, dann wird Philosophie zur Empfindung.
Schon hundertmal hab ich mich in die graue Decke eingehüllt, und wollte ich schlafen, so muss ich die Hand ausstrecken, um eine Zeile zu schreiben. Wenn es wahr ist, dass es eine Magie des Lebens gibt, die vermöge der Selbsterleuchtung sich erzeugt, wer wollte dann ausser ihren Kreisen stehen?
Gute Nacht! – Zu Deinen Füssen verschlaf ich sie.
Ja, ich will glauben, dass Du da bist, und will keine Hand nach Dir ausstrecken, damit ich Dich nicht verscheuche, und doch berührst Du mich, die Luft verändert sich, der Schimmer der Lampe, die Schatten, alles gewinnt Bedeutung.
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Am 28. August
Den übergehen wir mit Stillschweigen. Du bist mir von Ewigkeit her. Wer wollte leugnen, dass die Sterne uns regieren. Du warst ihrem Einfluss willig, und so haben sie Dich zu sich erhoben, ich weiss alles: heimlich regieren sie Dich auch, dass Du mir geneigt bist. Ich sehe's an Deinem blick, Du bist mit mir zufrieden. Du sagst nichts. Du schliessest Deine Lippen so fest, als habest Du Furcht, sie mögen gegen Deinen Willen plaudern. Goete! Es ist mir genügend, was Dein blick sagt, auch wenn er nicht auf mir weilt. Gestern, da sahst Du Dich um, ich merkte es wohl; ich ging leise hinaus und schob die Tür nicht ganz zu, da sah ich Dich rasch den Brief ergreifen, dann ging ich weg, ich wollte Dich nicht länger belauschen, mich überlief ein leises Frösteln, wie ich mir vorstellte, dass Du jetzt lesen werdest, was ich zu Dir gedacht hatte in letzter Mitternacht. – Wie selig, Goete! – denken: jetzt nimmt er diese Schmeicheleien auf, jetzt spricht sein Geist freundlich nach, was ich für ihn erdacht habe. Es ist schön, was ich Dir sage, es sind die Liebesgeister, die mit Dir sprechen, sie umkreisen jubelnd Dein Haupt.
Weisst Du, wie ich Dich mir denke heute an Deinem Geburtstag? – Am Meeresstrand, auf goldnem Tronsessel im weissen wollnen Gewand, den Purpur untergebreitet; in der Ferne die weissen Segel auf hoher See, geschwellt vom Wind, rasch aneinander vorüberfliehend, und Du, ruhend im Morgenlicht, gekrönt mit heiligem Laub, mich aber sehe ich zu Deinen Füssen, mit der reinen Flut, die ich am Meer geschöpft, um sie zu waschen. – So denke ich mich zu Deinem Dienst in tausend Bildern, und es ist, als sei dies die Reife meines Daseins.
Hast Du schon in die untergehende Sonne gesehen, wenn sie schon milder leuchtet, so dass ein scharfes auge von ihrem Glanz nicht mehr geblendet wird? – Hast Du da schon gesehen, wie sich ihr eigen Bild von ihr ablöst und vor ihr am Horizont niedertaucht in die rote Flut, und nach diesem Bild immer wieder ein anderes in leisen Brechungen der Strahlen immer wieder sich anders färbt? – Meine Seele, wenn der gewaltige Glanz Deiner vollen Erscheinung nicht mehr so stark blendet und die Ferne sanfte Schleier über Dich webt, sieht solche Bilder, die eins nach dem andern von Dir abstrahlen, sie tauchen alle unter in meiner Begeistrung wie im Feuerschoss der natur, und ich kann mich nicht sättigen in dieser schönen Fülle.
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Den 3. September
So müde wie ich war am späten Abend, so fest wie ich schlief am frühen Morgen, hab ich drei Tage nicht geschrieben. Du hast nicht nach mir gefragt in dieser Zeit, und heute am Abend bin ich zum erstenmal hinausgegangen und überlege hier auf der Bank, dass Du mich vergisst. Die Vögel sind schon gewohnt, dass ich hier sitze unbeweglich still. – Wie ist's doch so wunderlich hier im fremden Land! – Hierher bin ich gekommen an den verlassenen Ort, um tief in mich selbst zu versinken. Da sehe ich Bilder, Erinnerungen früherer Tage, die sich an den heutigen anschliessen. Heute, wie sie in der frühen Morgenstunde vor dem hervortrat und die grossen Hunde ungeduldig den Menschen zuvoreilten und ihm an den Hals sprangen, das kam mir so feierlich vor, wie er sich freundlich ihren ungestümen Liebkosungen preisgab und über sie hinaus dem Volk winkte, das ihn mit Jauchzen begrüsste. Da teiltest Du plötzlich die Menge, das Vivat verdoppelte sich bei Deiner Erscheinung; die beiden hohen Freunde miteinander auf und ab schreiten zu sehen, hoch an Geist und Milde, das war dem Volk ein heilig Schauspiel, und sie sagten alle: "Welch seltnes Paar!" – Und viel Schönes wurde von Euch gesprochen, jede Eurer Bewegungen wurde beachtet: Er lächelt, er wendet sich, der Herzog stützt sich auf ihn! Sie reichen einander die hände! Jetzt lassen sie sich nieder! – So wiederholte das Volk mit heiligem Schauer alles, was zwischen Euch beiden vorging. Ach, mit Recht, denn aus Euer beider vereinten Liebe ging sein Glück hervor, das wissen sie alle; und wie Ihr lange miteinander Rede führtet, da harrte die Menge schweigend, als ob der Segen von Jahrhunderten auf es herabgerufen werde. Ich auch, Goete! – Ich glaube dran, dass Euch beiden als Wesen höherer Geschlechter Macht gegeben ist, Segen für die Zukunft zu versichern, denn in des Herzogs Brust ist die Milde schon lange als Frucht gereift, das hast Du selbst gesagt, und Dein Geist strömt Licht aus, Licht der Weisheit, die