durch Dich angetan, ist Spiegel ihrer (Idealität) reinsten unverkümmerten natur. Und nun kam ich von meinem Weg um die Burg, die ich zweimal in beflügeltem Lauf, wie Pindar sagt, umkreist habe, sie liegt auf runder kurzbegraster Kuppe, die Schafherde drängte sich wie ein Pelzkragen um ihre Zwinger: ein blökender Pelzkragen! Ich hatte Brot bei mir, das ich unter sie teilte, wie Deutschlands Kaiser unter die Tiroler, aber sie drängten mich auch wie jene den Kaiser und schrien: "Mehr Brot! Mehr Brot! – blä! blä!" – Ich hatte keins mehr wie der Kaiser auch; ich war in Gefahr, umgerissen zu werden wie er; ich riss mich durch und im vollen Galopp den Berg hinunter, die ganze Herde hinter mir drein, mitsamt dem bellenden Hund kam ich am Fuss des berges vor dem Wirtshaus an, dort weckten sie die ganze Reisegesellschaft mit ihrem Geblök, und ich sage Dir, sie wollten mit Gewalt in die Wirtsstube, ich musste sie zuriegeln, ich glaube, der Bock hätte sie sonst mit seinen Hörnern aufgeklemmt. Ei, hätten's die Tiroler auch so gemacht, der Kaiser hätte Brot schaffen müssen; die machten's aber wie der Schäfer, der blieb verdattert auf dem Berge stehen und sah seine Herde davoneilen. "Du kannst tausend Dummheiten in einen kleinen Raum einpferchen, wie der Schäfer die Herde", sagte der Bruder Franz, da er mich mit der nachgeeilten Herde angekommen sah.
Bis alles sich reisefertig gemacht hatte, ging ich in den Kuhställen umher. Das Gehöfte ist unendlich gross, man könnte ein Vorwerk drin anlegen, sie rufen von der entferntesten Scheune zur andern mit einem Sprachrohr. Der Kuhstall inmitten bildet ein Amphiteater, ein Halbkreis von spiegelglatten Kühen, an jedem Ende durch einen Bullen abgeschlossen. An dem Ende, wo ich eintrat, ist der Ochs so freundlich, zärtlich, dass er jeden, der ihm nahe kommt, mit der Zunge zu erreichen sucht, um ihn zu belecken; er muhte mich an in hohem Ton, ich wollte ihn nicht vergeblich bitten lassen, musste mein Gesicht von seiner schaumigen Zunge belecken lassen; das schmeckte ihm so gut, er konnte nicht fertig werden, er verkleisterte mir alle Locken, die Deine Hand immer in so schöne Ordnung streichelt. –
Jetzt beschreib ich Dir die Burg, aber flüchtig; denn wo ich nicht in Worten liebkosen kann, da verweile ich nicht lange. – Sie ist besser erhalten wie alle andern, auch selbst die Gelnhäuser ist lange nicht so ganz mehr, und ich begreife nicht, dass man keine Rücksicht darauf nimmt. Sie gehörte ehemals den Herren von Griesheim, jetzt ist sie an die Grafen Stolberg gefallen. – Die Burg ist in ihrem Hauptgemäuer noch erhalten, nur innen ist manches eingestürzt, der Söller ist noch ganz, auf diesem kann man rund um die Burg gehen. Nach allen Seiten sieht man ins Fruchtland, das in der Weite wieder an andern Burgruinen hinaufsteigt. So blüht und reift der ewige Segen zwischen Gräbern und verlassnem Gemäuer, und der Mensch braucht nur sich einzufinden, so ist er auch da und umwandelt und umkleidet ihn. Die Sonne schmeichelt's dem lieben Herrgott ab, dass er seinen Menschenkindern hundertfältige Ähren reifen lässt; die Sonne und der Gott liebkosen einander, und dabei haben die Menschen gutes Spiel, und wer liebt, der stimmt ein in die Liebe Gottes, und durch ihn und in ihm reift auch der göttliche Segen.
In der Kapelle stehen noch etliche Säulen mit ihren gotischen Kapitalen; etliche liegen an der Erde, aber noch ganz erhalten, eins, was ich nur unvollkommen Dir hier abzeichne. Die Mondessichel hebt das Wappen in der Luft und bildet so das Kapitäl, unter ihr zwei Drachen, die sich verschlingen. Die Leute sagen, sie haben goldne Schaumünzen im Rachen gehabt, so sind sie in einer alten Chronik verzeichnet. Ein anderes ist noch viel schöner; ich wollt es auch abzeichnen, aber es war so kalt und feucht da unten; Rosen, wunderschön in Stein gehauen, bilden einen Kranz, Schlangen winden sich durch und strecken ihre gekrönte Köpfchen aus und bilden so einen zweiten Kranz; es ist gar zu schön, hätt ich's mitnehmen können, ich hätte Dir's gebracht! Während ich's durchzeichnen wollte, kam eine kleine Schlange unter dem Gras hervor und richtete sich vor mir auf, als wollte sie zusehen, wie ich das Bild ihrer Ahnen nachzeichnete, und das erschreckte mich in der Einsamkeit, so dass ich mit einem Schauder davoneilte.
In dem äusseren Burgtor sind noch die Türangeln, über dem innersten Burgtor auf dem Söller ist ein Steinherd mit einer kleinen Brandmauer umgeben, die wie eine Nische gebildet ist. Da haben sie das Pech glühend gemacht und durch ein Loch über der Mitte des Tores durchgegossen; alles wurde betrachtet, beachtet, erklärt, zurechtgerückt, noch manches blieb unerklärt, die Verwundrung über vorige zeiten, und dass sie mit ihren Resten noch so derb in unsre hineinreichten, machte uns zu einfältigen Leuten; ja, mir ward angst, diese alte grobknochige Zeit könne plötzlich über den Augenblick der Gegenwart kommen und ihn verschlingen. O Goete, mir ist nur eins wichtig, mein Dasein in Dir! Und nach diesem komme das ende aller Dinge.
Soll ich Dich denn noch weiter mitnehmen auf meinen Streifzügen, oder ist's genug der eingefallnen Mauern, der Wildnis, die alles