gute Strecke hatte ich mich dahin treiben lassen, da war ich ebenso willenlos, als ich den Fluss hinabgeschwommen war, wieder umgekehrt, ich schritt ruhig von einer nachkommenden Eisscholle zur andern, bis ich mich glücklich am Ufer befand. Zu haus im Bette überlegte ich, wo mich wohl noch diese Wege hinführen möchten; es ahnte mir wie ein Weg, der immer weiter, aber nicht zurückführen werde, und ich war neugierig auf das Abenteuer der nächsten Nacht. Am andern Tag unterbrach eine zufällige Reise in die Stadt meine nächtlichen Geisterwanderungen. Da ich nach drei Wochen zurückkehrte, war dieser mächtige Reiz aufgehoben, und nichts hätte mich bewegen können, sie aus eigener Willkür zu wagen. – Sie lenkten freilich einen Weg, diese freundlichen Nachtgeister, der nicht wieder umlenkt, sie belehrten mich, wollten mich lehren der Tiefe, dem Ernst, der Weisheit meines Glückes nachzugehen und seine Beseligung nur als seinen Abglanz zu betrachten. So machen es die Menschen; während ihr Geschick ihnen einen vorübergehenden Genuss darbietet, wollen sie ewig dabei verweilen und versäumen so, sich ihrem Glück, das vorwärts schreitet, zu vertrauen, und ahnen nicht, dass sie den Genuss verlassen müssen, um dem Glück nachzugehen und es nicht aus den Augen zu lassen.
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Nur das eine ist Glück, was den idealischen Menschen in uns entwickelt, und nur insofern ihn Genuss in den Äter hebt und ihn fliegen lehrt in ungekannten Regionen, ist er ihm wahre Beseligung. – Gewiss, ich möchte immer bei Dir sein, in Dein Antlitz schauen, Rede mit Dir wechseln, die Lust würde nimmer versiegen: aber doch sagt mir eine geheime stimme, dass es Deiner nicht würdig sein würde, mir dies als Glück zu setzen. Vorwärtseilen in den ewigen Ozean, das sind die Wege, die mir auf eisiger Bahn die Geister vorschrieben, auf denen ich Dich gewiss nicht verlieren werde, da auch Du nicht umkehrst und ich nie an Dir vorüberschreiten werde, und so ist gewiss das einzige Ziel alles Begehrens die Ewigkeit.
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Die Reise nach der Stadt hatte der Krieg veranlasst. Wir flüchteten vor dem Getümmel der Österreicher mit den Franzosen; es war zu fürchten, dass unser kleines Stadtparadies mit seinen wohlgeordneten Lustrevieren nächstens unter den Hufen kämpfender Reiterei zertrümmert werde. Der Feind war nur flüchtig durch Feld und Wald gesprengt, hatte über den Fluss gesetzt, und die heimliche Ruh des beginnenden Frühjahrs lagerte schützend über den Saatfeldern, deren junges Grün schon aus dem schmelzenden Schnee hervorragte, da wir wieder zurückkehrten.
Die kräftigen Stämme der Kastanienallee, Du kennst sie wohl! Manche Träume Deiner Frühlingstage flatterten dort mit der jungen Nachtigallenbrut um die Wette, wie oft bist Du dort an Liebchens Arm dem aufgehenden Mond entgegengeschlendert! Ich mag nicht daran denken; Du wirst Dich der heiteren Aussichten des wimmelnden Lebens auf dem Fluss am Tag, seiner ruheflüsternden Schilfgestade in warmen Sommernächten und seiner ringsum blühenden Gärten, zwischen denen sich die reinlichen Strassen verteilen, noch gar wohl erinnern und auch seiner Bequemheit für Deine Liebesangelegenheiten. Seitdem hat sich die Gegend wie die Lebensweise und auch die Bevölkerung ins Wunderbare gespielt, und keiner würde es glauben, der's nicht gesehen hat, und jeder, der mit seinem Reisejournal in der tasche von seiner Reise um die Welt hier durchkäm, würde glauben, in die Stadt der Märchen versetzt zu sein12; eine mystische Nation wandelt in bunter, wunderbarer Kleidung zwischen den andern durch; die Greise und Männer mit langen Bärten in Purpur und grün und gelben Talaren, die Hälfte des Gewandes immer von verschiedener Farbe, die wunderschönen Jünglinge und Knaben in enganliegendem Wams, mit Gold verbrämt, die eine Hose grün, die andre gelb oder rot, dahersprengend auf mutigen Rossen mit silbernen Glöckchen am Hals, oder am Abend durch die Strasse auf der Gitarre und Flöte präludierend, bis sie vor Liebchens Fenster Halt machen! Denke Dir dies alles und den milden Sommerhimmel, der sich darüber wölbt und dessen Grenzen eine blühende, tanzende und musizierende Welt umfliesst; denke Dir den Fürsten jenes Volkes mit silbernem Bart, weissem Gewand, der vor dem Tor seines Palastes auf öffentlicher Strasse auf prächtigen Teppichen und Polstern lagert, umgeben von seinem Hofstaat, wo jeder einzelne ein absonderliches Zeichen seines Amts und Würde an seiner fabelhaften Kleidung hat. Da speist er unter freiem Himmel gegenüber den lustigen Gärten, hinter deren zierlichen Gittern hohe Pyramiden blühender Gewächse aufgestellt sind und mit feinem Drahtflor umzogene Volieren, wo der Goldfasan und der Pfau zwischen den rucksenden Haustauben einherstolzieren und die kleinen Singevögel jubeln, alles von zartem, grünem Rasen umschlossen, wo mancher Wasserstrahl emporschiesst; die Knaben in verbrämten Kleidern goldne Schüsseln bringen, indessen aus den offnen Fenstern des Palastes Musik erschallt. Wir Kinder machten manchmal im Vorübergehen da Halt und sahen und hörten dem Verein schöner Jünglinge im Gesang, Flöte und Gitarre zu; aber damals wusste ich nicht, dass nicht überall die Welt so heiter lieblich, so reinen Genusses sich ausbreite; und so fand ich es auch nicht wunderbar, wenn die Nacht einbrach und aus dem Nachbarsgarten die herrlichsten Symphonien herüberschallten, von einem Orchester der ersten Künstler aufgeführt, wenn die herrlichen grossen Bäume mit so viel bunten Lampen geschmückt waren, als Sterne sich am Himmel blicken liessen; da suchte ich einen einsamen Weg und sah den glühenden Johanniswürmchen zu, wie sich die im Flug durchkreuzten, und ich war überrascht von dem wunderbaren Leuchten, ich dachte nachts an diese Tierchen und freute mich auf den andern Abend, um sie wiederzusehen, auf