Lieblinge waren. Wir wurden entlassen und gingen in den Garten; – wir trugen damals breite Schärpen von blau und weiss geflammter Seide, auf dem rücken waren sie in Schleifen gebunden, die in der vollen Breite, welche wohl eine Elle betrug, ausgebreitet waren, so dass sie gleichsam Schmetterlingsflügel bildeten. Während ich in meinem Blumenbeet arbeitete, haschte mich einer an diesen Flügeln; es war Herder. "Siehst du, kleine Psyche", sagte er, "mit den Flügeln geniesst man wohl die Freiheit, wenn man sie zu rechter Zeit zu brauchen weiss, aber an den Flügeln wird man auch gefangen, und was gibst du, dass ich dich wieder loslasse?" – Er verlangte einen Kuss, ich verneigte mich und küsste ihn, ohne das Geringste einzuwenden.
Der Kuss des geretteten Franzosen war ganz im Einverständnis meiner Empfindung, ich kam ihm auf halbem Weg entgegen, und doch war er unmittelbar darauf vergessen, und jetzt erst, nach sechs Jahren, tauchte er aus meiner Erinnerung auf als eine neue Erscheinung. Herders Kuss war von meiner Seite ganz willenlos oder eher unwillig angenommen, und doch hab ich ihn nicht vergessen; ich konnte in erster Zeit den Eindruck nicht verwinden, er verfolgte mich im Traum; bald war mir's, als habe ich wider meinen Willen etwas weggeschenkt, bald überraschte es mich, dass dieser grosse bedeutende Mann mich so dringend aufgefordert hatte, ihn zu küssen, dies war mir eine rätselhafte Erfahrung. Herder sah mich so feierlich an, nachdem er mich geküsst hatte, dass mich ein Schauer befiel; der rätselhafte Name Psyche, dessen Bedeutung ich nicht verstand, versöhnte mich einigermassen mit ihm, und wie denn manches Zufällige, was vielen unscheinbar vorüberschweift, einen tief rührt und eine währende Bedeutung für ihn gewinnt, so war mir dies unbegriffne Wort Psyche ein Talisman, der mich einer unsichtbaren Welt zuführte, in der ich mich unter diesem Namen begriffen dachte.
So lehrte mir Amor das Abc, und in meiner Geisblattlaube, in der die Spinnen rund um mich her dem beflügelten Insektenvolk Netze stellten, seufzte die kleine beflügelte Psyche über dieser problematischen Lektion.
Ach Herr! – Im Anfang des Jahres ist die Sonne mild, sie schmeichelt den jungen Trieben, dann spaltet sie die Keime und wird immer dringender, die geöffnete Knospe kann sich nicht wieder in die kühle kammer bewusstloser Dunkelheit verschliessen, ihre Blüte fällt dem glühenden Strahl, der sie erst lockte, als Opfer.
Dritter Kuss
Der blinde Herzog vom Aremberg, der schöne, dessen Zügen die geheiligte Würde der Legitimität aufgeprägt war, wollte gegen meinen Willen mir diesen Kuss geben, ich aber war wie die schwankende Blume im Winde, die der Schmetterling vergeblich umtanzt. Lass Dir's erzählen und ausmalen mit diesen bunten Farben aus dem Muschelkasten des Kindes, mit denen ich damals noch meine Welt ausmalte und sie verstand, und Du wirst sie auch verstehen und Dich freuen, dass Du mit mir in den Spiegel siehst, in dem ich mich erkenne und den Genius, der mich zu Dir lenkt.
Er war schön, der Herzog! – Schön für das grossgewölbte Kinderauge, das noch kein Menschenantlitz erblickt hatte, dessen Züge Geist ausströmten. Wenn er stundenlang bei der Grossmutter sass und sich von ihr erzählen liess, stand ich neben ihm und starrte ihn an: ich war in Betrachtung dieser reinen erhabenen Züge versunken, die dem gewöhnlichen Menschen nie geschenkt werden.
Die reine, starke Stirn, deren Mitte eine Feuerstelle hatte für den göttlichen Brand des Zorns, diese Nase, höher, kühner, trotzbietender als sein schauerliches Schicksal, diese feinen feuchten Lippen, die mehr als alles andre Befehl und Herrscherwürde aussprachen, die Luft tranken und ausseufzten die tiefste Melancholie, diese feinen Schläfe, sich an den Wangen niederschmiegend zum aufgeworfnen Kinn, wie der metallne Helm der Minerva! – Lass mich malen, Goete, aus meinem kleinen Muschelkasten, es wird so schön! Sieh sie an, die grellen abstechenden Farben, die der philosophische Maler vermeidet, aber ich, das Kind, ich male so; und Du, der dem kind lächelt wie den Sternen, und in dessen Begeistrung Kindereinfalt sich mischt mit dem Seherblick des Weisen, freue Dich der grellen bunten Farben meiner Phantasie.
So war er, der schöne, blinde Herzog, so ist er noch jetzt in dem Zauberspiegel der Erinnerung, der alle Bilder meiner Kindheit gefesselt hält, der sie in Perlen reiht und Dir als Opfer zu Füssen legt; so war seine Gestalt oft niedergebeugt im Schmerz um die erblindete Jugend, dann stolz erstreckt, sich aufrichtend, heiter verächtlich ironisch lächelnd, wenn er die tiefversunknen Augensterne gegen das Licht wendete. Da stand ich und starrte ihn an, wie der Schäferknabe tief vergessen seiner Herde und seines Hundes, den an den einsamen Felsen geschmiedeten, von der abgewendeten Welt unbeklagten Prometeus anstarrt; da stand ich und saugte den reinen Tau, den die tragische Muse aus ihrer Urne sprengt, um den Staub der Gemeinheit zu dämpfen, indem ich in tiefer, bewusstloser Betrachtung über ihn versunken war. – Es war in seinem zwanzigsten Jahr, im tollen, glühenden Übermut der Jugend, im Gefühl seiner überwiegenden Schönheit und im geheimen Bewusstsein alles dessen, was dieser zu Gebot stand, dass er am Tag der Jagd über die gedeckte Tafel sprang, mit seinen Sporen das Tischzeug mit Service und Prachtaufsatz auf die Erde riss und am Boden zerschmetterte, um seinem liebsten Freund an den Hals zu springen, ihn