mich beschämt durch diese machtausübenden Begeistrungen, da stand ich und redete im Spiegel mit mir: "Er weiss von dir nichts, in dieser Stunde läuten ihm andere Glocken, die ihn da- und dortin rufen, er ist heiter, der Gegenwärtige ist ihm der Liebste, armes Kind! Dich nennt sein Herz nicht", da flossen meine Tränen, da hab ich mich getröstet und hatte Ehrfurcht vor dieser Liebe als vor etwas ganz Erhabnem. Ja, es ist wahr, es ist ein höherer Mensch innewohnend, dem sollen wir immer nachgehen, seinem Willen Folge leistend, und keinem andern sollen wir Altäre bauen und Opfer bringen, nichts soll ausser ihm geschehen, wir sollen von keinem Glück wissen als nur in ihm.
So hab ich Dich geliebt, indem ich dieser inneren stimme willfahrte, blind war ich und taub für alles, kein Frühlingsfest und kein Winterfest feierte ich mit, auf Deine Bücher, die ich immer lesen wollte, legte ich den Kopf und schloss mit meinen Armen einen Kreis um sie, und so schlief ich einen süssen Schlaf, während die Geschwister in schönen Kleidern die Bälle besuchten, und ich sehnte mich, immer früher zum Schlafen zu kommen, bloss um da zu sein, wo ich Dir näher war. So ging die Zeit zwischen sechzehn und achtzehn Jahren hin, dann kam ich zu Deiner Mutter, mit der ich von Dir sprach, als ob Du mitten unter uns seist, dann kam ich zu Dir und seitdem weisst Du ja, dass ich nie aufgehört habe, mit Dir innerhalb dieses Kreises zu wohnen, den ein mächtiger Zauber um uns zieht. Und Du weisst von da an alles, was in meinem Herzen und Geist vorgeht, drum kann ich Dir nichts anders mehr sagen, als zieh mich an Dein Herz und bewahr mich an demselben Dein Leben lang.
Gute Nacht, morgen reise ich in die Wetterau.
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Reise in die Wetterau
Wie es hier aussieht, das muss ich Dir beschreiben. Eine weite Ebne, lauter Korn, von allen Seiten, als wär die Erde ein runder Teller, aber doch mit einem Rand; denn sanft schwillt die Fläche in die Runde bergan, abwechselnd umkränzt von Wald und Berggipfeln. Da stehe ich in der Mitte im wogenden Korn! Hätte ich Pfeil und Bogen und schösse nach allen Richtungen vom Mittelpunkt aus, so würde mein Pfeil einer alten Burg zufliegen, ich lauf nach allen Seiten, und wo eine auftaucht, da wandre ich hin; da hab ich manchen Graben zu überspringen, manch wasser zu durchwaten, Wälder zu durchkreuzen, steile Klippen zu erklettern; wären's Abgründe, reissende Ströme, Wüsteneien und schwindelhohe Felswände, so wär ich der kühnste Abenteurer. – An jeder alten Ruine ein kleines Schwalbennest von Menschenwohnung angemörtelt, wo wunderliche steinalte Leute wohnen, abgelöst von den meisten Beziehungen mit ihresgleichen, und doch mit einem herzrührenden wolkendurchblitzten blick versehen. – Gestern gingen wir wohl eine gute Stunde durch schön geordnete Traubengänge, bis wir an die steile Höhe kamen, wo die Festungsmauern beginnen und das Hinansteigen nur durch Geübteit oder Kunstsprünge erleichtert wird. Da oben haben sich ein paar mitleidige Birnbäume erhalten und Eichen mit grossem, breitem Laubdach und eine Linde im schwimmenden, heissen Dampf ihrer Blüte. Mitten in dieser ehrwürdigen Gesellschaft, den Zeugen früherer Tage, lag auf spärlichem Rasen ein alter Mann mit silbernem Haar und schlief. Das unreife Obst, was von den Bäumen gefallen war, lag gesammelt an seiner Seite, seinen Händen war wahrscheinlich das danebenliegende, sehr zerlesene offene Gesangbuch entfallen, auf das ein schwarzer Hund mit glühenden Augen die Schnauze gelegt hatte; er machte Miene zu bellen, allein um seinen Herrn nicht zu wecken, hielt er an sich, wir auch gingen im weiteren Kreise um das kleine Revier, um dem Hund zu zeigen, dass wir keine böse Absicht hatten. Aus dem Speisekorb nahm ich ein weisses Brot und Wein, ich wagte mich, so nah mir der Hund erlaubte, und legte es hin, dann ging ich nach der andern Seite und übersah mir das Tal; es war geziert mit Silberbändern, die ins Kreuz die grünen Matten einschnürten, der schwarze Wald umarmte es, die fernen Bergkuppen umwachten es, die Herden wandelten über die Wiesen, die Wolkenherde zog der Sonne nach, von ihrem Glanz durchschimmert, und liess die blasse Mondessichel allein stehen, dort über dem schwarzen Tannenhorst; so umwandelte ich rund meine Burg und sah hinab und hinauf, überall wunderliche Bilder, hörte schwermütige Töne und fühlte leises, schauerliches Atmen der natur, sie seufzte, sie umschmeichelte mich wehmütig, als wolle sie sagen: "Weine mit mir!" – Ach, was steht in meiner Macht? – Was kann ich ihr geben!
Da ich zurückkehrte, sah ich im Vorübergehen den Alten unter dem Baum mit dem Hund, der aufrecht vor ihm sass und ihm in den Mund sah, das weisse Brot verzehren, was ich bei ihn gelegt hatte.
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Gegenüber liegt eine andre Burg, da wohnt als Gegenstück eine alte Frau, umgeben von drei blonden Enkel-Engelsköpfchen, wovon das älteste drei Jahr und das jüngste sechs Monate ist. Sie ist nah an siebenzig Jahre und geht an Krücken; im vorigen Jahr war sie noch rüstig, erzählte sie, und hatte vom Schulmeister den Dienst, die Glocken zu läuten, weil die Kirche höher lag wie das Dorf und näher an der alten Burgruine; ihr Sohn war Zimmermann, er ging in der