kalten Weihnachtszeit in den Wald, um Holz zu fällen und zum Bau zu behauen, er kam nicht wieder, – er war erfroren im Wald. Da man ihr die Nachricht brachte, ging sie hinab in den Wald, um ihn noch einmal zu sehen, und da fiel sie zusammen und erlahmte, man musste sie wieder die steilste Anhöhe hinauftragen, von der sie nun nicht wieder herabkommt. "Ich sehe alle Abend die Sterne, die auf mein Grab scheinen werden, und das freut mich", sagte sie, "ich habe Friede geschlossen mit allen Menschen und mit allem Schicksal, der Wind mag brausend daherfahren, wie in der Bibel stehet, und den alten Eichen den Hals umdrehen, oder die Sonne mag meine alten Glieder erwärmen, – ich nehme alles dahin. Friede mit allen Dingen macht den Geist mächtig – der wahre Friede hat Flügel und trägt den Menschen noch bei Leibes Leben hoch über die Erde dem Himmel zu, denn er ist ein himmlischer Bote und zeigt den kürzesten Weg; er sagt, wir sollen uns nirgendwo aufhalten, denn das ist Unfriede; der grade Weg zum Himmel ist Geist, das ist die Strasse, die hinüber führt, dass man alles versteht und begreift, wer gegen sein Schicksal murrt, der begreift es nicht, wer es aber in Frieden dahinnimmt, der lernt es auch bald verstehen; was man erfahren und gelernt hat, das ist allemal eine Station, die man auf der Himmelsstrasse zurückgelegt; ja, ja! Das Schicksal des Menschen entält alle Erkenntnis, und wenn man erst alles verstanden hat auf dieser irdischen Welt, dann wird man ja doch wohl den lieben Gott können begreifen lernen. Niemand lernt begreifen, denn durch Eingebung vom heiligen Geist; durch eigne Offenbarung lernt man fremde verstehen; – ich erkenne gleich in jedes Menschen Herz, was ihn sticht und was ihn brennt, und weiss auch, wann die Zeit kommt, die ihn heilt; ja ich muss noch täglich weinen über meinen lieben Sohn, der erfroren ist, aber weil ich weiss, dass er die irdische Strasse zurückgelegt hat, so hab ich nichts dawider, ich lese auch täglich in diesem Buch, da stehen diese grossen Wahrheiten alle geschrieben." Sie gab uns einen alten Gesang zu lesen: "O Herr! Du führst mich dunkle Wege, am Ende aber sehe ich Licht"; in diesem stand zwar nichts von dem, was sie uns mitgeteilt hatte, als nur einzelne Hauptworte.
Im Nachhausegehen vertrieben uns die Giessener Studenten die Grillen, sie hatten sich am Abhang des berges in grossen Weinlauben gelagert, sie sangen, sie jauchzten, Gläser und Flaschen flogen hinab, sie tanzten, walzten und wälzten sich den Berg hinunter und durchschallten das Tal mit ihrem grausamen Gebrüll.
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Die Ammenburg
So nenne ich die kleine wohnung, die grade so gross ist, den einfachsten Bedürfnissen eines einzelnen Menschen in schöner wohltuender Ordnung zu genügen, sie ist mit roten Steinen oben auf eine mit samtnen Rasen bekleidete, kegelrunde Bergkuppe aufgemauert. Vor drei Jahren stand sie noch nicht hier, da war die Liebe der einzige Schutz gegen Wind und Wetter, da kamen sie häufig zusammen vom Frühling bis zum Herbst, von Sonnenuntergang bis zu Sonnenaufgang lagen sie, vom Mond belacht, auf Blumenrasen zwischen silbernen Bergquellen, im Winter rief ihn die Kriegstrompete, Armide blieb allein, aber nicht lange, da kam Amor das Kind, sie legte ihn in die Wiege, sie nährte es mit der Milch ihrer Brüste und noch ein anderes dazu. Für den Ammenlohn kaufte sie sich diesen Fleck und baute das kleine Haus und wohnt jetzt mit ihren goldlockigen Bübchen hier oben, wo sie weit durchs Tal in die Ferne sieht und bei Windstille auch hören kann, wenn die Trommel sich rührt oder die Trompete zwischen den Felswänden schmettert. Vielleicht kehrt er zurück und erkennt an dem lustigen, buntbemalten Schornstein, der auf das Häuschen aufgepflanzt ist, dass das freudige Liebesglück nicht in Reue zerschmolzen ist.
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Heute zogen wir nach einer andern Burg. Sie liegt vier Meilen entfernt, ihre stolzen, wohlerhaltenen Türme streckt sie gegen Himmel, als ob sie sie zum Schwur emporhebe; man sieht sie schon von mehreren Meilen, jede Viertelstunde macht sie eine andere Miene, bald treten Wälder hervor, die sie umkleiden, bald weiche Hügel, oft auch schwimmen Dörfer in den fruchtreichen Bahnen ihres langen und weiten Flurengewandes, die aber bald in seinen Falten wieder versinken. Wir waren alle beritten und zur Jagd gewappnet. Im Wald machten wir Mittag, ein Fuchs wurde verfolgt, das hielt unsere Reise auf. Da wir ankamen, stieg der Mond zwischen beiden Türmen herauf, wir aber ritten im finstern Tal durch die kleine Stadt mit holperigen Strassen; in einer grossen Eisengiesserei übernachteten wir. Am Morgen, vor Tag, eilte ich hinaus, ich wollte meine Schöne, die natur, noch mit verschlossnen Augen überraschen, ich wollte sehen, wie sie auf dieser Seite, in dieser süssen Lage sich ausnähme. O Freund, alle Blumenkelche voll Tauspiegel, ein Gräschen malt sich im Perlenschmuck des andern, ein Blümchen trinkt sein Bild aus dem Kelche des Nachbarn, und Du! – und Dein Geist, der erquickende, was kann er mehr sein, was kann er anders sein als reiner Himmelstau, in dem sich alles in reinster Urschönheit spiegelt; Spiegel! – Tiefe weisheitsvolle Erkenntnis ist Dein Geist, in dem selbst Du nur Dich spiegelst, und alles Liebe, was der Menschheit