen, er fragte, ob Du mich gesehen und begrüsst habest, das musste ich verneinen, denn Du hattest mich ja übersehen. Erinnerst Du Dich noch an jenen Geburtstag? – Am Abend, wo ich hinter dem Pfeiler stand, Du suchtest mich mit dem blick und fandest mich auch, ach, wie durchglühte das mein Herz, wie ich Dein Spähen belauschte, da reichtest Du mir Dein Glas, dass ich draus trinken sollte, und keiner merkte es in der Menge. – Heute bin ich allein, viele Tage sind seitdem vergangen, dort liegt Dein Haus, ich könnte zu Dir gehen und Dich von Angesicht zu Angesicht sehen, doch zieh ich's vor, hier allein in Deinem Garten Dich zu beschwören: o hilf mir Dich denken, Dich empfinden; mein Glaube ist mein Zauberstab, durch ihn erschaff ich meine Welt, ausser welcher mir alles fremd ist, und ich hege keinen Zweifel, dass ich nur in ihr wirklich lebe. Mein Denken ist wundertätig: ich spreche mit Dir, ich sehe in Dich hinein, mein Gebet ist, dass ich meinen Willen stärke, Dich zu denken.
***
In Goetes Garten
Die ganze Welt umher beleuchtet von einer Sonne! Du in mir allein beleuchtet, alles andre im Dunkel. Wie das die Liebe entflammt, wenn das Licht nur auf einen Gegenstand fällt!
Das waren Deine Worte gestern: ich solle schreiben, und wenn es Folianten wären, es sei Dir nicht zu viel. Ach, und Du weisst doch, dass meine Sprache nur einen kleinen Umfang an Kenntnis hat. Dass ich zwar glaube, jedesmal neu zu empfinden, was ich Dir zu sagen habe, aber doch ist es ewig dasselbe. Und Dir? Ist es Dir nicht zu viel? – Ich hab's versucht, wie ein Maulwurf mich durchs eigne Herz gewühlt und habe gehofft, einen Schatz zu entdecken, der im Dunkeln leuchte, den wollte ich Dir heraufbringen, aber vergeblich! – Es sind keine gewaltigen Dinge, die ich Dir zu sagen habe, es ist nichts als nur lieblich zu gestehen, und unwiderstehlich dieses Nichts. Liebkosungen bestehen ja in der Mitteilung. – Wenn Du am Bach ruhst unter duftigen Kräutern und die Libelle mit ihren kristallnen Augen lässt sich auf Dir nieder, sie fächelt Deine Lippen mit ihren Flügeln, wirst Du ihr böse? – Wenn ein kleiner Käfer an Deinem Gewand hinaufklettert und endlich sich im Busen verirrt, nennst Du das allzu keck? – Das kleine Tierchen, so unbekannt mit dem schlagenden Herzen unter seinen Füsschen? – Und ich! Bekannt mit diesem erhöhten Takt Deiner Gefühle, bin ich zu tadeln, dass ich mich Dir ans Herz dränge? – Siehst Du! Das ist alles, was ich Dir zu sagen habe. – Der Abendwind eilt flüchtig über die Gräser bis zu mir herab, die ich am Fuss des Hügels sitze und daran denke, wie ich Dir diese Folianten ausfüllen soll.
***
denke ich an Dich, so mag ich nicht am Boden weilen. Gleich regt Psyche die Flügel, sie fühlt die irdische Schwere, fühlt sich befangen in manchem, was nicht zu ihrem himmlischen Beruf gehört, das macht Schmerz, das macht wehmütig. Das Licht der Weisheit leuchtet nur in uns selbst. Was nicht innere Offenbarung ist, wird nie Früchte der Erkenntnis tragen. Die Seele kommt sich selber entgegen in der Liebe, sie findet sich und nimmt sich auf im Geliebten; so finde ich mich in Dir. Was kann mir Beglückenderes widerfahren? – Und ist es ein Wunder, dass ich Deine Knie umfasse? – Ich möchte Dir alles mitteilen, was ich von Dir lerne. – Wenn der Geist wäre, was das Wort wiederholen kann, so hätte der Begriff einen kleinen Umfang. Es ist noch was anders Geist, als was in dem Netz der Sprache gefangen wird. Geist ist das alles in sich verwandelnde Leben; auch die Liebe muss Geist werden. Mein Geist ist fortwährend geschäftig, diese Liebe in sich umzusetzen, daraus wird und muss mein unsterblich Leben hervorgehen, oder ich geh unter. –
***
Die Sonne geht unter, ihr Purpurzelt breitet sich über Deinen Garten, ich sitze hier allein und übersehe die Wege, die Du durch diese Auen geleitet hast, alle sind verlassen, nirgends wandelt einer, – so einsam ist's, so ganz bis in die Ferne, und so lange schon hab ich darauf gewartet, alles soll schweigen, dann wollt ich mich besinnen und mit Dir sprechen – und jetzt fühl ich mich so verzagt in der allmächtigen Stille. – Den Vogel im Busch hab ich verscheucht, die Glockenblumen schlafen. Der Mond und der Abendstern winken einander, wo soll ich mich hinwenden? Der Baum, in dessen Rinde Du manchen Namen eingeschnitten hast, den hab ich verlassen und bin herabgegangen zur Haustür und hab die Stirne auf das Schloss gelegt, das Deine Hand wie oft aufgedrückt, und hast mit Freunden dagesessen und auch einsame Stunden verbracht. Du allein mit Deinem Genius hast's nicht gefühlt, das Schauervolle der Einsamkeit, glorreich triumphierend im Wettgefühl der Empfindung und Begeistrung gingen sie vorüber, diese stillen Abende. O Goete, was denkst Du von meiner Liebe? – Die so ewig an Dich heranbraust wie die Flut ans Ufer, und möchte mit Dir sprechen und kann nichts sagen als nur seufzen. Ja!