So erlangen wir Seligkeit, wenn wir auf dem Weg uns zu erhalten wissen, auf dem wir sie ahnen. Nie hatte ich eine bestimmtere Überzeugung von ihr, als wenn ich glaubte, von Dir geliebt zu sein. Und was ist sie denn, diese Seligkeit? – Du bist fern, wenn Du Dich der Geliebten erinnerst, so schmilzt Deine Seele in diese Erinnerung ein und berührt so liebend die Geliebte, wie die Sonnenstrahlen wärmend den Fluss berühren; wie die leisen Frühlingslüfte, die den Duft und den Blütenstaub zu dem Fluss tragen, der diese schönen Geschenke des Frühlings mit seinen Wellen vermischt. Wenn alles Wirken in der natur sich geistig in sich selbst fühlt, so empfindet der Fluss diese liebkosenden Berührungen als ein innerlichstes Wesentlichstes. – Warum sollte ich dies bezweifeln? – Warum empfinden wir die Entzückungen des Frühlings, als nur weil er den Rhytmus angibt, mit dem der Geist sich aufzuschwingen vermag? – Also, wenn Du meiner gedenkst, so gibst Du den Rhytmus an, mit dem meine Begeistrung sich zu dem Begriff von Seligkeit aufzuschwingen vermag.
Ach, ich fühl's! Mich durchzücken leise Schauer, dass Du meiner gedenken solltest in der Ferne, dass das Behagen, die Lust Deiner Tage einen Augenblick erhöht wird durch meine Liebe. Sieh, so schön ist das Geweb meiner inneren Gedankenwelt, wer möchte es zerstören! Musik! Jeder Ton in ihr ist wesentlich, ist der Keim einer Modulation, in die die ganze Seele sich fügt, und so verschieden, so in sich abgeschlossen die melodischen Formen sind, in die diese Gedankenwelt sich ergiesst: so umfasst sie doch und vernimmt die Harmonie, wie der Ozean alle Strömungen in sich aufnimmt.
***
So gehört denn auch zu unserm vögelsingenden, blüteschneienden Frühling, wo der Fluss zwischen duftenden Kräutern tanzt und ein Herz im andern lebt, jener kalte, vom Wind und Schnee durchkreuzte Winter, wo die eisige Luft mir den Atem an den Haaren zu Reif ansetzte, wo ich so wenig wusste, was mich in den Wintersturm hinausjagte, als wo der Wind herkam, und wo er hineilte. Ach, Herz und Sturmwind eilten der Gegenwart zuvor in die Zukunft, also Dir entgegen. – Darum riss es mich so unwiderstehlich aus dem stummen Dasein dem schönen Augenblick entgegen, der mein Leben in allen seinen Aspirationen entwikkeln und in Musik auflösen sollte.
***
Es kann dem Winter nichts ungleicher sein als der Frühling, der unter seiner eisigen Decke der Zukunft harrt; es kann dem im Samen verschlossnen, in der Erde verborgenen Keim nichts fremder sein als das Licht, und doch ist es seine einzige Richtung; der Genius des Lebens treibt aus ihm hervor, um sich mit dem Licht zu vermählen. – Dieses Anschmiegen an eine Geisterwelt, dies Vertrauen auf die geheime stimme, die mich so seltsame Wege leitete, die mir nur leise Winke gab, – was war es anders als ein unwillkürliches Folgen dem Geist, der mich reizte, wie das Licht das Leben!
***
Meine verödete Kirche stand diesseits an der Höhe, einer Mauer, die tief hinabging, einen Bleichplatz umschloss, der jenseits vom Mainfluss begrenzt war. Während mir vor der Höhe dieser Mauer schwindelte und ich furchtsam ausweichen wollte, hatte ich mich unwillkürlich hinübergeschwungen, und so fand ich im nächtlichen Dunkel kleine Spalten in der Mauer, in die ich hände und Füsse einklemmte und hervorragende Steine, auf denen ich mir hinabhalf; ohne zu bedenken, ob und wie ich wieder hinaufkommen werde, hatte ich den Boden erreicht; eine Wanne, die wohl im Sommer zum Bleichen gedient hatte und im Herbst war vergessen worden, rollte ich bis zum Ufer, stellte sie da auf und setzte mich hinein und sah dem Eisgang zu; es war mir eine behagliche, befriedigende Empfindung, so als eingerahmtes Bild der erhabenen Winternatur ins Antlitz zu schauen. Es war, als habe ich einer geheimen Anforderung Genüge geleistet. – Im Hinaufklettern fand ich ebenso kleine Lücken und Steine unter Händen und Füssen, wie ich sie brauchte. – Von nun an konnte kein Wetter, kein Zufall mich abhalten, ich überwand alle Schwierigkeiten; ohne zu wissen wie, fand ich mich an meiner Geistermauer, an der ich jeden Abend hinabkletterte und in meiner Wanne sitzend dem Treiben der Eisschollen zusah. Eine stiess ans Ufer, ich sträubte mich nicht mehr gegen die dämonischen Eingebungen, zuversichtlich sprang ich drauf und liess mich eine Weile forttreiben. Dann sprang ich auf die nächste, bis ich endlich in der Mitte des Stromes dahinsegelte. – Es war eine wunderbare Nacht! Warum? – Jeder Naturmoment ist wunderbar, ist ungeheuer, wo er in seiner Freiheit waltet über den Menschengeist, ich habe mich ihm preisgegeben, und so wirkte er als höchstes Ereignis. – Am fernen Horizont schimmerte ein dunkles Rot, ein trübes Gelb und milderte die Finsternis zur Dämmerung, das Licht, gefesselt in den Umarmungen der Nacht; dahin schaute ich, dahin trug mich mein eisiger Seelenverkäufer, und der Wind, der sich kaum über die Höhe des Flusses hob, spielte und klatschte zu meinen Füssen mit den Falten meiner Kleider. Noch heute empfinde ich den königlichen Stolz in meiner Brust, noch heute hebt mich die Erinnerung der schmeichelnden Winde zu meinen Füssen, noch heute durchglüht mich die Begeistrung jener kühnen nächtlichen Fahrt, als wenn es nicht vor sechs Jahren, sondern in dieser kalten Winternacht wär, in der ich hier sitze, um Dir zulieb und meiner Liebe zum Gedächtnis alles aufzuschreiben. Eine