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ihn nicht vom warmen Herzen herunternehmen. Du weisst, so hab ich mich auch nie aus Deinen Armen losgemacht; Du warst immer der erste und liessest die arme sinken und sagtest: "Nun geh!" – Und ich folgte dem Befehl Deiner Lippen. Hätte ich dem Deiner Augen gefolgt, so wär ich bei Dir geblieben; denn die sagten: "Komm her!"

Ich schlief also ein über dem Bewachen meines Kleinods im Busen, und da ich erwachte, las ich die zwei Zeilen von Deiner Hand geschrieben: "Ich war auch einmal so närrisch wie Du, und damals war ich besser als jetzt."

O Du! – Von Dir sagt die öffentliche stimme, Du seist glücklich, sie preisen Deinen Ruhm, und dass an den Strahlen Deines Geistes Dein Jahrhundert sich zum Ätergeschlecht ausbrüte, zum Fliegen und Schweben über Höhen und den Flug nach Deinen Winken zu richten; aber doch sagen sie, Dein Glück übersteige noch Deinen Geist. O wahrlich, Du bist Deines Glückes Schmied, der es mit kühnem, kräftigem Schlag eines Helden zurechtschmiedet; was Dir auch begegne, es muss sich fügen, die Form auszufüllen, die Dein Glück bedarf, der Schmerz, der andre zum Missmut und zur Klage bewegen würde, der wird ein Stachel für Deine Begeistrung. Was andre niederschlägt, das entfaltet Deinen Flug, der Dich den Bedrängnissen entebt, wo Du den reinen Äter trinkst und die Empfindung des Elends Dich nicht verdirbt. Du nimmst Dein Geschick als Kost nur aus den Händen der Götter und trinkst den bitteren Kelch wie den süssen mit dem Gefühl der Überlegenheit. Du lässt Dich nicht berauschen, wie ich mich berauschen lasse auf dem Weg, der zu Dir führt. Du würdest nicht, wie ich, der Verzweiflung hingegeben sein, wenn ein Abgrund Dich von Deinem Glück trennte. Und so hat Unglück nichts mit Dir zu schaffen. Du weisst es zu schaffen, Dein Glück, in jedem kleinen Ereignis, wie die allselige natur auch der geringsten Blume eine Blütezeit gewährt, in der sie duftet und die Sonne ihr in den Kelch scheint.

Du gibst jedem Stoff, jedem Moment alles, was sich von Seligkeit in ihn bilden lässt, und so hast Du mir gegeben, da ich doch zu Deinen Füssen hingegeben bin; und so hab auch ich einen Moment Deines Glückes erfüllt. Was will ich mehr! Da in ihm eine Aufgabe liegt bis zum letzten Atemzug.

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Ich vergleiche Dich mit Recht jener freundlichen, kalten Winternacht, in der sich die Geister meiner bemächtigten, in Dir leuchtet mir nicht die Sonne, in Dir funkeln mir tausend Sterne, und alles Kleinliche, was der Tag beleuchtet, schmilzt mir unberührt in seinen vieleckigen Widerwärtigkeiten in erhabenen massen zusammen.

Du bist kalt und freundlich und klar und ruhig wie die helle Winternacht; Deine Anziehungskraft liegt in der idealischen Reinheit, mit der Du die hingebende Liebe aufnimmst und aussprichst. Du bist wie der Reif jener Winternacht, der die Bäume und Sträucher mit allen kleinen Zweigen, Sprossen und Knospen zukünftiger Blüte mit weicher Silberdecke umkleidet. Wie jene Nacht, wechselnd mit Mond- und Sternenlicht, so beleuchtest Du Dein Begreifen und Belehren in tausend sich durchkreuzenden Lichtern und deckst mit milder Dämmerung und verschmilzst im Schatten; die aufgeregten Gefühle übergiessest Du mit idealischen Formen, jede Stimmung wird durch Dein liebendes Verstehen individueller und reizender, und durch Dein sanftes Beschwichtigen wird die heftige leidenschaft zum Genie.

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Von jenen abenteuerlichen Geister-Nachtwegen kam ich mit durchnässten Kleidern zurück, vom geschmolzenen Schnee; man glaubte, ich sei im Garten gewesen. Über Nacht vergass ich alles, erst am andern Abend um dieselbe Stunde fiel mir's wieder ein und die Angst, die ich ausgestanden hatte; ich begriff nicht, wie ich hatte wagen können, diesen öden Weg in der Nacht allein zu gehen und auf dem wüsten, schaurigen Platz zu verweilen; ich stand an die Hoftüre gelehnt, heute war's nicht so milde und still wie gestern, die Winde hoben sich und brausten dahin, sie seufzten auf zu meinen Füssen und eilten nach jener Seite, die schwankenden Pappeln im Garten beugten sich und warfen die Schneelast ab, die Wolken trieben mit ungeheurer Eile, was festgewurzelt war, schwankte hinüber, was sich ablösen konnte, das nahmen die jagenden Winde unaufhaltsam mit sich. – In einem Nu war auch ich über die Hoftür und im flüchtigen Lauf atemlos bis an die Kirche gekommen, und nun war ich so froh, dass ich da war; ich lehnte mich an das Gemäuer, bis der Atem beschwichtigt war, es war, als ob Leib und Seele in dieser Verborgenheit geläutert würden, ich fühlte die Liebkosungen von meinem Genius in der Brust, ich fühlte sie als echte Mitteilungen im Geist. Alles ist göttliche Mitteilung, was wir erfahren, alles erkennen ist Aufnehmen des Göttlichen, es kommt nur auf die zweifellose unschuldige Empfängnis unseres Geistes an, dass wir auch den Gott in uns empfinden. Wie ich zum erstenmal vor Dir stand und mich Dein blick wie ein Zauberstab berührte, da verwandeltest Du allen Willen in Unterwerfung, es kam mir nicht in den Sinn, etwas anders zu verlangen, als in dieser Lichtatmosphäre in die mich Deine Gegenwart aufnahm, zu verweilen, sie war mein Element; ich bin oft aus ihm verdrängt worden, immer durch eigene Schuld. Die ganze Aufgabe des Lebens ist ja das Beharren in ihm, und die Sünde ist das, was uns daraus verdrängt.

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