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zu umarmen, mit ihm tausend Abenteuer zu besprechen. Sie teilten sich auf der Jagd, und der erste Schuss, den der Freund tat, war in beide Augensterne des Herzogs.

Ich habe den Herzog nie bedauert, ich bin nie zum Bewusstsein über sein Unglück gekommen; so wie ich ihn sah, erschien er mir ganz zu sich und seinem Schicksal sich verhaltend, ohne Mangel; wenn ich andre hörte sagen: "Wie schade, wie traurig, dass der Herzog blind ist!" so fühlte ich's nicht mit, im Gegenteil dachte ich: "Wie schade, dass ihr nicht alle blind seid, um die Gemeinheit eurer Züge nicht mit diesen vergleichen zu dürfen!" Ja Goete! Schönheit ist ja das sehende auge Gottes, Gottes Auge, auf welchem Gegenstand es mit Wohlgefallen ruht, erzieht die Schönheit, und ob der Herzog auch nicht gesehen habe, – er war dem göttlichen Licht vermählt durch die Schönheit, und dies war allemal nicht das bitterste Schicksal.

Wenn ich so neben ihm stand und in Gedanken versunken mit ihm seufzte, da fragte er "Qui est ? – Bettine! Amie viens que je tauche tes traits, pour les apprendre par coeur!" Und so nahm er mich auf den Schoss und fuhr mit dem Zeigefinger über meine Stirn, Nase und Lippen und sagte mir Schönes über meine Züge, über das Feuer meiner Augen, als ob er sie sehen könne. Einmal fuhr ich mit ihm von Frankfurt nach Offenbach zur Grossmutter, ich sass neben ihm, er fragte, ob wir noch in der Stadt seien, ob Häuser da seien und Menschen? – Ich verneinte es, wir waren auf dem Land, da verwandelte sich plötzlich sein Gesicht, er griff nach mir, er wollte mich ans Herz ziehen, ich erschrak; schnell wie der Blitz hatte ich mich den Schlingen seiner arme entzogen und duckte nieder in der Ecke des Wagens; er suchte mich, ich lachte heimlich, dass er mich nicht fand, da sagte er: "Ton coeur est-il si méchant pour mépriser, pour se jouer d'un pauvre aveugle?" Da fürchtete ich mich der Sünde meines Mutwillens, ich setzte mich wieder an seine Seite und liess ihn gewähren, mich an sich ziehen, mich heftig an sein Herz drücken, nur mit dem Gesicht beugte ich aus und gab ihm die Wange, wenn er nach dem Mund suchte. Er fragte, ob ich einen Beichtvater habe? – Ob ich diesem erzählen werde, dass er mich geküsst habe? Ich sagte naiv schalkhaft: wenn er glaube, dass dies dem Beichtvater Vergnügen machen werde, so wolle ich's ihm erzählen. "Non, mon amie, cela ne lui plaira pas, il n'en faut rien dire, cela ne lui plaira absolument pas, n'en dites rien à personne." In Offenbach erzählte ich's der Grossmutter, die sah mich an und sagte: "Mein Kind! Ein blinder Mann, ein armer Mann!" – Im Nachhausefahren fragte er, ob ich der Grossmutter gesagt habe, dass er mich geküsst habe; ich sagte "ja". "Nun, war die Grossmutter bös?" – "Nein", "Et bien? Est ce quelle n'a rien dit?". – "Oui!". – Et quoi?" – "Ein blinder Mann, ein armer Mann!" "O qui!" rief er, "elle a bien raison! Ein blinder Mann, ein armer Mann!" und so rief er einmal ums andre: "Ein blinder Mann, ein armer Mann!" bis er endlich in einen lauten Schrei der Klage ausbrach, der mir wie ein Schwert durchs Herz drang, aber meine Augen blieben trocken, während seinen erstorbenen Tränen entfielen. Dem Herzog ist seitdem ein feierliches Monument in meinem Herzen errichtet.

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Wir hatten einen schönen Garten am Haus, Ebenmass und Reinlichkeit war seine Hauptzierde, an beiden Seiten liefen Spaliere hin mit ausländischen Fruchtbäumen, im mitten gang standen diese Bäume so edel, so hoch, so frei von jedem Fehl, sie hingen ihre schlanken Äste schwertragend im Herbst an den Boden, es war so still in diesem Garten wie in einem Tempel, im Eingang waren auf beiden Seiten zwei gleichmässige Teiche, in deren Mitte Blumeninseln waren, hohe Pappeln begrenzten ihn und vermittelten die Nachbarschaft zu den Bäumen in den angrenzenden Gärten. Denke doch, wie es mir da erging, wie da alles so einfach war und wie ich Deiner bewusst ward.

Warum wühlt's mir im Herzen, wenn ich mich dran erinnere, dass die Blütenkätzchen von den Pappeln und diese braunen klebrigen Schalen von den Knospen mich beregneten, wie ich da so still in der Mittagsstunde sass und dem Streben der jungen Weinranken nachspürte, wie die Sonnenstrahlen mich umwebten, die Bienen mich umsummten, die Käfer hin und her schwirrten, die Spinne ihr Netz ins Gitter der Laube hing? – In solcher Stunde bin ich Deiner zum erstenmal innegeworden. – Da lauschte ich, da hörte ich in der Ferne den Lärm der Welt, da dachte ich: du bist ausser dieser Welt, aber mit wem bist du? – Wer ist bei dir? – Da besann ich mich auf nah und fern, da war nichts, was mir angehörte. Da konnte ich nichts erfassen, mir nichts denken, was mein sein könne. Da