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die Menschen aber freute ich mich nicht, – sie leuchteten mir nicht ein, ich verstand und ahnte nicht, dass man sich mit ihnen verständigen könne; – manche Sommernacht auch schwamm die Kapelle von blasenden Instrumenten auf dem Main, bald hinab und hinauf, begleitet von vielen Nachen, auf denen sich kaum ein Flüstern hören liess, so tiefernst hörten sie der Musik zu. Da wurde ich auch mitgeschaukelt auf den sanften Wellen und sah die wechselnden Schatten, Lichter und Mondstrahlen und liess das kühle wasser über meine hände laufen. So war das Sommerleben, das plötzlich durch die rückkehrenden Kriegsszenen unterbrochen ward. Da war an kein Flüchten zu denken, am Morgen, da wir erwachten, hiess es: "Hinab in den Keller! Die Stadt wird beschossen, die Franzosen haben sich hereingeworfen, die Rotmäntel und die Totenköpfe sprengen von allen Seiten heran, um sie herauszujagen!" Da war ein Zusammenlaufen auf den Strassen, da erzählte man sich von den Rotmänteln, dass die kein Pardon gäben, alles zusammenhauen, dass sie fürchterliche Schnurrbärte haben, rollende Augen, blutrote Mäntel, damit das vergossene Blut nicht so leicht zu bemerken sei. allmählich wurden die Fensterladen geschlossen, die Strassen leer, die erste Kugel, die durch die Strassen flog, eilte alles in die Keller, auch wir, Grossmutter, Tante, eine alte Cousine von achtzig Jahren, die Köchin, die Kammerjungfer, ein männlicher Hausgenosse. Da sassen wir, die Zeit wurde uns lang, wir lauschteneine Bombe flog in unsern Hof, sie platzte. Das war doch eine Diversion, aber nun stand zu erwarten, dass Feuer ausbrechen könne. Allerlei, was meiner Grossmutter unendlich wichtig war von Büchern, von Bildern, fiel ihr ein, sie hätte es gern in den Keller gerettet. Der männliche Hausgenosse demonstrierte, wie es eine Unmöglichkeit sei, den heiligen Johannes, ein Bild, was die wunderbare Eigenschaft hatte, die Fabel geltend zu machen, er sei ein Raffael, jetzt aus dem oberen Saal herunterzuschaffen, indem es viel zu schwer sei; ich entfernte mich leise, stieg zum Saal, hob das schwere Bild ab, nahm es an der Schnur über den rücken, und so kam ich, noch eh die Verhandlung beendigt war, zum Erstaunen aller und zur grossen Freude der Grossmutter, zur Kellertreppe herabgepoltert, ich meldete noch, wie ich aus dem Saalfenster gesehen und alles still sei; ich bekam die Erlaubnis, noch mehr zu retten, ich bekam die Schlüssel zur Bibliotek, um Kupferwerke zu holen, mit freudiger Eile sprang ich die Treppe hinauf, in die Bibliotek hätt ich längst gern mich eingestohlen, da war eine Sammlung prachtvoller Muscheln, wunderbarer Steine, getrockneter Pflanzen, da hingen Strausseneier an den Wänden, Kokusnüsse, da lagen alte Waffen, ein Magnetstein, an dem alle Näh- und Stricknadeln hängen blieben, da standen Schachteln voll Briefschaften, Toiletten mit wunderlichem alten Geschirr und Geschmeide, Zitternadeln mit Sternen von bunten Steinen, o ich freute mich, den Schlüssel zu haben, ich holte herunter, was man verlangte, zog den Schlüssel ab, ohne abzuschliessen, und dachte mir eine stille, einsame Nacht, in der ich, alles durchsuchend und betrachtend, schwelgen wolle. Das Schiessen hatte wieder angefangen, einzelne Reiter hörte man in gestrecktem Galopp die furchtbare Stille der Strasse unterbrechen, die Furcht im Keller stieg, man dachte jedoch nicht daran, dass ich verletzt werden könne, und ich auch nicht; ich sprach nicht aus, dass ich mich nicht fürchte, und fühlte auch nicht, dass ich Gefahr lief, und so überkam ich das schöne Amt, alle zu bedienen, für alle Bedürfnisse zu sorgen. Ich hörte verschiedentlich die Reiter vorübersprengen. "Das mag ein Rotmantel sein!" dachte ich, lief eilig ans Fenster des unteren Geschosses, riss den Laden aufsiehe, – da hielt er in der mitten Strasse mit gezogenem Säbel, langem fliegenden Schnurrbart, dicken, schwarzen, geflochtenen Haarzöpfen, die unter der roten Pelzmütze hervorhingen, der rote Mantel schwebte in den Lüften, wie er die Strasse hinabflog, – alles wieder totenstill! – Ein junger Mensch in Hemdärmeln, blossem Kopf, totenblass, blutbespritzt, rennt verzweiflungsvoll hin und wieder, rasselt an den Haustüren, klopft an den Läden, keiner tut sich auf, mir klopft das Herz, ich winkeer sieht es nicht. Jetzt eilt er auf mich zu, bittend, – da ertönt der Schall eines Pferdes; er schmiegt sich in die Vertiefung des Hoftors, der Reiter, der ihn suchend verfolgt, sprengt an ihm vorbei, hält einen Augenblick, späht in die Ferne, wendet um undfort. O, jeder blick, jede Bewegung des Reiters und des Pferdes haben sich tief in mein Gehirn geprägt, und der arme Angsterfüllte eilt hervor und schwingt sich am schwachen Kinderarm herein in die rettenden Wände, aber kaum, – da ist der Reiter schon wieder, er sprengt an mich heran, ich rühr mich nicht vom Fenster, er verlangt wasser, – ich eile in die Küche, es ihm zu holen, nachdem er getrunken und nachdem ich ihn die Strasse hinabreiten gesehen erst, mache ich meinen Laden zu, und nun sehe ich mich nach meiner geretteten Beute um. Hätte sich der Rotmantel auf seinem Pferde in die Steigbügel gestellt, so hätte er meinen Geretteten entdeckt, dieser küsste mir zitternd die hände und sagte mit leiser stimme: "O mon dieu