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! mon dieu!". Ich lachte vor Freuden, aber dann brach ich in Tränen aus; denn es rührte mich, der Retter eines Menschen geworden zu sein, so ohne mich zu besinnen, so ohne zu wissen wie. – Und Du auch! – Rührt es Dich nicht? – Freut es Dich nicht, dass es mir gelungen ist? – Mehr als alle Schmeichelreden, die ich Dir sagen könnte? – "Sauvez-moi! Cachez-moi!" sagte er, "mon père et ma mère prieront pour vous.". Ich fasste ihn bei der Hand und führte ihn schweigend leise über den Hof nach dem Holzstall: dort untersuchte ich seine Wunde, das Blut abwaschen konnte ich nicht, ich hatte kein wasser, holen mochte ich auch keins, der Nachbar Andree, dessen Du Dich auch erinnern musst, war mit mehreren Freunden auf sein Observatorium gestiegen, um das Kriegswesen zu beobachten, er konnte mich bemerken. Ein einzig Mittel hatte ich erfunden; ich leckte ihm das Blut ab, – denn es ihm so mit Speichel abzuwaschen, schien mir zu unbescheiden; er liess mich gewähren, ich zog leise und sanft die anklebenden Haare zurück, – da flog ein Huhn mit grossem Geschrei vom oberen Holz herunter, wir hatten es verscheucht von dem Ort, wo es seine Eier zu legen pflegte, ich kletterte hinauf, um das Ei zu holen, die innere weisse Haut legte ich über die Wundees mag wohl geheilt haben, ich will's hoffen! – Nun eilte ich wieder in den Keller, die eine Schwester schlief, die andere betete vor Angst, die Grossmutter schrieb an einem kleinen Tisch bei Licht ihr Testament, die Tante hatte den Tee bereitet, ich bekam die Schlüssel zur Speisekammer, um Wein und kalte speisen zu holen, da dachte ich auch an den Magen meines armen Gefangenen und brachte ihm Wein und Brot. So ging der Tag vorüber und die Gefahr, der Keller wurde verlassen, mein Geheimnis fing an mich zu beklemmen; ich beobachtete jeden Schritt der Hausgenossen, der Köchin half ich in der Küche, ich holte ihr wasser und Holz, unter dem Vorwand, dass es doch noch gefährlich sein könne unter freiem Himmel, sie liess sich's gefallen; – endlich und endlich kam die Nacht, der Nachbar hatte Rapport gebracht, dass nichts zu fürchten sei vor der Hand, und so legte man sich zur Ruhe, deren man so sehr bedurfte. Ich hatte meine Schlafstätte im Nebenzimmer der Grossmutter, von da konnte ich den Holzstall, der vom Mond beschienen war, beobachten, ich ordnete nun meinen Plan: fürs erste mussten Kleider geschafft werden, die den Soldaten verleugneten. Wie gut, dass ich die Bibliotek offen gelassen! Da oben hing ein Jagdkleid und Mützevon welchem Schnitt, ob alt- oder neumodischwusst ich nicht. Wie ein Geist schlich ich auf blossen Strümpfen an der Tante Zimmer vorbei, schwebend trug ich's herunter, damit die metallnen Knöpfe nicht rasselten, er zog es an, es sass wie angegossenGott hat es ihm angepasst und die Jagdmütze dazu! Ich hatte das Geld, was man mir schenkte, immer in das Kissen eines ledernen Sessels gesteckt, weil ich keine gelegenheit hatte, es zu brauchen. Jetzt durchsuchte ich den Sessel, und es fand sich eine ziemliche Barschaft zusammen, die ich meinem Geretteten als Zehrpfennig einhändigte. Nun führte ich ihn durch den mondbeschienenen, blüteduftenden Garten; wir gingen langsamen Schrittes Hand in Hand bis hinter die Pappelwand, an die Mauer, wo alle Jahr die Nachtigall in der Rosenhecke ihr Nest baute, es war grade die Zeit, was half's – dies Jahr musste sie gestört werden. Da wollte er mir danken, da nahm er mich auf seine arme und hob mich hoch, er warf die Mütze ab und legte den verbundenen Kopf auf meine Brust, was hatte ich zu tun? Ich hatte die arme frei, ich faltete sie über seinem Kopf zum Gebet; er küsste mich, stieg über die Rosenheckenmauer in einen Garten, der zum Main führte, da konnte er sich übersetzen; denn es waren Nachen am Ufer.

Es gibt unerwartete Erfahrungen, die sind vergessen, gleich als ob sie nicht erlebt wären, und erst dann, wenn sie wieder aus dem Gedächtnisbrunnen heraufsteigen, ergibt sich ihre Bedeutunges ist, als ob eine Lebenserfahrung dazu gehörte, ihre Wichtigkeit empfinden zu lernen; es sind andre Begebnisse, auf die man mit Begeistrung harrt, und die schwimmen so gleichgültig vorüber wie das fliessende wasser. – Wie Du mich fragtest, wer mir den ersten Kuss gegeben habe, dessen ich mich deutlich erinnere, da schweifte mein Besinnen hin und her wie ein Weberschiffchen, bis allmählich dies Bild des Erretteten lebhaft und deutlich hervortrat, und in diesem Widerhall des Gefühls erst werde ich gewahr, welche tiefe Spuren sie in mir zurückgelassen! – So gibt es Gedanken wie Lichtstrahlen, die einen Augenblick nur das Gefühl der Helle geben und dann verschwinden, aber ich glaube gewiss, dass sie ewig sind und uns wieder berühren in dem Augenblick, wo unsere sittliche Kraft auf die Höhe steigt, mit der allein wir sie zu fassen vermögen. Ich glaube: mit uns selbst ins Gericht gehen, oder wenn Du willst, Krieg führen mit allen Mächten, ist das beste Mittel, höherer Gedanken teilhaftig zu werden. Es gibt eine Art Lumpengesindel auch im Geist