bewegt werden könntest durch meine Liebe, aber was hat die Nachtigall bewogen mir nachzugehen, warum kam sie herab vom hohen Baum und setzte sich mir so nah, dass ich sie mit der Hand hätte haschen können, warum sah sie mich an und zwar mir ins auge? – Das auge spricht mit uns, es antwortet auf den blick, die Nachtigall wollte mit mir sprechen, sie hatte ein Gefühl, einen Gedanken mit mir auszutauschen. (Gefühl ist der Keim des Gedankens), und wenn es so ist, welchen tiefen, gewaltigen blick lässt uns hier die natur in ihre Werkstatt tun; wie bereitet sie ihre Steigerungen vor, wie tief legt sie ihre Keime, wie weit ist es noch von der Nachtigall bis zu dem Bewusstsein zwischen zwei Liebenden, die ihre Inbrunst so deutlich im Lied der Nachtigall gesteigert empfinden, dass sie glauben müssen, ihre Melodien seien der wahre Ausdruck ihrer Empfindungen. –
Am andern Tag kam sie wieder, die Nachtigall – ich auch, mir ahnete, sie würde kommen, ich hatte die Gitarre mitgenommen, ich wollte ihr was vorspielen, an der Pappelwand war's, der wilden Rosenhecke gegenüber, die ihre langen schwankenden Zweige über die Mauer des Nachbargartens hereinstreckte und mit ihren Blüten beinah bis wieder an den Boden reichte; da sass sie, streckte ihr Hälschen und sah mir zu, wie ich mit dem Sand spielte. Nachtigallen sind neugierig, sagen die Leute, bei uns ist's ein Sprichwort: "Du bist so neugierig wie eine Nachtigall"; aber warum ist sie denn neugierig auf den Menschen, der scheinbar gar keine Beziehung auf sie hat? – was wird einst aus dieser Neugierde sich erzeugen? – O! nichts umsonst, alles braucht die natur zu ihrem rastlosen Wirken, es will und muss weitergehen in ihren Erlösungen. Ich stieg auf eine hohe Pappel, deren Äste von unten auf zu einer bequemen Treppe rund um den Stamm gebildet waren; da oben in dem schlanken Wipfel band ich mich fest an die Zweige mit der Schnur, an der ich die Gitarre mir nachgezogen hatte, es war schwül, nun regten sich die Lüfte stärker und trieben ein Heer von Wolken über uns zusammen. – Die Rosenhecke wurde hochgehoben vom Wind und wieder niedergebeugt, aber der Vogel sass fest; je brausender der Sturm, je schmetternder ihr Gesang, die kleine Kehle strömte jubelnd ihr ganzes Leben in die aufgeregte natur, der fallende Regen behinderte sie nicht, die brausenden Bäume, der Donner übertäubte und schreckte sie nicht, und ich auch auf meiner schlanken Pappel wogte im Sturmwind nieder auf die Rosenhekke, wenn sie sich hob, und streifte über die saiten, um den jubel der kleinen Sängerin durch den Takt zu mässigen. Wie still war's nach dem Gewitter! welche heilige Ruhe folgte dieser Begeistrung im Sturm! mit ihr breitete die Dämmerung sich über die weiten Gefilde, meine kleine Sängerin schwieg, sie war müde geworden. Ach, wenn der Genius aufleuchtet in uns und unsere gesamten Kräfte aufregt, dass sie ihm dienen, wenn der ganze Mensch nichts mehr ist, als nur dienend dem Gewaltigen, dem Höheren als er selbst, und die Ruhe folgt auf solche Anstrengung, wie mild ist es da, wie sind da alle Ansprüche, selbst etwas zu sein, aufgelöst in Hingebung an den Genius! So ist natur, wenn sie ruht vom Tagewerk: sie schläft, und im Schlaf gibt es Gott den Seinen. So ist der Mensch, der unterworfen ist dem Genius der Kunst, dem das elektrische Feuer der Poesie die Adern durchströmt, den prophetische Gabe durchleuchtet, oder der wie Beetoven eine Sprache führt, die nicht auf Erden, sondern im Äter Muttersprache ist. Wenn solche ruhen von begeisterter Anstrengung, dann ist es so mild, so kühl, wie es heute nach dem Gewitter war in der ganzen natur, und mehr noch in der Brust der kleinen Nachtigall, denn sie schlief wahrscheinlich heute noch tiefer als alle andren Vögel, und um so kräftiger und um so inniger wird ihr der Genius, der es den Seinen im Schlaf gibt, vergolten haben, ich aber stieg nach eingeatmeter Abendstille von meinem Baum herab, und durchdrungen von den hohen Ereignissen des eben Erlebten, sah ich unwillkürlich die Menschheit über die Achsel an.
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Alles ändert sich, die Menschen denken anders, wenn sie älter sind, als in der Jugend. Ach! – was werde ich denn einst denken, wenn mich dies irdische Leben so lange bewahrt, bis ich älter in ihm werde! vielleicht gehe ich, statt zu dem Freund, dann in die Kirche, vielleicht bete ich dann, statt zu lieben! Ach, wie werde ich's dem Lieben gleichtun im Beten? – Hab ich je Andacht empfunden, so war's an Deiner Brust, Freund! – Tempelduft, den Deine Lippen hauchen, Geist Gottes, den Deine Augen predigen, es strömt von Dir aus eine begeisternde Macht, Deine Gewande, Dein Antlitz, Dein Geist, alles strömt eine Heiligung aus. O Du! – Deine Knie fest an meine Brust drückend, frag ich nicht mehr, was das für eine Seligkeit sein möge, die im Himmel dem Frommen bereitet ist. – Gott von Angesicht zu Angesicht schauen? – Wie oft hab ich mit geschlossnen Augen Deiner Nähe mich gefreut. Vielleicht dringt Gott durch den Geliebten in unser Herz, – ja Geliebter! – was haben wir im Herzen als nur Gott